200’000 Franken Schulden - Marco hat 20 Jahre lang keine Steuererklärung ausgefüllt
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200’000 Franken SchuldenMarco hat 20 Jahre lang keine Steuererklärung ausgefüllt

Dafür wurde der Basler von der Steuerverwaltung eingeschätzt und geriet in eine Spirale von Betreibungen und Lohnpfändungen. Jetzt hat er 200’000 Franken Schulden und trotzdem wieder Hoffnung geschöpft.

von
Lukas Hausendorf
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Marco* mit Agnes Würsch von der Basler Schuldenberatung Plusminus. Der 40-Jährige holte sich erst Hilfe, als ihm die Pfändung drohte. 

Marco* mit Agnes Würsch von der Basler Schuldenberatung Plusminus. Der 40-Jährige holte sich erst Hilfe, als ihm die Pfändung drohte.

20min/Lukas Hausendorf
Seine erste Steuerklärung liess er einfach liegen. Es habe ihn überfordert und niemand habe es ihm erklärt, sagt Marco. 20 Jahre lang blieb das so.

Seine erste Steuerklärung liess er einfach liegen. Es habe ihn überfordert und niemand habe es ihm erklärt, sagt Marco. 20 Jahre lang blieb das so.

20min/Michael Scherrer
Dafür wurde er von der Steuerverwaltung eingeschätzt.  So wurde schon während der Lehre eine Steuerrechnung von über 4000 Franken fällig. Bezahlen konnte er nicht. 

Dafür wurde er von der Steuerverwaltung eingeschätzt. So wurde schon während der Lehre eine Steuerrechnung von über 4000 Franken fällig. Bezahlen konnte er nicht.

20min/Michael Scherrer

Wir treffen Marco*, der eigentlich anders heisst, nach Feierabend in seiner Wohnung in Basel. Der 40-Jährige ist einer von über 5000 Baslerinnen und Baslern, die von der Steuerverwaltung eingeschätzt wurden. Das passiert, wenn man sämtliche Fristen versäumt, um die Steuerunterlagen einzureichen. Meistens ist die amtliche Einschätzung zum Nachteil der Betroffenen, denen oft ein höheres Einkommen angerechnet wird, als sie tatsächlich erzielt haben.

In Basel-Stadt wird jede zwanzigste steuerpflichtige Person eingeschätzt. «Das ist grossmehrheitlich zum Nachteil der Betroffenen», sagt Agnes Würsch, Präventionsverantwortliche der Basler Schuldenberatungsstelle Plusminus. Selbst Sozialhilfebeziehende, die vom steuerbefreiten Existenziminum leben, können Steuerschulden anhäufen, wenn sie eingeschätzt werden.

Marco wurde rund 20 Jahre lang amtlich eingeschätzt und steht heute vor einem Schuldenberg von 200’000 Franken. Ein namhafter Teil seines Einkommens, das der Maler verdient, wird gepfändet. 20 Minuten hat er seine Geschichte erzählt, aber er möchte anonym bleiben, weil sein Umfeld von seinen finanziellen Problemen nichts erfahren soll.

«Ich wusste nicht, wie das geht und habe die Steuererklärung einfach liegen gelassen.»

Marco

Bezahle man Steuern und Krankenkasse nicht, gerate man ganz schnell in die Miesen, sagt Würsch. In anderen Ländern, etwa Deutschland werden diese Kosten direkt vom Lohn abgezweigt. In der Schweiz gilt hier das Prinzip Eigenverantwortung. Damit kommen viele nicht klar. Steuerschulden sind die Schuldenfalle Nummer eins in der Schweiz, jeder zehnte Haushalt ist davon betroffen.

«Mit 18, als erstmals die Steuerklärung kam, wusste ich einfach nicht, wie das geht und liess sie einfach liegen», erzählt er. «Niemand hat es mir erklärt und ich war einfach überfordert.»

Hilfe bei der Steuererklärung

Das Projekt mir-haelfe.ch der Schuldenberatung Plusminus wurde dieses Jahr lanciert, mit dem Ziel amtliche Steuereinschätzungen zu vermeiden. Dazu hat sich die Plusminus mit verschiedenen sozialen Stellen in Basel zusammengeschlossen. Menschen erhalten dabei unentgeltlich Unterstützung bei der Erledigung ihrer Steuererklärung. Die Christoph Merian Stiftung hat die Finanzierung für das erste Jahr übernommen.

Ohne dass er bereits einen richtigen Verdienst erzielte, stellte ihm die Steuerverwaltung eine Rechnung von über 4000 Franken aus. Als er mit 20 Jahren nach dem Militärdienst die Lehre anfing, wurde er schon von der Krankenkasse betrieben und erhielt die erste Lohnpfändung. Fast 20 Jahre lang ging es hin und her mit dem Betreibungsamt. «Ich hätte das Problem früher angehen können, aber ich war irgendwie zu faul», sagt
Marco.

Er wurde Vater, hatte meistens ein geregeltes Einkommen und konnte sich trotzdem nicht aus eigener Kraft aus der Schuldenspirale befreien. «Als nun vor einem Jahr wieder eine Pfändung kam, wusste ich, dass es so nicht mehr weitergeht.»

«Es ist unglaublich, wie lange es dauert, bis Menschen Hilfe suchen.»

Agnes Würsch, Schuldenberaterin

«Es ist schon unglaublich, wie lange es oft dauert, bis Menschen Hilfe suchen», sagt Würsch. Marcos Pfändungsbeamter war es schliesslich, der ihm nahe legte, die Schuldenberatung aufzusuchen. Da hatte sein Betreibungsauszug schon weit über 100 Positionen.

Jetzt steht Marco kurz vor dem Privatkonkurs. Für ihn ist das die einzige Möglichkeit, sich aus der Schuldenfalle zu befreien. Für eine Sanierung sind seine Schulden zu hoch. «Nach dem Konkurs wird er nicht schuldenfrei sein», erklärt Würsch. Bei seinem bescheidenen Einkommen sei er aber vor erneuten Pfändungen geschützt und werde über genügend Geld verfügen, um seinen Lebensunterhalt – einschliesslich der Steuern – bestreiten zu können. Plusminus schiesst die dafür nötigen Verfahrenskosten von über 3000 Franken vor. «Jetzt sehe ich Licht am Horizont», sagt Marco.

*Name der Redaktion bekannt

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