Vor Gericht: Massaker in der Gartenkolonie
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Vor GerichtMassaker in der Gartenkolonie

Die Anklage im Prozess um die brutalen Morde in einer Kleingartenkolonie im deutschen Gifhorn (Niedersachsen) hat für den 66-jährigen Angeklagten Wilfried R. die Höchststrafe gefordert.

Vor dem Landgericht Hildesheim beantragte die Staatsanwaltschaft am Montag, den Rentner wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen und zugleich die besondere Schwere seiner Schuld festzustellen. Der Angeklagte habe mit 20 Schlägen mit einem fünf Zentimeter dicken Eichenknüppel «aus grossem Hass, unbändiger Wut und menschenverachtendem Vernichtungswillen» vorsätzlich drei Menschen getötet, sagte Staatsanwalt Wolfgang Scholz in seinem Plädoyer. Zunächst habe er den Sohn seiner Gartennachbarn erschlagen, «weil er ihn verdächtigte, einen Haufen Reisig vor sein Gartentor geworfen zu haben.»

Später habe er abwechselnd auf dessen Vater und Mutter einprügelt. Deren Tötung sei eine Handlungseinheit und als ein gleichzeitig an zwei Personen begangener Mord einzustufen. Deswegen forderte die Staatsanwaltschaft auch nur die Verurteilung wegen zweifachen Mordes.

Die Taten des 66-Jährigen trügen «Züge von Selbst- und Lynchjustiz für Vergehen nichtigster Art», sagte Scholz weiter. Die Behauptung des Angeklagten, er habe aus Notwehr gehandelt, sei «ein untauglicher Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen». Er habe heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt und habe zudem bei der Tötung der Eltern die vorangegangene Ermordung des Sohnes verdecken wollen. Dem Angeklagten fehle auch jegliche Unrechtseinsicht. Daher dränge sich die besondere Schwere seiner Schuld auf.

Angeklagter beharrt auf Notwehr

Wilfried R. hatte in dem Prozess zugegeben, die Gartennachbarn nach jahrelangem Streit um Nichtigkeiten mit einem Eichenstock erschlagen zu haben. In seinem Schlusswort beteuerte er erneut seine Unschuld. «Ich bin kein Mörder oder Totschläger. Ich habe aus Notwehr gehandelt», sagte er. «Eines Tages stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen, und ich weiss, er spricht mich frei», versicherte der nach eigenen Angaben gläubige Rentner.

Gleichzeitig betonte der 66-Jährige allerdings auch, er bereue «aus tiefstem Herzen, diese Katastrophe herbeigeführt» zu haben. Die Gerichtsverhandlung bezeichnete er als «Farce» und «Zirkus», in dem viele Zeugen die Unwahrheit gesagt hätten.

Die beiden Verteidiger des 66-Jährigen plädierten auf Totschlag und verzichteten auf einen konkreten Strafantrag. Wahlverteidiger Erol Akbulut sagte, sein Mandant habe die Taten im Affekt begangen und sei wegen einer Persönlichkeitsstörung vermindert schuldfähig.

In der Kleingartenkolonie habe sich eine «gegenseitig geschürte Konfliktsituation» entwickelt, betonte der Anwalt. Vor der Tat habe der Sohn der Gartennachbarn den Rentner geschubst. Dieser habe dann rot gesehen und auf die Nachbarsfamilie ohne Tötungsvorsatz im Affekt einschlagen.

Der Anwalt kritisierte das Gutachten, das dem Rentner volle Schuldfähigkeit attestierte, als «oberflächlich» und «unrichtig». Sein Mandant habe eine Borderline-Persönlichkeit, sagte er. Schon vor den Plädoyers hatte der Anwalt eine zweite Begutachtung des 66-Jährigen verlangt.

Das Gericht lehnte den Antrag des Verteidigers ab. Sein Urteil will das Landgericht am 7. Mai um 11.00 Uhr verkünden. (dapd)

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