Tiefstlöhne: McDonald's verhöhnt Personal mit Budget-Tool
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TiefstlöhneMcDonald's verhöhnt Personal mit Budget-Tool

Der Fastfood-Gigant will den Angestellten Gutes tun und berät sie in Geldfragen. Blöd nur: Ein Kassierer müsste laut McDonald's-Rechner 200 Prozent arbeiten, um über die Runden zu kommen.

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kri
So könnte laut McDonalds einer seiner Kassierer mit Mindestlohn über die Runden kommen. (Bild: Screenshot practicalmoneyskills.com)

So könnte laut McDonalds einer seiner Kassierer mit Mindestlohn über die Runden kommen. (Bild: Screenshot practicalmoneyskills.com)

In einem Niedriglohnsektor seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist hart. Wer weiss das besser als McDonald's? Zusammen mit der Kreditkartenfirma Visa unterhält der Fastfood-Gigant die Website «Practical Money Skills», frei übersetzt «praktische Tipps zum Umgang mit Geld». Dort können McDonald's-Angestellte lernen, auf Basis ihres Lohns ein Budget zu erstellen und jeden Monat Geld auf die Seite zu legen. Dabei werden allerdings derart unrealistische Annahmen getroffen, dass McDonald's ungewollt belegt, was Angestellte in der Fastfood-Branche seit langem wissen: Leben kann man von diesen Löhnen nicht.

Als Beispiel stellt McDonald's ein Monatsbudget mit einem Einkommen von 1105 Dollar auf, was dem gesetzlichen Mindestlohn von 7.25 Dollar und dem Salär eines Kassierers entspricht. Schon kommt die erste Überraschung: Ein «zweiter Job» bringt weitere 955 Dollar ein. Entweder es handelt sich beim Beispiel um einen Zwei-Personen-Haushalt – was nirgends erwähnt wird – oder der betreffende Angestellte stemmt gleichzeitig zwei 100-Prozent-Jobs.

Millionär in 72 Jahren

Für die Miete werden 600 Dollar veranschlagt. Wie «The Atlantic» festhält, beträgt die durchschnittliche Miete in den USA derzeit 1048 Dollar. Für die Heizung sind 0 Dollar veranschlagt – wahrscheinlich sind sie in der Fantasie-Miete inbegriffen. Weiter stechen die Ausgaben für die Krankenversicherung ins Auge: 20 Dollar pro Monat. In den USA kommen Arbeitgeber für die Krankenversicherung ihrer Angestellten auf. McDonalds zieht seinen Angestellten zu diesem Zweck 12.58 Dollar pro Woche ab, also 50.32 Dollar pro Monat. Im ersten Anstellungsjahr beträgt der Abzug 56 Dollar monatlich.

Auf practicalmoneyskills.com gibt es aber nicht nur unrealistische Monatsbudgets. Wer seine Finanzen erst einmal im Griff hat, kann sich höheren Zielen zuwenden: Unter dem Menupunkt «Calculator» findet sich eine Anleitung, wie man Millionär wird. Nach einigen Abfragen wie den monatlichen Ersparnissen und dem Sparzins spuckt der Rechner für einen McDonalds-Kassierer folgendes aus: «Sie werden ihr Sparziel in 72 Jahren erreichen. Um mit 65 Millionär zu sein, müssen Sie 1389.63 Dollar pro Monat sparen.»

Budget in aller Stille angepasst

Angesichts solcher Aussichten muss aber niemand verzagen. In einer Art Lehrvideo erklärt eine Dame, wie man zusätzlich Geld sparen kann, ohne es überhaupt zu merken. Jeden Tag einen Dollar für Kaugummi oder Schokoriegel auszugeben, gibt pro Jahr – richtig: 365 Dollar. «Viel Geld, wenn man es so anschaut», sagt sie.

Gegenüber dem Polit-Blog «ThinkProgess» erklärte McDonald's, die Website sei «schon seit 2008 online», mit anderen Worten: News von gestern. Die Beispiele seien «generisch» und sollten den Menschen eine «allgemeine Idee» geben, wie ihr Budget aussehen könnte. Gleichzeitig nahm das Fastfood-Unternehmen in aller Stille eine Anpassung am Beispiel-Budget vor: Neu werden 50 Dollar pro Monat für Heizkosten veranschlagt. Der monatliche Sparbetrag sinkt dadurch auf 750 Dollar.

Etwas entspannter präsentiert sich die Situation in der Schweiz: Auf Anfrage gibt McDonalds den Bruttolohn eines ungelernten Vollzeit-Angestellten auf 3400 bis 4000 Franken pro Monat an – nach Abzügen und Steuern immerhin noch über dem Existenzminimum von 2250 Franken.

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