Aktualisiert 26.04.2020 16:52

Abschlüsse

Maturanden wollen alle Maturaprüfungen streichen

Kantonsschüler kämpfen in einer Petition dafür, dass in der Schweiz wegen der Epidemie keine Abschlussprüfungen stattfinden. Gymivertreter hingegen wollen diese überall durchsetzen.

von
Bettina Zanni
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Flickenteppich Maturprüfung
Flickenteppich Maturprüfung

Während etwa die Kantone Bern, Zürich, Basel Stadt und Baselland die Prüfungen absagen wollen, sollen sie in den Kantonen Thurgau, St. Gallen oder Zug stattfinden.

KEYSTONE
Petition
Petition

Am Freitagabend starteten die Gymischüler Kristina Kelava, Amira Hafideddine und Ivan Knezevic auf der Plattform Change.org eine Online-Petition, die schweizweit keine Maturaprüfungen fordert.

Hohe Ansteckungsgefahr
Hohe Ansteckungsgefahr

Tausende Schüler müssen für die Prüfungstermine in den öffentlichen Verkehr steigen, argumentieren die Petitionäre unter anderem.

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Darum gehts

  • Einige Kantone wollen wegen des Coronavirus auf die Maturaprüfung verzichten. Andere hingegen nicht.
  • Maturanden verlangen in einer Petition, dass die Prüfungen schweizweit nicht stattfinden.
  • Gymilehrer finden das keine gute Idee.

Die Corona-Epidemie hat die traditionellen Maturitätsprüfungen landesweit durcheinandergebracht. Während etwa die Kantone Bern, Zürich, Basel Stadt und Baselland die Prüfungen absagen wollen, sollen sie in den Kantonen Thurgau, St. Gallen oder Zug stattfinden. Ein Antrag der Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) will den Entscheid über die Durchführungen den Kantonen überlassen. Dagegen laufen Maturanden aber Sturm.

Am Freitagabend starteten die Gymischüler Kristina Kelava, Amira Hafideddine und Ivan Knezevic auf der Plattform Change.org eine Online-Petition, die schweizweit keine Maturaprüfungen fordert. Bis Sonntagabend hatten bereits rund 2000 Personen die Petition unterschrieben.

Das sind ihre Argumente:

Hohe Ansteckungsgefahr

Tausende Schüler müssen für die Prüfungstermine in den öffentlichen Verkehr steigen. In den Schulen benützen viele Maturanden das gleiche Badezimmer und die gleichen Türen.

Fehlende Gleichberechtigung

Die Lehrabschlussprüfungen wurden abgesagt, die Maturaprüfungen nicht.

Unterschiedliche Vorgehensweise

Die obligatorische Schulzeit und das Durchführen einer schriftlichen und einer mündlichen Maturitätsprüfung gelten auch im föderalistischen System als allgemeingültige Grundsätze. Beim Entscheid über die Durchführung der Maturaprüfungen ist das gemeinsame Vorgehen in Grundsatzfragen aber nicht mehr vorhanden.

Andere Bedingungen

Nach sechs Wochen Homeschooling haben die meisten Maturanden nicht die gleichen Bedingungen wie der vorherige Jahrgang.

«Entweder alle oder niemand»

Die Matur sei eine nationale Abschlussprüfung, sagt Kristina Kelava. Die uneinheitlichen Maturaprüfungen würden im Studium viele Fragezeichen auslösen. «Man weiss nicht, wie die Unis reagieren. Werden Studenten mit der Matura in der Tasche anderen gegenüber bevorzugt?», sagt die Maturandin an der Kantonsschule Alpenquai im Kanton Luzern. Amira Hafideddine hält es für widersprüchlich, dass die schriftlichen Lehrabschlussprüfungen schweizweit abgesagt wurden, die Maturaprüfungen aber nicht. «Eine Abschlussprüfung ist eine Abschlussprüfung. Wenn es um die Gesundheit geht, sollen entweder alle oder keine Schüler eine Abschlussprüfung ablegen.» Schade sei auch, dass die Maturanden hingehalten würden. «Am 14. Mai hätten wir schon die erste Prüfung. Solange man aber nicht weiss, ob man die Prüfungen hat oder nicht, lernt man viel weniger effizient.»

Matura werde nicht geschenkt

Auch Ivan Knezevic, Berufsmaturand am Kaufmännischen Bildungszentrum Zug KBZ, kämpft für prüfungsfreie Maturaabschlüsse. «Die Kollegen der Grundbildung, die keine Schlussprüfungen haben, nehmen uns in der ohnehin schon schwierigen Wirtschaftslage die Jobs weg.» Da in der Grundbildung die Erfahrungsnoten zählten, hätten diese Absolventen ihre Abschlüsse schon. «Die Berufsmaturanden geraten bei der Stellensuche dagegen noch mehr ins Hintertreffen, wenn sie Maturaprüfungen ablegen müssen.»

Die Maturanden sind sich einig, dass ihnen die Matura auch ohne Prüfungen nicht geschenkt würde. Sie hätten in den letzten Jahren bereits hart gearbeitet, argumentieren sie. Ungenügende Noten seien für sie unzulässig gewesen. Das Trio steht mit der Petition nicht alleine da. Bereits die Juso forderte einen Prüfungsstopp, die Bewegung #keineap2020 will die Prüfung «im Kanton St. Gallen und schweizweit» streichen.

«Maturanden erweisen sich keinen Dienst»

Auch der Verein Schweizer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer VSG unterstützt den Ruf nach einer einheitlichen Lösung. «Wir waren über den Entscheid der EDK enttäuscht. Das Prinzip der kantonalen Entscheidungen untergräbt die Schweizer Matura und Chancengerechtigkeit», sagt Präsident Lucius Hartmann. Im Gegensatz zur Petition fordere der VSG aber, dass alle Kantone eine Maturaprüfung durchführten, sofern die Vorgaben des BAG eingehalten werden könnten. «Die Maturanden erweisen sich keinen Dienst, wenn sie keine Maturaprüfung schreiben.» Laut Hartmann sind die Maturaprüfungen eine gute Vorbereitung für das Studium. «Sie dienen dazu, das Wissen strukturiert zu repetieren und sich über eine längere Phase selbständig vorzubereiten.» Fielen die Prüfungen ins Wasser, verpassten die Maturanden die Chance, sich diese Kompetenzen anzueignen.

Längerfristige Nachteile

Finden keine Prüfungen statt, rechnet Hartmann mit einer Reihe von Schülern, die abhängen. «Vor allem in Fächern, in denen sie schwach sind, werden sie sich keine Mühe mehr geben.» Dies könne sich längerfristig negativ auswirken. Viele wüssten nach dem Abschluss nicht gleich, was sie studieren wollten und schalteten deshalb ein Zwischenjahr ein. «Interessiert man sich später aber zum Beispiel für ein Psychologiestudium und merkt, dass dieses viel Statistik beinhaltet, wird man bereuen, das Fach Mathe damals abgehakt zu haben.»

Damit die Prüfungen ohne Ansteckungsrisiko stattfinden können, sind laut Hartmann Anpassungen nötig. «Einen Teil der Prüfungen könnte man nur mündlich durchführen», schlägt er vor. Schliesslich liessen sich die Abstandsregeln bei mündlichen Prüfungen einfacher einhalten als bei schriftlichen. «Auch mündliche Online-Prüfungen wären eine Option.» Silvia Steiner, Präsidentin der EDK war am Sonntag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Antrag der EDK

Der Flickenteppich bei den Maturaprüfungen geht auf einen Antrag der Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) zurück. Diese fordert in ihrem Beschluss vom 20. April vom Bundesrat, den Verzicht auf die Durchführung der schriftlichen Prüfungen zu ermöglichen. Die EDK beantragt dem Bundesrat, dies im Rahmen des Notrechts zu regeln. Stattdessen soll auf die Erfahrungsnoten abgestützt werden. Auf mündliche Prüfungen soll dagegen verzichtet werden. Das letzte Wort über die schriftlichen Maturaprüfungen hat der Bundesrat am 29. April.

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