Ausgezeichnet: Medizin-Nobelpreis geht an Japaner und Briten
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AusgezeichnetMedizin-Nobelpreis geht an Japaner und Briten

Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an die Zellforscher John B. Gurdon und Shinya Yamanaka. Sie erhalten die Auszeichnung für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den embryonalen Zustand.

Der Brite John B. Gurdon erhält gemeinsam mit dem Japaner Shinya Yamanaka einen Nobelpreis (Bild: Handout/AFP).

Der Brite John B. Gurdon erhält gemeinsam mit dem Japaner Shinya Yamanaka einen Nobelpreis (Bild: Handout/AFP).

Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den Briten John Gurdon (79) und den Japaner Shinya Yamanaka (50). Die beiden werden für ihre Arbeiten zur Verjüngung erwachsener Zellen geehrt, wie das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mitteilte.

Die höchste Auszeichnung für Mediziner und Biologen ehrt eine der erstaunlichsten Entdeckungen der vergangenen Jahre: 2006 berichtete Yamanaka, dass sich Zellen aus dem erwachsenen Körper mit Hilfe von nur vier Genen in Stammzellen zurückverwandeln lassen.

Schnell zeigte sich, dass diese sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) jenen aus dem Embryo weitestgehend gleichen. Der 1933 geborene Biologe Gurdon hatte bereits 1962 entdeckt, dass die Spezialisierung von Zellen rückgängig gemacht werden kann. Er stiess in der Fachwelt zunächst auf grosse Skepsis.

Diese Erkenntnis eröffnet die aufregende Möglichkeit, die Hautzellen eines Patienten in Stammzellen umzuwandeln, um daraus neues, patienteneigenes Gewebe zu schaffen. Die Abkürzung iPS steht seither für eine grosse Hoffnung: Stammzellen ohne zerstörte menschliche Embryonen.

Reset-Knopf für Zellen

Mit ihren Arbeiten hätten diese beiden Forscher «unser Verständnis von der Entwicklung von Zellen und Organismen revolutioniert», erklärte die Nobel-Jury. Es seien neue Möglichkeiten geschaffen worden, Krankheiten zu erforschen sowie neue diagnostische und Therapiemethoden zu entwickeln.

Urban Lendahl vom Nobelkomitee ergänzte: «Es ist noch zu früh zu sagen, wann die Erkenntnisse in der Zelltherapie umgesetzt werden können. Dank ihrer Arbeit wissen wir jetzt, dass die Zellentwicklung keine Einbahnstrasse ist.»

«Ich bin nicht überrascht, dass Yamanaka den Nobelpreis erhalten hat», sagt Yvan Arsenijevic, Stammzellforscher am Hôpital Ophtalmique Jules-Gonin in Lausanne und Präsident des Forscherverbunds «Swiss Stem Cells Network» der Nachrichtenagentur SDA. «Es war eine bahnbrechende Entdeckung, dass sich erwachsene Zellen quasi in ihren embryonalen Zustand zurückprogrammieren lassen.»

Möglichst viele Leute heilen

Yamanaka empfindet die Zuerkennung als «enorme Ehre», wie er auf der Webseite des Center for iPS Cell Research and Application (CiRA) der Universität Kyoto zitiert wurde. Es sei aber auch eine gewaltige Ermutigung für ihn selbst, seine Kollegen und alle Wissenschaftler, die Forschungen mit iPS-Zellen fortzusetzen. Er hoffe, möglichst viele Leute mit seiner Grundlagenforschung heilen zu können, sagte er in einer Live-Sendung des japanischen Fernsehens.

Gleich zurück an die Arbeit

Sein britischer Kollege John Gurdon sagte zur Nobelpreisvergabe für seine ein halbes Jahrhundert zurückliegende Publikation: «Es ist natürlich von Vorteil, so lange zu überleben, bis man diese fantastische Ehre erleben darf.» Nach kurzem Applaus seiner Institutskollegen sei Gurdon sofort wieder an seine Arbeit gegangen, berichtete sein Kollege Daniel St. Johnston dem Sender BBC.

In Gurdons Fall vergingen 50 Jahre bis zum Anruf. Gurdons Publikation von 1962 bewies, dass sich die Spezialisierung erwachsener Zellen rückgängig machen lässt. In seinem klassischen Experiment ersetzte er den Kern einer Frosch-Eizelle durch jenen einer Zelle aus dem Darm eines Frosches. Daraus ging dann tatsächlich eine Kaulquappe hervor.

Molekularer Jungbrunnen

Damit war klar: Auch die erwachsene Zelle behält alle Gene, um alle Zellen des lebenden Frosches zu bilden. Und: Es gibt eine Art molekularen Jungbrunnen.

Yamanakas Kollege von 2006, Kazutoshi Takahashi, ging am Montag hingegen leer aus. «Ich spüre Dank. An Katsutoshi Takahashi, mit dem ich seit 10 Jahren arbeite, ohne seine Anstrengungen hätte es den Preis nicht gegeben», sagte Yamanaka der Nachrichtenagentur Jiji Press.

Beide Nobelpreisträger haben bereits zahlreiche Wissenschaftspreise erhalten. Zusammen wurde ihnen 2009 der Lasker- Preis verliehen, das US-Pendant zum Nobelpreis. Yamanaka erhielt zudem 2010 den mit einer Million Franken dotierten Preis der schweizerisch-italienischen Balzan-Stiftung.

Preis 2012 posthum verliehen

Im vergangenen Jahr war die Zuerkennung des Medizin-Nobelpreises vom Tod des Preisträgers Ralph Steinman aus Kanada überschattet. Er war kurz vor der Bekanntgabe an Krebs gestorben. Der Preis wurde ihm aber dennoch posthum zuerkannt.

Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist diesmal mit umgerechnet 1,1 Millionen Franken (8 Millionen Schwedische Kronen) dotiert. An diesem Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Die feierliche Überreichung findet traditionsgemäss am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. (sda)

Schweizer Stammzellforscher: Keine Überraschung

Die Vergabe des Medizin-Nobelpreises an Shinya Yamanaka und John Gurdon sei keine grosse Überraschung, sagt ein Schweizer Stammzellforscher. «Der Nobelpreis für Yamanaka und Gurdon ist fantastisch», sagte der Neurobiologe Yvan Arsenijevic, Stammzellforscher am Hôpital Ophtalmique Jules-Gonin in Lausanne, der Nachrichtenagentur sda. Es sei eine «bahnbrechende Entdeckung» gewesen, dass sich erwachsene Zellen quasi in ihren embryonalen Zustand zurückprogrammieren lassen.

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