Schwuler Bundesligaprofi: Medien-Drama oder Tabu-Durchbruch?
Aktualisiert

Schwuler BundesligaprofiMedien-Drama oder Tabu-Durchbruch?

Das Interview mit einem schwulen anonymen Fussballer schlägt in Deutschland Wellen. Nach den Medien meldet sich nun die Kanzlerin zu Wort, doch es werden auch Zweifel an der Echtheit laut.

von
phi

Das Jugendmagazin «fluter» war bis zum Dienstag, wohl kaum einem Deutschen ein Begriff – zumal dahinter auch noch der Staat in Form der Bundeszentrale für politische Bildung steckt. Doch seit dort am 11. September ein Interview mit einem anonymen schwulen Kicker veröffentlicht wurde, steht das Thema Homosexualität im Profi-Fussball ganz oben auf der Tagesordnung.

Die Unterredung mit dem Unbekannten hat ein freier Journalist geführt. Adrian Bechtold ist 25 Jahre alt und lebt in Deutschland und der Schweiz. Der Autor schreibt, er habe dem Spieler lange zureden müssen, weil der grosse Bedenken hatte. Warum sich der Anonymus dennoch zu dem Gespräch entschlossen hat? «Es ist wichtig, den ersten Schritt zu tun. Ich probiere mich gerade dabei selbst aus.»

Noch immer gilt Homosexualität im Fussball als Tabubruch. «Warten auf das Coming Out» titelte der «Spiegel» 2004 und sprach mit einem namenlosen Profi über seine Lage und (Selbst-)Zweifel. «Ich bin nur ein verdammter Schwuler. Ein Superstar aus Scheisse.» Das Fachmagazin «RUND» hat nach eigenen Angaben zwei Jahre recherchiert, um nach Gesprächen mit «mehreren schwulen Fussballprofis» Ende 2006 das Thema aufzugreifen.

Profi-Outing als «Tabubruch»

Kein Wunder also, dass das aktuelle Interview im «fluter» auf reges mediales Interesse stiess - spätestens nachdem «Bild» das Outing für sich entdeckt hatte. Der Artikel sei «mutig» und rege hoffentlich zum Nachdenken an: «Es wäre ein grosser Schritt in die richtige Richtung. Und längst überfällig.»

Einen Tag nach der Veröffentlichung fragt die «Süddeutsche Zeitung» bei Journalist Bechthold nach. Er berichtet am Mittwoch, ein Reporter einer Boulevard-Zeitung habe ihn beschuldigt, das Gespräch erfunden zu haben. Bechthold verteidigte seinen Artikel. Er habe knapp ein Jahr gebraucht, bis der Spieler ihm vertraut habe. «Es war ja nicht so, dass ich einfach angerufen habe und wir dann das Interview gemacht haben.»

Authentisch? Hauptsache Thema!

Am Donnerstag können sich auch die anderen grossen Medien nicht mehr verweigern: Während «Spiegel Online» noch einen «Weiten Weg zur Akzeptanz» ausmacht, freut sich «Zeit Online»: «Die Enttabuisierung hat begonnen.» Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» holte sich beim FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness Rat. «Das wird über kurz oder lang kommen. Die Vereine sind gut beraten, sich darauf vorzubereiten.»

Der Verband schwuler Fussball-Fanclubs in Deutschland begrüsst, dass das Thema endlich auf der Tagesordnung steht. Es sei deshalb egal, ob das Gespräch authentisch sei. «Die Aufmerksamkeit, die dieser Artikel und damit das Thema bekommen, zeigt uns, dass Toleranz von Homosexualität noch nicht bei jedem angekommen ist.» Das zeige auch die Tatsache, dass der Kicker unerkannt bleiben wolle.

Zweifel und offene Fragen

Genau das ist dem Fach-Blatt «11Freunde» aber zu wenig. Ein Notar hätte die Echtheit des Gesprächs bestätigen können, ohne die Identität des Mannes preisgeben zu müssen, kritisiert Philipp Köster. Der Chefredaktor hat Widersprüche und Klischees ausgemacht – er zweifelt an der Echtheit.

«Mal sind es die Medien, mal der vermeintlich enthemmte Mob in den Stadien, der ihm Todesangst einjagt», sind nur einige Beispiele die der Journalist nennt. Er wolle die «seelischen Nöte homosexueller Fussballer» nicht kleinreden, sehe aber «zahllose, wirr aneinander gestoppelte und sich gegenseitig widersprechende Aussagen».

«fluter» hat mittlerweile auf das Blätterrauschen reagiert und das Interview ergänzt. «Uns liegt eine schriftliche Bestätigung des Autors darüber vor, dass das Interview tatsächlich stattgefunden hat, und wir zweifeln nicht an der Richtigkeit des Schreibens. Wir freuen uns über lebhaften Diskussionen.» Letzteres Ziel wurde sicherlich erreicht.

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