Wegen Omikron – Massenquarantäne lähmt Verkehr, Gastronomie und Spitäler
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Wegen Omikron Massenquarantäne lähmt Verkehr, Gastronomie und Spitäler

Weit über 100’000 Menschen sitzen in der Schweiz in Isolation oder Quarantäne. Das führt in diversen Branchen zu Engpässen und Ausfällen. Ein Experte fordert rasches Handeln; der Bundesrat zögert.

von
Daniel Graf
Daniel Krähenbühl
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Bilder von geschlossenen Restaurants kennen wir bisher vor allem aus dem Lockdown. 

Bilder von geschlossenen Restaurants kennen wir bisher vor allem aus dem Lockdown.

20min/Karina Romer
Nun bedroht ein neues Phänomen die Schweizer Wirtschaft: Weit über 100’000 Menschen sitzen in Isolation oder Quarantäne. 

Nun bedroht ein neues Phänomen die Schweizer Wirtschaft: Weit über 100’000 Menschen sitzen in Isolation oder Quarantäne.

20min/Marco Zangger
Das macht etwa den Spitälern zusätzlich zu schaffen: Das Universitätsspital Zürich verzeichnet mehr Krankheitsausfälle.

Das macht etwa den Spitälern zusätzlich zu schaffen: Das Universitätsspital Zürich verzeichnet mehr Krankheitsausfälle.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Mehr als 100’000 Menschen sitzen in der Schweiz in Isolation oder Quarantäne und täglich werden es mehr.

  • Das lähmt die Wirtschaft: Hotels und Restaurants müssen schliessen, Spitäler Personal aus der Quarantäne holen und der ÖV sich auf Ausfälle vorbereiten.

  • Besserung ist nicht in Sicht: Gemäss der Taskforce des Bundesrats nehmen die Fälle um 45 Prozent pro Woche zu.

Das Auftreten der Omikron-Variante hat diese Pandemie verändert: Die Auslastung der Intensivstationen nimmt derzeit nicht weiter zu. Dafür wird ein anderes Phänomen zum Problem: Am Mittwoch sassen insgesamt mindestens 118’508 Schweizerinnen und Schweizer zu Hause in Isolation oder Quarantäne. Da nur 18 Kantone diese Daten erheben, dürften es sogar noch weit mehr sein.

Diese Menschen fehlen in ihrem Job. Der Blick nach Grossbritannien lässt nichts Gutes erahnen: Weil dort mehr als eine Million Menschen in Isolation oder Quarantäne ist, mussten mehrere Spitäler den Katastrophenfall ausrufen. Mülltonnen quellen über, öffentliche Verkehrsmittel müssen den Betrieb reduzieren. Die Regierung erwägt, die Armee einzusetzen, um den Betrieb im öffentlichen Sektor aufrechtzuerhalten.

45 Prozent mehr Fälle pro Woche

Solche Szenarien drohen auch der Schweiz. Gemäss der Taskforce nehmen die Ansteckungen derzeit um 45 Prozent pro Woche zu. «Eine weitere Zunahme der Fälle würde zu vielen Krankheits- und damit auch Arbeitsausfällen führen», heisst es im Lagebericht vom Dienstag.

Schon jetzt macht das der Gastronomie und Hotellerie zu schaffen: «Am stärksten betroffen sind die Ferienregionen, die Lage ist sehr angespannt», sagt Patric Schönenberg, Sprecher des Verbands HotellerieSuisse. «Das gesunde Personal kompensiert die Ausfälle, so gut es geht. Trotzdem können einige Betriebe ihr Angebot nur mit Müh und Not aufrechterhalten, teilweise kommt es zu Einschränkungen.»

«Chefs reinigen die Zimmer und machen Frühstück»

So etwa im Grillrestaurant und Hotel Mazot in Zermatt. «Vor zehn Tagen mussten wir das Restaurant schliessen, weil die Köche ausgefallen sind», sagt Geschäftsführerin Claudia Zumtaugwald. Auch das Hotel habe wegen Coronafällen mit Engpässen zu kämpfen. «Weil Personal ausgefallen ist, übernehme ich jetzt ihre Aufgaben. Ich kenne einige Chefinnen und Chefs, die jetzt die Zimmer machen, das Frühstücksbuffet anrichten oder im Service arbeiten.»

Auch das Restaurant Findlerhof in Zermatt ist betroffen: Wer die Nummer des Restaurants anruft, kriegt nur den Telefonbeantworter zu hören: «Wir mussten das Restaurant aufgrund der aktuellen Situation für einige Tagen schliessen.» Auch in Davos, St. Moritz oder Pontresina ist es zu Schliessungen gekommen.

Spitäler können Mitarbeitende aus Quarantäne holen

Auch das Universitätsspital Zürich verzeichnet mehr Krankheitsausfälle. «Das kann punktuell zu personellen Engpässen führen», sagt die Kommunikationsbeauftrage Manuela Britschgi. Bei hoher Auslastung der Intensivstationen, auch als Folge von Personalengpässen wegen Krankheit, könne es deshalb vorkommen, dass nicht dringliche Eingriffe, die einen Aufenthalt in der Intensivstation nach sich zögen, verschoben werden müssten.

In diversen weiteren angefragten Spitälern ist die Situation angespannt, aber derzeit unter Kontrolle. Notfalls können Spitäler ihr Personal zur Arbeit bitten, auch wenn diese in Quarantäne sein müssten. «Wir haben das im Einzelfall schon beansprucht» heisst es etwa aus dem Kantonsspital Obwalden. «Diese Personen werden täglich getestet, verhalten sich im Arbeitsumfeld äusserst vorsichtig und müssen in ihrer Freizeit sofort wieder in Quarantäne.»

ÖV bereitet sich auf Ausfälle vor

Ausfälle drohen auch im ÖV: «Die krankheitsbedingten Ausfälle, insbesondere beim Fahrpersonal, haben auch bei den VBZ zugenommen. Unser Pandemieplan sieht je nach Lage verschiedene Massnahmen vor», sagt Tobias Wälti von der Medienstelle. Bei einer Häufung von Ausfällen werde es für die VBZ schwierig, den gesamten Fahrplan aufrechtzuerhalten.

Die SBB informiert auf ihrer Website: «Die Zahl der krankheitsbedingten Ausfälle bei der SBB nimmt zu, die Situation ist zunehmend angespannt. Teilweise bestehen keine personellen Reserven mehr.» Einzelne Zugsausfälle bei der SBB infolge kurzfristiger Krankmeldungen seien nicht ausgeschlossen.

Experte fordert rasches Handeln

Dass die vielen Krankheitsfälle die Infrastruktur belasten würden, wurde schon länger prognostiziert. Andreas Widmer, Infektiologe und Swissnoso-Präsident, forderte deshalb bereits am Dienstag einen Quarantäne-Stopp für alle geimpften Omikron-Kontaktpersonen: «Bei strikter Umsetzung der Quarantäne wird das öffentliche Leben wohl zusammenbrechen», sagt er. Und warnte: «Spätestens Ende Woche kommen noch die Ansteckungen von Silvester dazu. Die Situation wird sich täglich weiter verschärfen.»

Gesundheitsminister Alain Berset sieht derweil keine Notwendigkeit für Massnahmen. «Die Wirtschaft muss sich auf mehr Ausfälle vorbereiten und alles daransetzen, Ansteckungen zu vermeiden. Schärfere Massnahmen, unter anderem Schliessungen, sind parat. Sollten sie nötig werden, kann der Bundesrat rasch entscheiden», twitterte er am Mittwochabend.

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