Aktualisiert

«Time-out»Mark Streit als Stürmer?

Nationaltrainer Sean Simpson könnte bald eine interessante taktische Variante haben: Mark Streit als Stürmer. Dies nicht permanent, aber vor allem falls Roman Josi kommt.

von
Klaus Zaugg
Helsinki

Gegen die Finnen (heute 19.15 Uhr im Liveticker) werden die Schweizer wieder «Hollywood-Hockey» zelebrieren. Also keine Rückkehr zum defensiven «Krueger-Hockey». Andy Murray ist Sean Simpsons taktischer Stabschef. Die NHL-Trainerlegende, seit zwei Jahren Coach an einer US-Universität und seit 2010 Berater unseres Nationaltrainers, entwirft auf seinem taktischen Kartentisch auch hier in Helsinki die Hockey-Feldzugspläne. Er verrät 20 Minuten Online: «Für uns ist es ein Kampf gegen die finnischen Verteidiger. Wenn wir ihnen Zeit und Raum lassen um das Spiel aufzubauen, dann haben wir keine Chance. Sie sind die Schlüsselspieler.»

Die gegnerischen Verteidiger lassen sich nicht aus der Ferne bekämpfen. Es bringt auch nichts, auf die gegnerischen Verteidiger zu warten, bis sie an der blauen Linie auftauchen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Der Ausfall aus der eigenen defensiven Wagenburg und vorwärts in die gegnerische Zone stürmen und dort den Verteidigern das Leben schwer machen. Oder noch einfacher: Aggressives Forechecking, offensives «Hollywood-Hockey». Wobei Andy Murray dieses Wort eigentlich nicht mag. «Es ist sehr wichtig, das Spiel gut zu strukturieren.» Eine gut organisierte wilde Jagd auf die gegnerischen Verteidiger also.

Finnen künden mehr als einen Treffer an

Ein Aussenseiter kann einen Favoriten auf diese Weise durchaus packen. Das spektakulärste Beispiel haben die Amerikaner 1980 beim Olympiaturnier in Lake Placid geliefert. Sie holten gegen die haushoch favorisierten Sowjets mit einer Mannschaft aus wilden, mutigen Hockeystudenten mit spektakulärem Lauf- und Tempohockey Olympisches Gold. «The miracle on ice» wurde sogar verfilmt und gilt bis heute die grösste Überraschung in der Geschichte des internationalen Hockeys.

Finnland ist der einzige Grosse, der seit 1998 gegen die Schweiz keine Punkte verloren hat. Der letzte WM-Sieg gegen Finnland liegt 40 Jahre zurück (3:2 in Prag – trotzdem Abstieg) und 1988 siegte die Nati im Startspiel zum Olympischen Turnier gegen den späteren Silbermedaillen-Gewinner Finnland 2:1. Köbi Kölliker buchte den Siegestreffer. In Helsinki haben die Finnen in zwei Spielen zwar erst zwei Tore erzielt (1:0 Weissrussland, 1:0 Slowakei). Aber Cheftrainer Jukka Jalonen verspricht: «Gegen die Schweiz werden wir mehr als einen Treffer erzielen.»

Streit wäre der bessere Monnet

Der Verlust von Simon Moser (Kreuz- und Innenbandriss, fällt sechs Monate aus) wiegt bei der offensiven Taktik der Schweizer umso schwerer. Er war mit seiner Dynamik, seiner Wucht auf den Aussenbahnen der perfekte Spieler für eine offensive Spielweise. Auf dem Papier wird er gegen Finnland durch Thibaut Monnet ersetzt. Der abschlussstarke Stürmer der ZSC Lions kann auf allen Positionen (Center oder Flügel) eingesetzt werden und für Moser neben Kevin Romy und Damien Brunner auf der Aussenbahn stürmen.

Doch der interessanteste Ersatz für Simon Moser steht schon im Team. Verteidiger Mark Streit. Streit hat sich seinerzeit in der NHL bei Montréal bereits als Flügel bewährt, wir haben also in der Mannschaft einen zweiten NHL-Stürmer. Er kann auf den Aussenbahnen mindestens die gleiche Wirkung erzielten wie Simon Moser.

Josis Freigabe sollte kein Problem sein

Allerdings macht es wenig Sinn, einen so dominierenden Weltklasse-Verteidiger wie Mark Streit dauerhaft als Stürmer einzusetzen. Aber punktuell, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu erzwingen oder einen Rückstand aufzuholen ist ein Einsatz von Streit als Stürmer durchaus eine Variante.

Vor allem dann, wenn Roman Josi doch noch nach Helsinki kommen und unsere blaue Linie verstärken sollte. Nashville ist aus den Playoffs ausgeschieden. Die Chancen, dass Roman Josi nachgemeldet werden kann, sind gross. Sean Simpson sagt gegenüber 20 Minuten Online. «Während der Playoffs gibt es keinen Kontakt mit den Spielern. Aber vor den Playoffs hat mir Roman zugesichert, dass er im Falle eines Falles für die WM zur Verfügung steht.» Für die WM braucht Roman Josi die Freigabe von Nashville. Die sollte, so Sean Simpson, kein Problem sein wenn Josi fit ist.

Einfache Viertelfinal-Rechnung

Die Viertelfinal-Rechnung ist jetzt einfach: Eine Niederlage oder einen Punktverlust gegen einen vermeintlich Kleinen (Frankreich am Sonntag) kann sich die Schweiz nach dem Sieg der Slowaken gegen die USA (4:2) nicht mehr leisten. Nebst einem Sieg im «Direktkampf» gegen die Slowaken braucht es voraussichtlich einen Sieg oder mindestens einen Punktgewinn gegen einen Grossen (Finnland, Kanada, USA). Im besten Fall genügen jetzt Siege gegen Frankreich und die Slowakei. Bei Punktgleichheit zwischen zwei Teams zählt die Direktbegegnung.

Siege oder Punkte gegen einen Grossen hat die Nati seit Beginn der modernen Zeitrechnung (WM 1998) oft geschafft. Eine Garantie für die Viertelfinals waren sie nicht. 2006 verpasste die Schweiz die Viertelfinals wegen einer Niederlage gegen Weissrussland (1:2), 2009 wegen einer Pleite gegen Lettland (1:2) und 2011 wegen einer Schmach gegen Norwegen (2:3) trotz Punktgewinnen gegen Grosse.

Punktegewinne gegen die Grossen

1998: Schweiz – Russland 4:2 (4. Schlussrang)

2000: Schweiz – USA 3:3, Schweiz – Russland 3:2, Schweiz – Schweden 1:1 (6.)

2003: Schweiz – USA 1:0 (8.)

2005: Schweiz – Russland 3:3 (8.)

2006: Schweiz – Schweden 4:4 (9.)

2008: Schweiz – Schweden 4:2 (7.)

2009: Schweiz – USA 4:3 n.V. (9.)

2010: Schweiz – Kanada 4:1, Schweiz – Tschechien 3:2 (5.)

2011: Schweiz – USA 5:3 (9.)

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