Bekanntgabe: Medizin-Nobelpreis geht an Zell-Forscher
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BekanntgabeMedizin-Nobelpreis geht an Zell-Forscher

Der diesjährige Träger des Nobelpreises für Medizin wurde um 11.30 Uhr in Stockholm bekannt gegeben. Er geht zu gleichen Teilen an drei Forscher aus den USA. Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak haben herausgefunden, wie Zellen altern - und mit welchen Werkzeugen die Zelle diese Alterung steuert.

Der Nobelpreis für Medizin geht an drei US- Forscher für die Entdeckung, wie Zellen altern. Die Erkenntnisse von Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak helfen nicht nur, das Altern zu verstehen, sondern könnten auch zu Therapien gegen Krebs führen.

Die drei Biologen erhalten je einen Drittel der mit rund 1,5 Mio. Franken dotierten Auszeichnung, wie die Königlich-Schwedische Akademie am Montag mitteilte. Sie galten schon seit Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis. 2006 hatte dasselbe Team bereits den Lasker-Preis erhalten, das US-Gegenstück zum Nobelpreis.

Alle drei haben wesentlich zum Verständnis der so genannten Telomeren beigetragen, den Enden der Chromosomen. Chromosomen sind eine Art «Erbgut-Portionen». Der Mensch trägt in jeder Zelle 46 dieser fadenförmigen Erbgutpakete mit je zwei Endsequenzen, den Telomeren.

Alterung verhindern

Die Telomeren wirken einerseits wie eine Schutzkappe und sorgen andererseits dafür, dass die Chromosomen bei der Zellteilung auch in voller Länge verdoppelt werden können. Beides ist lebenswichtig: Wenn sich die Telomeren verkürzen, altern die Zellen («Seneszenz»). Fehlen die Schutzkappen, kann das Genom nicht exakt verdoppelt werden.

Blackburn und Szostak wiesen in den frühen 1980er-Jahren nach, dass die Telomeren den Abbau von Chromosomen verhindern. Sie zeigten auch, dass Telomeren von einer Art den Abbau auch bei einer anderen Art verhindern. Das liess einen fundamentalen Mechanismus vermuten. Tatsächlich stellte sich später heraus, dass fast alle Tier- und Pflanzenarten Telomeren besitzen.

Greider und Blackburn entdeckten 1984 ausserdem ein ungewöhnliches, neues Enzym, das sie Telomerase nannten. Dieses Protein kann die Telomere verlängern und aufrechterhalten. Das ist unbedingt nötig: Bei jeder Zellteilung werden die Telomere ein Stück kürzer.

Erbkrankheiten und Krebs

Defekte Telomere sind die Ursache mehrerer Erbkrankheiten, zum Beispiel einiger Haut- und Lungenerkrankungen. «Die Entdeckungen von Blackburn, Greider und Szostak haben eine neue Dimension für unser Verständnis der Zelle geliefert», schreibt das Nobelpreis-Komitee.

Die Erkenntnisse haben auch gewaltige Auswirkungen auf die Krebsforschung. Die meisten Arten von Krebszellen enthalten nämlich grosse Mengen Telomerase. Diese Zellen vermehren sich immer weiter. Die Pharmaindustrie forscht heute an diversen Medikamenten, welche die Telomerase-Aktivität der von Krebszellen hemmen.

In einem Interview mit dem Schwedischen Radio sagte Carol Greider, sie sei im «siebten Himmel». Die Nachricht habe sie erreicht, als sie frühmorgens die Wäsche gemacht habe. Sie finde es sehr gut, dass wissenschaftliche Grundlagenforschung, die von der Neugier getrieben werde, eine Anerkennung erfahre.

Bedeutung sofort erkannt

Elizabeth Blackburn erklärte, sie habe bei der Entdeckung der Telomerase sofort gewusst, dass «das ein sehr wichtiges Resultat ist». Und Jack Szostak kündigte an, er werde den Nobelpreis bald mit einem grossen Fest feiern.

Blackburn lehrt und forscht an der University of California, San Francisco), Greider an der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore und Szostak am Massachusetts General Hospital, Boston. Alle drei haben die US-Staatsbürgerschaft, Blackburn zusätzlich noch die australische.

Nur der Auftakt

Damit eröffnet das Karolinska-Institut den Reigen der diesjährigen Nobelpreise, die alle mit zehn Millionen Kronen (knapp 1 Million Euro) dotiert sind. Erstmal wurde die Bekanntgabe auch weltweit live via Youtube übertragen. Die Ehrung für die medizinische Forschung ist eine von fünf, mit denen der 1896 gestorbene Preisstifter Alfred Nobel Einsätze zugunsten der Menschheit über seinen Tod hinaus fördern wollte.

Letztes Jahr an Aids-Entdecker

Die Auszeichnung für Medizin ging im vergangenen Jahr an den Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen und die französischen Aids-Virus-Entdecker Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi. Zur Hausen wurde für seine bahnbrechende Entdeckung der Papillomviren als Erreger von Gebärmutterhalskrebs ausgezeichnet.

Bis zum 12. Oktober werden auch die Preisempfänger für Physik, Chemie, Literatur und Frieden bekanntgegeben. Der Träger des erst später gestifteten Wirtschaftsnobelpreises wird später bestimmt; diese Auszeichnung wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank im Einvernehmen mit der Nobel-Stiftung geschaffen. Die Preisverleihung erfolgt alljährlich am 10. Dezember, Nobels Todestag.

(sda/dapd)

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