Unvergessene WM-Momente: Maradonas göttliche Rache
Aktualisiert

Unvergessene WM-MomenteMaradonas göttliche Rache

Im Viertelfinal der WM 1986 gegen England wollten die Argentinier Rache für den vier Jahre zuvor verlorenen Falklandkrieg. Sie hatten «göttlichen» Beistand.

von
Marius Egger
Maradonas Rache: Die «Hand Gottes» erzielt das 1:0 gegen England. (Bild: Keystone/EPA/Str)

Maradonas Rache: Die «Hand Gottes» erzielt das 1:0 gegen England. (Bild: Keystone/EPA/Str)

Es war mehr als ein Fussballspiel. Das wussten nicht zuletzt die Macher der britischen Zeitung «The Sun». «It's war, Señor», titelte das Revolverblatt martialisch. Es war der 22. Juni 1986 und die ganze Welt schaute an diesem Tag ins Aztekenstadion von Mexiko City, wo sich England und Argentinien im WM-Viertelfinal gegenüberstanden.

Fast genau vier Jahre zuvor, am 16. Juni 1982, kapitulierten die argentinischen Streitkräfte vor Grossbritannien im Falklandkrieg. 72 Tage dauerte der Konflikt, fast 900 Tote waren zu beklagen. Die britische Besatzung aber liess sich von der Militärjunta nicht vertreiben. Jetzt war die Zeit gekommen, Revanche für die Kriegsschmach zu nehmen und die nationale Ehre wieder herzustellen. Bereits vor dem Spiel prügelten argentinische und britische Fans im Stadion aufeinander ein.

«Maradona und zehn andere»

Das Spiel begann um 12 Uhr Ortszeit vor 114 580 Zuschauern, und in der mexikanischen Mittagshitze wird schnell klar, dass der englische Trainer mit seiner Prognose richtig lag: «Argentinien hat einen Maradona und zehn andere Spieler», sagte Bobby Robson vor dem Spiel. «Wenn wir es schaffen, dass er nicht ins Spiel kommt, haben wir die halbe Miete.» Doch der 1,67 Meter kleine «Dieguito» lässt sich an diesem Tag von nichts aufhalten.

Der argentinische Spielmacher vernascht die Engländer bereits in der ersten Halbzeit, zieht die Fäden bei den Gauchos und knallt in der 33. Minute einen Freistoss an den Pfosten. Die Engländer waren mit dem 0:0 zur Pause gut bedient. Doch das war erst der Anfang.

In der 51. Minute erhält Maradona zehn Meter nach der Mittellinie den Ball. Er umspielt den ersten Engländer, zieht am zweiten vorbei, vernascht den dritten und passt schliesslich zu Jorge Valdano. Der Stürmer wird vom Engländer Steve Hodge gestört. Dieser versucht, den Ball aus der Gefahrenzone zu dreschen. Doch seine «Kerze» fliegt in den Strafraum. Peter Shilton, der englische Torwart, rennt aus seinem Kasten. Es kommt zum Luftkampf mit Maradona, der auf einen Doppelpass spekuliert hat. Shilton ist 20 Zentimeter grösser als der argentinische Goldjunge und darf die Hände benutzen. Sekunden später liegt das Leder im Netz.

20 Zentimeter Grössenunterschied

Peter Shilton hebt sofort seinen Arm, Bobby Robson schaut ungläubig zum Schiedsrichter und selbst der jubelnd abdrehende Maradona schaut zweimal Richtung Referee um sich zu vergewissern, ob sein Treffer zählt. «Das ganze Stadion hat 'Mano' gerufen. Allen war klar, dass das Hands war», sagte ein Zuschauer nach dem Spiel. Doch der tunesische Schiedsrichter Ali Ben-Naceur gibt den Treffer.

«Es war illegal, Betrug», sagte Bobby Robson nach dem Spiel. «The Sun» titelte: «Diego, the cheat!» und auch die «Daily Mail» wetterte, Maradona habe «mit offenkundigem Betrug» Argentinien ins Halbfinale gebracht.

«Es ging nicht ums Gewinnen»

Maradona selbst war die Genugtuung nach dem Abpfiff anzuhören: «Es ging nicht ums Gewinnen, sondern darum, die Engländer heim zu schicken.» Die Falkland-Schmach war aus sportlicher Sicht ausgemerzt, Staatspräsident Alfonsin schickte ein Glückwunschtelegramm. Über sein Tor in der 51. Minute sagte der Protagonist nach dem Spiel: «Es war ein bisschen die Hand Gottes und ein bisschen Maradonas Kopf.» Erst 2005 gestand auch Maradona, den Ball wirklich mit der Hand gespielt zu haben.

Nur vier Minuten nach seinem umstrittenen Tor dribbelte sich «el pibe de oro» noch einmal in die Geschichtsbücher. Sein Sololauf über den halben Platz ging als «Tor des Jahrhunderts» in die Annalen ein. Maradona vernaschte sechs englische Spieler und Torhüter Shilton und drückte das Leder elf Sekunden später über die Linie. Selbst Trainer Robson sagte darüber: «Ein Wunder».

Die Hand Gottes:

Maradona und Lineker im Gespräch:

Deine Meinung