Aktualisiert 04.06.2015 07:53

Juventus Turin

Massimiliano Allegri und das Herz aus Stahl

Dass Juventus im Final der Champions League steht, ist ein Fussball-Wunder. Eine Analyse der Turiner Wiedergeburt.

von
Massimo Franchi*
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Erster CL-Final seit 2003: Massimiliano Allegri an einer Medienkonferenz im Vorfeld des Endspiels im Berliner Olympiastadion.

Erster CL-Final seit 2003: Massimiliano Allegri an einer Medienkonferenz im Vorfeld des Endspiels im Berliner Olympiastadion.

epa/Alessandro di Marco
Im Halbfinal bezwingt die «vecchia signora» so überraschend wie verdient den Titelverteidiger Real Madrid. Hier wird Reals Marcelo vom Schweizer Stephan Lichtsteiner bedrängt.

Im Halbfinal bezwingt die «vecchia signora» so überraschend wie verdient den Titelverteidiger Real Madrid. Hier wird Reals Marcelo vom Schweizer Stephan Lichtsteiner bedrängt.

Keystone/AP/Daniel Ochoa de Olza
Erstmals seit 1995 ist Juventus wieder italienischer Pokalsieger. Trainer «Max» Allegri und Mittelfeldspieler Paul Pogba mit der Trophäe, die das Double besiegelt.

Erstmals seit 1995 ist Juventus wieder italienischer Pokalsieger. Trainer «Max» Allegri und Mittelfeldspieler Paul Pogba mit der Trophäe, die das Double besiegelt.

AP/Riccardo de Luca

Sagen wir es ganz offen: Was heute als ausserordentliche Realität dasteht, nämlich Juventus Turin im Final der Champions League zwölf Jahre nach der bitteren Niederlage im rein italienischen Gipfeltreffen gegen die AC Milan, das wirkt wie eine Utopie, wenn wir nur zehn Monate zurückblicken.

Es war exakt am 25. Juli 2014, als der neue Trainer Massimiliano Allegri, Nachfolger des dreifachen Meistertrainers Antonio Conte, auf der Bank der Bianconeri debütierte. Er tat dies in einem Freundschaftsspiel im Juventus-Trainingscenter von Vinovo, vor den Stadttoren von Turin.

Peinliches Debüt gegen das «Aschenputtel»

Auf der einen Seite stand die stolze Juve, zwar ohne ihre an der WM in Brasilien beschäftigten Nationalspieler, die alle noch in den Ferien waren, aber doch mit ausländischen Kalibern wie Tévez, Llorente, Pereyra und den Italienern Giovinco, Pepe, Ogbonna, Storari, Padoin und Marco Motta. Auf der anderen Seite das «Aschenputtel» Lucento, eine Amateurtruppe aus einem Quartier unweit des neuen Juventus-Stadions, Feierabend-Fussballer aus der fünftklassigen «Eccellenza». Auch den Amateuren fehlten viele Spieler; sie waren ebenso in den Ferien wie ihr Trainer, der mit seiner Familie am Meer war und seinen Platz auf der Bank seinem Sportchef überliess. Dieser hatte alle Mühe, genügend Spieler aufzutreiben, um wenigstens eine Elf auf den Platz zu bringen …

Spucke, Tritte, Schläge

Und doch ergab sich an diesem Nachmittag in Vinovo geradezu Unglaubliches. Eine Peinlichkeit kosmischen Ausmasses. Llorente schoss für Juventus zwei Tore, doch die Underdogs trafen dreimal und feierten einen für sie historischen Sieg. Schlimmer hätte die Ära Allegri nicht beginnen können, ausgepfiffen von den Tifosi, beschimpft für die schlechte Figur, die seine Mannschaft abgegeben hatte. Vor dem Trainingszentrum stimmte eine Hundertschaft aufgebrachter Fans Gesänge pro Antonio Conte an, während der weniger stimmgewaltige, dafür gewaltbereite Teil der Tifosi das Auto von Allegri bespuckte und mit Tritten und Schlägen malträtierte.

Contes Traum ist Allegris Realität

Allegri startete an einem Tiefpunkt. Doch in seiner ihm eigenen Demut und gleichzeitigen Entschlossenheit krempelte er die Ärmel hoch zu einem Unterfangen, das heute wie ein Fussball-Wunder wirkt. Er hat nicht nur den vierten «Scudetto» in Folge gewonnen, was sein Vorgänger Conte noch als Unmöglichkeit bezeichnet hatte, er holte nach 20 Jahren auch die Coppa Italia wieder nach Turin, und vor allem: Er führte Juventus in den Final der Champions League nach Berlin. Von diesem Ziel hatte Conte nur geträumt.

Über die Viertelfinals kam er nie hinaus, dafür liess er sich im Dezember 2013, nachdem er in der Gruppenphase an Galatasaray gescheitert war, unvorsichtigerweise zu folgender Aussage hinreissen: «Wer weiss, wie viele Jahre vergehen werden, bis wieder eine italienische Mannschaft im Final stehen wird. Aber ich bin sicher, eines Tages wird sie die Champions League gewinnen!» Worte, die sich heute gegen ihn wenden. Allegri, mit seiner Klasse, seinen Erfolgen und seinem toskanischen Sinn für Ironie, hat seinen Vorgänger, der von den Tifosi etwas voreilig zum «italienischen Mourinho» ernannt worden war, ziemlich zurechtgestutzt.

Solid, unerschütterlich, kompakt

Die Juve von Allegri ist eine Mannschaft mit einer beinahe hermetischen Abwehr, an der Grenze der Undurchdringlichkeit: Buffon scheint eine Zeitreise zehn Jahre zurück hinter sich zu haben. Davor wechseln sich die drei formidablen Innenverteidiger Bonucci, Chiellini und Barzagli ab. Herausragend sind die unerbittlichen Läufer auf den Aussenbahnen, der Marathon-Mann Lichtsteiner auf rechts, Evra auf links. Dazu kommt ein Mittelfeld, das zu den besten der Welt gehört (Pirlo, Pogba, Marchisio und Vidal) und ganz vorne vielleicht nicht gerade ein Atom-Sturm, aber doch ein Duo, das jede Verteidigung in Schwierigkeiten bringen kann: der 31-jährige «Apache» Tévez und das erst 22-jährige spanische Talent Alvaro Morata. Mit einem Tor im Bernabéu und einem in Turin war es ausgerechnet Junior Morata, der im Halbfinal seinen Ex-Klub und Titelverteidiger Real Madrid aus der Königsklasse schoss und das Ende von Trainer Carlo Ancelotti besiegelte. Juventus ist extrem solid, unerschütterlich, kompakt. Eine Mannschaft mit einem Herz aus Stahl.

Die «verdammte» Champions League

Allegri geniesst den verdienten Erfolg auf bestmögliche Weise. Er verfolgt den Traum aller Träume, den Triumph in dieser «verdammten» Champions League, die Juventus Turin in sieben Finals nur zweimal gewinnen konnte: das erste Mal 1985 dank einem Penalty-Geschenk für Zbignew Boniek (das Foul war ausserhalb des Strafraums), das Michel Platini zum 1:0 gegen Liverpool nutzte – nachdem im Heysel-Stadion von Brüssel 39 Tifosi ums Leben gekommen waren. Der zweite Erfolg gelang 1996 im Stadio Olimpico in Rom gegen Ajax Amsterdam, als nach einem 1:1 nach 120 Minuten das Elfmeterschiessen zugunsten des italienischen Rekordmeisters entschied. Kurz zusammengefasst: Juventus hat noch nie einen «richtigen» Final der Champions League gewonnen, ohne Tote und ohne Penaltys.

Wird sich im achten Final alles zum Guten wenden?

* Massimo Franchi ist Sportjournalist bei der Turiner Tageszeitung «Tuttosport».

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