McLaren-Mercedes verliert alle WM-Punkte
Aktualisiert

McLaren-Mercedes verliert alle WM-Punkte

Dem Formel-1-Team McLaren-Mercedes sind vom Automobil- Weltverband FIA in Paris in zweiter Instanz wegen der Spionage- Affäre bei Ferrari sämtliche WM-Punkte in der laufenden Konstrukteur-WM-Wertung aberkannt worden. Zudem muss McLaren-Mercedes 100 Mio. Dollar Busse bezahlen. Die Fahrer blieben unbehelligt.

Der Weltrat ist damit in drastischer Weise auf sein erstes Urteil zurückgekommen. Am 26. Juli hatte das Gremium von einer Bestrafung von McLaren-Mercedes abgesehen. Zwar wurde schon damals der Besitz der Dokumente mit den technischen Daten des aktuellen Formel-1-Autos von Ferrari festgestellt, nicht aber ein direkter Nutzen für McLaren-Mercedes. In der Zwischenzeit war aber neues belastendes Material aufgetaucht, so dass der Council den Fall noch einmal behandelte.

Die Spekulationen hatten im Vorfeld der zweiten Anhörung im Spionagefall McLaren-Mercedes/Ferrari die ganze Bandbreite des möglichen Richterspruchs zutage gefördert; von einem Freispruch für das Team der «Silberpfeile» bis hin zum Ausschluss aus der Formel-1- Weltmeisterschaft waren als denkbarer Entscheid des 26 Personen umfassenden Gremiums genannt worden. Von einem derart hohen Geldbetrag war aber nirgends die Rede gewesen. Primär im Lager der verurteilten Equipe herrschte Unverständnis über die heftige Sanktion, die der FIA-Weltrat gestern Donnerstag nach zehnstündiger Anhörung in Paris bekannt gab.

«Dieses Urteil ist ein Schock für alle im Team und, wie erste Reaktionen beim Publikum zeigen, auch für weite Teile draussen», kommentierte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug das Urteil. «Jetzt kämpfen wir aber erst recht mit aller Entschiedenheit weiter, um auf der Piste die richtige Antwort zu geben, und neben der Rennstrecke vor Gericht Gerechtigkeit zu finden.» Neben Haug war McLaren-Mercedes durch Teamchef Ron Dennis, WM-Leader Lewis Hamilton und Testfahrer Pedro de la Rosa vertreten. Fernando Alonso weilte bereits in Francorchamps, wo an diesem Wochenende der Grand Prix von Belgien im Programm steht. Ferrari zeigte sich in einer offiziellen Stellungnahme «erfreut, dass die Wahrheit endlich ans Tageslicht gekommen ist». FIA-Präsident Max Mosley sprach von «Gerechtigkeit».

«McLaren verliert alle Punkte und kann in dieser Saison auch keine mehr holen», sagte Max Mosley wenige Minuten nach der Urteilsverkündigung. Die Fahrer Lewis Hamilton und Fernando Alonso würden aufgrund «aussergewöhnlicher Umstände» nicht bestraft, sagte der Jurist weiter. «Sie haben mit uns zusammengearbeitet und wertvolle Informationen geliefert. Sie dürfen deshalb ihre Punkte behalten.» Ihr Arbeitgeber dagegen ist aber auch mit Blick auf die kommende Saison noch nicht «über dem Berg». «Wenn die Autos von McLaren-Mercedes für 2008 in Ordnung sind, wird nichts weiter passieren. Aber das wissen wir erst im Dezember», sagte Mosley.

Hamilton und Alonso dürfen also weiter vom Titel träumen. Der britische Rookie führt das WM-Zwischenklassement vor den letzten vier Grands Prix mit drei Punkten Vorsprung vor dem Spanier an. Kimi Räikkönen liegt als Dritter 19 Punkte zurück, Felipe Massa als Vierter bereits 24. In der Konstrukteurenwertung dagegen ist die Entscheidung zu Gunsten von Ferrari praktisch gefallen. Die Scuderia, die bis gestern 23 Punkte Rückstand auf McLaren-Mercedes aufgewiesen hatte, führt die Rangliste nun mit 57 Punkten Abstand auf das zweitplatzierte Team BMW-Sauber an. Zu gewinnen sind im Maximum noch 72 Punkte.

Auslöser der Affäre war der ehemalige Chefmechaniker von Ferrari, Nigel Stepney. Der Engländer war zu Beginn des Jahres von der Scuderia ins Testteam versetzt worden, nachdem er sich zuvor offen mit Abwanderungsgedanken getragen hatte. Stepney soll danach geheime Daten, die insgesamt 780 Seiten umfassen, an seinen Freund Mike Coughlan geschickt haben. Dessen Frau war aber beim Kopieren in einem Kopiergeschäft in der Nähe von McLarens Headquarter in Woking (Eng) erwischt worden. Coughlan, der bis dahin als Chef- Designer für McLaren gearbeitet hatte, war vom Team ebenfalls umgehend entlassen worden. Coughlan hat sich inzwischen offiziell dafür entschuldigt, das Material angenommen zu haben. Stepney dagegen weist jede Schuld von sich.

(si)

Eine Chronologie der Ereignisse im Spionage-Fall der Formel-1-Saison 2007:

1. Februar: Stepney fühlt sich bei der Nachbesetzung des Technischen Direktors von seinem Arbeitgeber Ferrari übergangen. Der Engländer erklärt sich für Angebote anderer Teams offen.

18. März: Kimi Räikkönen gewinnt bei seinem Debüt als Ferrari-Fahrer den ersten Grand Prix der Saison in Melbourne. Nigel Stepney weist McLaren-Mercedes darauf hin, dass Ferrari dabei einen illegalen Unterboden verwendet habe. Dieser wird anschliessend von der FIA verboten.

Juni: Ein Mitarbeiter eines Copy-Shops nahe der McLaren-Fabrik in Woking (Eng) informiert Ferrari, dass Mike Coughlans Ehefrau Trudy Ferrari-Dokumente auf zwei CD kopieren liess.

21. Juni: Ferrari leitet in Modena gerichtliche Schritte gegen Stepney ein. Der Angeklagte spricht von einer «Schmutzkübel-Kampagne».

3. Juli: McLaren suspendiert Coughlan, nachdem bei einer Hausdurchsuchung vertrauliches Ferrari-Material sichergestellt worden ist. Stepney wird ebenfalls entlassen.

4. Juli: McLaren versichert, dass keine Informationen von Ferrari für die eigenen Autos verwendet wurden, und lädt die FIA zu einer umfassenden Untersuchung ein. Der Weltverband leitet Ermittlungen ein.

10. Juli: Eine Anhörung vor dem Obersten Gericht in London wird vertagt. Gleichzeitig gibt ein Ferrari-Sprecher bekannt, dass es sich um 780 Seiten geheimer Daten gehandelt habe.

11. Juli: Coughlan und Ferrari einigen sich aussergerichtlich.

26. Juli: Der Motorsport-Weltrat in Paris befindet McLaren des unautorisierten Besitzes von Ferrari-Informationen für schuldig, verhängt aus Mangel an Beweisen, dass das Team einen Nutzen daraus gezogen habe, aber nur eine Verwarnung.

31. Juli: FIA-Präsident Max Mosley stimmt nach einem Einspruch des italienischen Automobilverbandes einer Berufungsverhandlung am 13. September in Paris zu.

1. August: McLaren-Teamchef Ron Dennis wirft dem italienischen Automobilverband in einem offenen Brief eine «irreführende Pressekampagne» vor.

5. September: Die FIA wandelt die auf den 13. September anberaumte Berufungsverhandlung in eine zweite Anhörung um. Grund dafür sind neue Beweise.

7. September: Die FIA veröffentlicht ihren Brief an Fernando Alonso, Lewis Hamilton und McLaren-Ersatzfahrer Pedro de la Rosa mit der Aufforderung, das Trio soll Kopien des ihnen möglicherweise zugegangenen geheimen Materials über den neuen Ferrari übermitteln. Bei Nicht-Kooperation wurden den Piloten «ernsthafte Konsequenzen» angedroht.

8. September: Italienische Justiz-Beamte unterrichten Dennis und zwei weitere hochrangige McLaren-Mitglieder in Monza, dass gegen sie ermittelt wird. Ihnen werden Sportbetrug und die Weitergabe von Betriebsgeheimnissen vorgeworfen.

13. September: Der Motorsport-Weltrat der FIA aberkennt McLaren alle Konstrukteurs-WM-Punkte der Saison 2007. Zudem wird das Team mit einer Geldstrafe von 100 Millionen Dollar belegt.

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