Nathan knows: Marco (20) wurde wegen HIV gekündigt
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Nathan knowsMarco (20) wurde wegen HIV gekündigt

Marco ist sauer: Der gelernte Koch vertraute einem Arbeitskollegen an, dass er HIV-positiv ist. Dieser informierte den Chef. Eine Woche später erhielt Marco die Kündigung. Doch ist das rechtens? Experte Nathan Schocher klärt auf.

von
Nathan Schocher
Julia Ullrich
Marco (20) fragt sich: «Darf mein Chef mir wegen meiner HIV-Diagnose kündigen?» Nathan Schocher, Programmleiter Aids-Hilfe Schweiz, klärt auf. 

Marco (20) fragt sich: «Darf mein Chef mir wegen meiner HIV-Diagnose kündigen?» Nathan Schocher, Programmleiter Aids-Hilfe Schweiz, klärt auf.

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Darum gehts:

  • Marco*(20) ist sauer: Er hat einem Arbeitskollegen im Vertrauen gesagt, dass er HIV-positiv ist. Dieser lief umgehend zum Chef und teilte ihm Marcos Diagnose mit.

  • Eine Woche später erhält der junge Koch die Kündigung

  • Experte Nathan Schocher gibt Marco Tipps, wie er sich gegen die Kündigung wehren kann. Wenn sie wegen der HIV-Diagnose erfolgt ist, ist sie nämlich rechtswidrig.

Marco* ist 20 Jahre alt und HIV-positiv. Nach der abgeschlossenen Kochlehre konnte er eine Stelle in einem renommierten Restaurant antreten. Dort weiss niemand von seinem HIV-Status. Dennoch erzählt er eines Tages einem Arbeitskollegen im Restaurant im Vertrauen, dass er HIV-positiv ist. Dieser erzählt es dem Chef weiter, weil er denkt, dass der Chef das wissen müsse. Eine Woche später erhält der junge Koch die Kündigung. Was tun?

Marco meldet sich bei der Rechtsberatung der Aids-Hilfe Schweiz. Er ist zu Recht wütend auf seinen Arbeitskollegen: Denn die Weitergabe dieser privaten Information ist ohne Einwilligung der HIV-positiven Person nicht erlaubt und stellt eine Datenschutzverletzung dar. Auch hat der Arbeitgeber kein Recht, Gesundheitsdaten seiner Mitarbeitenden zu kennen. Das heisst, er darf beim Stellenantritt oder während der Anstellung keine Gesundheitsfragen stellen.

Die Kündigung muss begründet werden

Ohnehin gibt es in der Schweiz keine verbotenen Berufe für Menschen mit HIV. Denn ihre Arbeitsfähigkeit ist in der Regel nicht eingeschränkt und eine Übertragung von HIV am Arbeitsplatz quasi ausgeschlossen. Dazu kommt, dass die meisten Menschen mit HIV unter Therapie sind und eine nicht nachweisbare Viruslast haben, also nicht ansteckend sind.

Wir schlagen Marco Folgendes vor: Er soll von seinem Chef die Begründung der Kündigung verlangen. Wenn HIV als Kündigungsgrund angegeben wird, ist sie gemäss Obligationenrecht missbräuchlich. Wenn ein Arbeitsgericht die Missbräuchlichkeit anerkennt, muss Marcos Boss ihm bis zu sechs Monatslöhne bezahlen. Den Job erhält er allerdings nicht zurück. Zudem ist der Gang vor Gericht für Marco mit Kostenrisiken verbunden, er muss zum Beispiel einen Anwalt nehmen und bezahlen.

Auch der Kollege könnte zur Verantwortung gezogen werden

Alternativ können wir auch mit Marcos Chef Kontakt aufnehmen und ihm die rechtliche und medizinische Lage darlegen. Im besten Fall gelangt der Arbeitgeber zur Einsicht und nimmt die Kündigung zurück – falls eine Zusammenarbeit unter diesen Umständen für Marco überhaupt noch infrage kommt.

Den Kollegen würde unser Rechtsdienst ebenfalls kontaktieren und ihn auf die Datenschutzverletzung sowie auf die allfälligen Rechtsfolgen hinweisen. Denn Marco könnte auch hier vor Gericht gehen, der Kollege müsste allenfalls Genugtuung bezahlen. Wenn der Kollege gegenüber dem Rechtsdienst schriftlich bestätigt, den Datenschutz künftig einzuhalten und niemanden mehr über Marcos HIV-Diagnose zu informieren, dann raten wir, vorläufig auf rechtliche Schritte zu verzichten.

*Name geändert.

Aids-Hilfe Schweiz

Nathan Schocher ist Programmleiter der Aids-Hilfe Schweiz.

Nathan Schocher ist Programmleiter der Aids-Hilfe Schweiz.

Marilyn Manser

Die Aids-Hilfe Schweiz berichtet hier regelmässig über Fälle aus ihrer Beratung. Nathan Schocher, Programmleiter der Aids-Hilfe Schweiz, fasst einmal pro Monat einen Fall anonym in einem Beitrag zusammen.
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