Nach Beschwerde-Flut: Mediamarkt streicht Masturbations-Werbespot

Aktualisiert

Nach Beschwerde-FlutMediamarkt streicht Masturbations-Werbespot

Seit kurzer Zeit läuft der neue Werbespot von Mediamarkt mit der fiktiven Familie Löli. Doch eine Sequenz erzürnte Sittenwächter des Volks – das Unternehmen reagierte.

von
R. Neumann

Reto ist der Sohn der fiktiven Familie Löli aus Dietikon, die in der neuen Kampagne von Mediamarkt auftritt. Während Papa Löli mit einem zu kleinen Fernseher kämpft, Mama und Tochter Löli ein Handy gebrauchen könnten, erforscht Reto als typischer Teenager gerade seinen Körper. Als Vorlage dienen ihm zwei Pixelmenschen, die auf dem Bildschirm Sex haben.

Sandra S.* schaute mit ihrem Göttibub Fernsehen, als besagter Mediamarkt-Spot gezeigt wurde. Der Bub habe sie gefragt, was diese «Mansgöggel» da am Bildschirm machen. Sandra S. sagt: «Gehts noch? Die Werbung wurde um 19 Uhr ausgestrahlt, da schauen noch Kinder zu. Das geht unter die Gürtellinie.»

Sendezeit verschoben

Ähnlich wie Sandra S. reagierten noch weitere Zuschauer. Bei Mediamarkt gingen über 50 schriftliche Beschwerden gegen den Spot ein. Daraufhin reagierte das Unternehmen. Eine Sprecherin bestätigt gegenüber 20 Minuten: «Wegen der Reklamationen haben wir uns entschieden, den Kurzspot ‹Sohn Reto› nicht mehr auszustrahlen.» Von den Webseiten des Unternehmens sei er ebenfalls entfernt worden.

Zudem verschob Mediamarkt auf einigen Sendern die Sendezeit des Imagespots, in welchem die gesamte Familie gezeigt wird. In der Westschweiz und im Tessin wird der Spot nun erst nach 20 Uhr, beziehungsweise 22 Uhr ausgestrahlt. Zwar sind Reto und seine Fingerübungen da noch zu sehen – doch sie seien laut der Sprecherin in die Geschichte der Familie eingebettet.

Die Sprecherin sagt: «Wir wissen, dass die bewusst überspitzte Darstellung und der zuweilen schräge Humor unserer Werbung nicht immer Gefallen finden. Wir wollen mit unserer Werbung polarisieren, jedoch keineswegs beleidigen oder schockieren.»

Beschwerden vor allem aus dem Tessin

Laut Publisuisse-Sprecher Reto Burkhalter habe man bereits bei der Visionierung festgestellt, dass der Spot für Beschwerden sorgen könnte. «Deshalb wurde der Spot auch nicht vor oder nach Kindersendungen ausgestrahlt.» Dennoch seien viele Beschwerden eingegangen. Vor allem aus dem Tessin, gefolgt von der Westschweiz und der Deutschschweiz.

Werber Frank Bodin glaubt nicht, dass sich das Unternehmen bei der Masturbationsszene verschätzt hat: «Ich denke, das war bewusste Kalkulation von Mediamarkt – die sind ja bekanntlich nicht blöd.» Man nehme dies als Agentur und als Kunde bewusst in Kauf, wenn man einen solchen Spot entwerfe.

Bei einigen Kunden könne die Provokation mit sexuellen oder anderen heiklen Inhalten bei einem kleinen Werbebudget ein probates Mittel sein, wenn die Idee etwas mit dem Anliegen zu tun habe, zum Beispiel, wenn es um soziale oder präventive Botschaften gehe, sagt Bodin. «Ich persönlich finde die Szene eine Löli-Idee und hätte für Mediamarkt nicht dieses Mittel gewählt, da das Thema weder mit der Marke noch mit der Kommunikationsidee im Einklang steht.»

* Name der Redaktion bekannt

Übersetzungsfehler im Tessin

Mediamarkt setzte sich auch mit der Tessiner Übersetzung von «Löli» in die Nesseln. «Baluba», wie es in der ersten italienischen Version hiess, ist eine Volksgruppe aus dem Kongo – was von verschiedenen Zuschauern als diskriminierend aufgefasst wurde. Nach nur einem Tag strahlte das Tessiner Fernsehen RSI den Spot nach Reklamationen nicht mehr aus. Mediamarkt entschuldigte sich und überarbeitete die italienische Fassung. Nun heissen die Lölis im Tessin «Babbeo».

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