Erntetechnik: Massaker in der Wiese
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ErntetechnikMassaker in der Wiese

Mähmaschinen sind nicht nur für Rehkitze gefährlich. Bei einer einzigen Grasernte können über die Hälfte aller Wieseninsekten sterben - wenn mit der «falschen» Technik gemäht wird.

In seiner Doktorarbeit untersucht der Agroscope- und ETH-Forscher Jean-Yves Humbert, welchen Einfluss verschiedene Mäh- und Erntetechniken auf die Tiere in den Wiesen haben. Wichtig sei das von 13 Kantonen unterstützte Projekt vor allem für die ökologischen Ausgleichsflächen, sagt der Forscher.

Denn Ökobeiträge richtet der Bund aus, damit Landwirte Wiesen so bewirtschaften, dass die Artenvielfalt erhalten bleibt. Wenn die Bauern das Gras weniger häufig mähen und nicht düngen, können sich mehr Pflanzenarten entwickeln. Doch die Erhaltung der Tiervielfalt müsse ebenfalls berücksichtigt werden, sagte Humbert.

Kreisel- und Balkenmäher

Humbert hat zu Beginn seiner Dissertation die bisher vorliegenden Studien zu dem Thema zusammengefasst. Der kürzlich im Fachmagazin «Agriculture, Ecosystems and Environment» publizierte Bericht zeigt, dass die Erntetechnik einen enormen Einfluss darauf hat, wie viele Kleinlebewesen in der Wiese überleben.

Viele Tiere sterben direkt durch das Mähen. Je nach Art des Mähers und der untersuchten Tiergruppe fanden Studien Sterberaten von bis zu 50 Prozent. Mäher mit sehr schnell rotierenden Kreiselscheren verursachen demnach viel stärkere Schäden als herkömmliche Balkenmäher.

Allerdings zeigten Zwischenresultate seiner eigenen Studien, dass der Unterschied zwischen den beiden Mähgeräten nicht so klar sei, sagte Humbert. Es scheine, dass die Traktorräder einen grossen Einfluss hätten: Wenn ein Traktor einen Balkenmäher stösst, könne das genauso grosse Schäden verursachen wie ein Kreiselmäher.

Keine Aufbereiter

Klar ist dafür, dass Landwirte zur Bewirtschaftung einer Ökowiese keinen Aufbereiter benutzen sollten. Diese oft direkt am Mäher angebrachte Maschine zerquetscht das Gras, um den Trocknungsprozess zu beschleunigen. Aufbereiter könnten das Insektensterben in den Wiesen verdoppeln oder gar verdreifachen, sagte Humbert.

Noch stärker werden wirbellose Tiere laut dem Forscher durch die folgenden Schritte der Ernte in Mitleidenschaft gezogen. Wird das Gras zum Beispiel gepresst und in Ballen gewickelt, sterben in der Kunststofffolie alle Kleinlebewesen, die sich im geschnittenen Gras versteckt hatten.

Grundsätzlich gelte, dass alle praktikablen Erntevorgänge der Wiesenfauna schadeten, sagte Humbert. Eine einfache und wirkungsvolle Empfehlung sei deshalb, beim Mähen einen Grasstreifen als Zufluchtsort für die Tiere stehen zu lassen. Davon profitierten diverse Arten. (sda)

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