Problem Gehirnerschütterung: «Massnahmen müssen verschärft werden»
Aktualisiert

Problem Gehirnerschütterung«Massnahmen müssen verschärft werden»

Die zunehmende Häufigkeit von Gehirnerschütterungen bereitet dem Schweizer Eishockey derzeit Kopfschmerzen. Sportärzte wüssten, wie die gefährlichen Kopfverletzungen verhindert werden könnten. Doch ihre Forderungen werden (noch) nicht umgesetzt.

von
Philipp Reich
Servette-Verteidiger John Gobbi musste im November nach einem schweren Check von Tristan Scherwey vom Eis gefahren werden. Diagnose: Gehirnerschütterung. (Bild: Keystone)

Servette-Verteidiger John Gobbi musste im November nach einem schweren Check von Tristan Scherwey vom Eis gefahren werden. Diagnose: Gehirnerschütterung. (Bild: Keystone)

Zu oft mussten die Zuschauer in dieser Saison schon mitansehen, wie ein Hockeyspieler nach einem harten Check regungslos auf dem Eis lag. Gehirnerschütterungen werden im Schweizer Eishockey immer häufiger. Die Spieler zahlen einen hohen Preis für das schnellere und dynamischere Hockey, das seit der Einführung der Nulltoleranz gespielt wird. Die Statistik belegt, dass in jeder zweiten Runde ein Spieler eine Gehirnerschütterung erleidet. Es ist an der Zeit, dass endlich gehandelt wird.

Momentaner Zustand nicht akzeptierbar

Einzelrichter Reto Steinmann, gibt zu, dass beim Verband eine gewisse Ratlosigkeit herrscht. «Ich weiss nicht, wie wir die Spieler besser schützen können», sagte er gegenüber 20 Minuten Online. Dr. René Fasel, der Präsident des Internationalen Eishockeyverbandes spricht hingegen erstmals öffentlich von Regeländerungen und versichert, dass mit allen möglichen Fachleuten intensive Diskussionen geführt werden.

Einer dieser Experten ist Dr. Reto Agosti, Leiter des Kopfweh-Zenturm Hirslanden Zürich. Der Facharzt für Neurologie fordert, dass endlich etwas getan wird: «Die Massnahmen, die solche Verletzungen verhindern könnten, müssen endlich verschärft werden.» Der momentae Zustand sei nicht akzeptierbar. Vorschläge, was verbessert werden könnte, sind da. Sie müssten nur noch umgesetzt werden.

Verbesserungen im Training und beim Material nötig

Die meisten Gehirnerschütterungen erleiden Spieler, die in der Nähe der Bande in den Rücken gestossen werden. «Checks generell zu verbieten, ist nicht durchsetzbar. Würde ein Spieler im Training aber besser auf solche Checks in den Rücken vorbereitet werden, hätte er die Chance, den Stoss besser zu absorbieren», erklärt Dr. Agosti gegenüber 20 Minuten Online. «Die Muskulatur im Nackenbereich muss gestärkt werden und im richtigen Moment angespannt werden. Wenn ein Spieler weiss, dass er getroffen wird, kann die Energie vom Aufprall besser verteilt werden.» Ein Boxer bereite sich ja schliesslich auch auf die Treffer seines Gegners vor.

Nicht nur im Training auch bei der Ausrüstung herrscht Handlungsbedarf. «Vor allem beim Helm könnte man Verbesserungen anbringen», meint Neurologe Agosti, der seit Jahren mit dem Orthopäden und ehmaligen NLA-Hockeyspieler Dr. Biasca vom Spital Oberengadin zusammenarbeitet. «Momentan schützt eigentlich nur Styropor den Kopf vor dem Aufprall. Mehr Polsterung würde sicher helfen, Verletzungen zu verhindern.» Allerdings befürchten auch Spieler, dass der Helm dann zu gross werden könnte. Einen ersten Schritt in die richtige Richtung hat Ex-NHL-Star Mark Messier gemacht. Seine neue Helmentwicklung soll die Gefahr von Gehirnerschütterungen um rund 70 Prozent reduzieren.

«Regeländerungen müssen in Kauf genommen werden»

Veränderungen im Bandenbereich könnten die schlimmsten Verletzungen beim Aufprall ebenfalls verhindern. Vor allem beim Handlauf würde eine Polsterung, die Verletzungsgefahr deutlich senken. «Auch die Bande selbst könnte gepolstert werden. Zumindest im oberen Bereich, wo die Scheibe nicht allzu oft hinprallt», schlägt Dr. Agosti vor. «Die untersten 20 Zentimeter könnte man ja so lassen wie bisher.» Eine weitere Möglichkeit wäre, die Bande anstatt an fixen Metallpfosten an einer Aufhängung mit Federn anzubringen. Wenn die Bande in der Mitte nur ein paar Zentimeter nachgeben würde, würde das einen Aufprall deutlich abschwächen.

Vorschläge, um die momentane Situation zu verbessern, gibt es also genug. Doch wie immer im Sport wird befürchtet, dass Regel- und Materialveränderungen das Spiel zu sehr verändern könnten. Zwar laufen in der Schweiz wie auch weltweit die Bemühungen zur Verbesserung des Schutzes, aber leider nicht im Tempo des Eishockeys. So wehren sich die Verbände momentan noch gegen einschneidende Neuerungen. Reto Agosti fordert hier aber ein Umdenken: «Zum Schutz der Spieler, muss man solche Regeländerungen in Kauf nehmen.»

Spieler mit einer Gehirnerschütterung in der laufenden Saison

- Mathias Seger (ZSC Lions)

- Andrey Bykow (Fribourg)

- Dave Schneider (Ambri), Saisonende

- Claudio Moggi (SCL Tigers)

- Ralph Bundi (Ambri)

- Marc Schulthess (Kloten)

- Sandy Jeannin (Fribourg)

- Beni Plüss (Fribourg)

- John Gobbi (Servette)

- Beat Gerber (SCB)

- Roman Josi (SCB)

- Andreas Camenzind (SCL Tigers)

- Céderic Botter (Fribourg)

- Kirby Law (Ambri)

- Witali Lachmatow (Fribourg)

- Martin Stettler (SCB)

- Marco Truttmann (Biel)

- Michel Zeiter (Kloten)

- Frédéric Rothen (Kloten)

- Pascal Müller (ZSC Lions)

- Boyd Devereaux (Lugano, beim Spengler Cup)

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