«Auswärtsspiel»: Mehr als nur eine Fussballreise
Aktualisiert

«Auswärtsspiel»Mehr als nur eine Fussballreise

Wer nach Barcelona fährt, um dort das beste Schweizer gegen das beste lokale Fussballteam zu sehen, kann das aus zwei verschiedenen Gründen tun: Weil man tapfere Schweizer oder einen Hauch von Fussballmagie erleben will: Gestern ging beides. Ein Reisebericht.

von
Patrick Toggweiler
Barcelona

Für Barça steht man gerne früh auf – muss man aber nicht. Der Sonderflug ab Zürich über Basel nach Barcelona geht erst um 12.00 Uhr: Swissflug mit Käsesandwich, einen Flugkapitän mit FC-Basel-Schal und kompatiblem Dialekt. Alles tipptopp. War der Flieger in Zürich noch beinahe leer, füllt sich die Maschine in Basel endgültig blau-rot. Unter den Fans ist auch Bruno. Seit 1962 Fan, reiste er für seinen Klub auch schon nach Moskau. Das war 1969. Jetzt ist Barcelona das Ziel. 595 Franken hat die Reise gekostet. Hin- und Rückflug, Transfers in die Stadt und Stadion und das Ticket für den Block 525 hat er dafür gekriegt. Der Flug verläuft bis auf ein paar kräftige Turbulenzen ruhig. Die Fans überschreiten den schmalen Grat zwischen Supporter und Nervtöter nie.

In Barcelona bringt uns ein Bus in die Innenstadt. Die Reiseleitung hat Plätze im Hard Rock Café reserviert. Wer hingeht, kriegt einen Schal. Die drei Stunden bis zur Abfahrt zum Stadion kann man in Barcelona aber spannender überbrücken. Die Rambla runter und wieder rauf, im Mercat de la Boqueria delikaten Schinken kaufen, auf der Plaça Reial mit Basel-Fans jubeln und trinken, in den zahlreichen Boutiquen nach einem Geschenk für die Freundin suchen – und schon heisst es Abfahrt zum Stadion.

Das magische Stadion

Das grösste Fussballstadion Europas hat einen Charme, den nur Puristen zu schätzen wissen. Beton wo man hinsieht, kahle Wände und halsbrecherische Treppenkonstruktionen, die an die Kaserne aus der RS erinnern. Tiefgaragenatmosphäre im Innern. Aber es ist eben das Camp Nou. Die sanitären Anlagen schneiden im Vergleich zu syrischen Bahnhofklos schlecht ab. Ähnlich könnte man über das kulinarische Angebot im Stadion herziehen – aber es ist eben das Nou Camp. Sogar der riesige Fanshop bleibt für Gästefans unerreichbar weit weg am andern Ende des Stadions. Wer im kargen Innern die beinahe endlosen Treppen hinaufsteigt, vorbei am traurigen Take Away, vorbei an den üblen Toiletten, der spürt aber den Hauch von Magie, der diese Mauern umspielt. Der spürt, dass man sich hier in einem Fussballtempel bewegt. Hier predigten Maradona, Cruyff, Lineker und Ronaldinho. Der Plastiksitz hoch oben im Block 525 könnte schäbiger kaum sein, aber hier spielt die Fussballmusik. Man nimmt Teil an einem Stück Fussballgeschichte. Ein Ignorant, wer sich der Faszination Nou Camp entzieht.

Zehn Minuten wie Fussballperfektionismus

Natürlich ist man gekommen, um Fussball zu sehen. Denn in diesem Kessel spielt nicht einfach nur der FC Barcelona gegen Basel. Hier zieht das 11-köpfige Heer von König Fussball in die Schlacht. Nicht nur, um gegen die Schweizer zu spielen, vielmehr, um die Herzen von Millionen von Fans zu erobern. Sie dem Fussball zu unterwerfen. Der Herren Waffen sind nicht Schwerter und Kanonen, sondern technische Finessen, schlaue Kombinationen und schnelle Dribblings.

Auch gegen Basel läuft der Ball zuerst wie am Schnürchen. In den ersten zehn Minuten kombiniert sich Barcelona dreimal brandgefährlich vor das Basler Tor. Ballsicherheit, wie man es eigentlich nur vom Handball kennt. Diesen Zauber live zu erleben, lässt einem wahrlich den Atem stocken. Im Gegensatz zum Hinspiel bleibt der Schweizer Meister während dieser Druckphase schadlos. Dann ein Basler Angriff und das wars: Nichts passiert mehr Richtung Offensive. Basel neutralisiert den Übergegner über weite Strecken. Auch Barça zaubert respektive kocht nur mit Wasser.

Messi

Halbzeit zwei beginnt, wie die erste geendet hatte. Basel kann nicht besser, Barça wirkt seltsam fahrig. Nun aber kommt er. Er alleine ist eine Reise für 595 Franken wert. Er verdient im Jahr das Budget eines durchschnittlichen Axpo-Super-League-Vereins: 10-14 Millionen Euro. Er heisst Lionel Messi, wird eingewechselt und schiesst kurz danach das 1:0. Messis Brillanz ist sogar im Gästeblock im entferntesten Winkel des Stadions zu erkennen. Sogar die verwöhnten katalanischen Fans klatschen. Bald schon werden sie aber wieder von den lautstarken Schweizern niedergebrüllt – so auf jeden Fall die Wahrnehmung im Block 525. Danach blitzt die individuelle Klasse der Spanier nur noch vereinzelt auf. Irgend ein Basler Fuss kann meistens noch dazwischenfunken. Der Klassenunterschied vom Hinspiel scheint vergessen. Und so wird aus dem Abend eben keine Demonstration katalanischer Extraklasse, sondern ein Abend, an dem eine tapfere Schweizer Mannschaft einem Übergegner einen Prestigepunkt aus dem Stadion entführt. Ganz nach Basler Dankesart kann man sich dafür bei Eren Derdiyok mit einem «Messi» bedanken.

Mehr als nur ein Klub, mehr als nur eine Reise

«Mehr als nur ein Klub» lautet das Motto des FC Barcelona. Wer in diesem denkwürdigen Stadion dieses Spiel gegen diesen speziellen Gegner miterlebt hat, hat gespürt, dass dieser Spruch nicht bloss Werbezwecken dient. Auch die Reise nach Spanien ist mehr als nur ein Ausflug. Nur, wie der FC Basel bewiesen hat: Es ist nicht verboten, auf die Reise ins Wunderland das Wunder selber mitzubringen.

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Inter – Juventus live!

(hier geht es zum Wettbewerb!). Inbegriffen sind dabei die Busfahrt, gedeckte Sitzplätze , etc.

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