Publiziert

UmfrageMehr als zwei Drittel wollen Pestizide verbieten

Eine klare Mehrheit würde heute die Anti-Pestizid-Initiativen annehmen. Diese scheuchten die Bauern auf, heisst es bei den Initianten.

von
D. Waldmeier
1 / 5
«Die Leute, die jetzt Ja stimmen wollen, suchen beim Grossverteiler nur die schönste Ware aus», sagt Gemüse- und Milchbauer Walter Müller. Er ist FDP-Nationalrat.

«Die Leute, die jetzt Ja stimmen wollen, suchen beim Grossverteiler nur die schönste Ware aus», sagt Gemüse- und Milchbauer Walter Müller. Er ist FDP-Nationalrat.

Walter-mueller.ch
68 Prozent würden die Trinkwasser-Initiative annehmen, nur 28 Prozent würden sie ablehnen. Ein Verbot synthetischer Pestizide würde laut der Umfrage gar von 72 Prozent der Stimmbürger unterstützt.

68 Prozent würden die Trinkwasser-Initiative annehmen, nur 28 Prozent würden sie ablehnen. Ein Verbot synthetischer Pestizide würde laut der Umfrage gar von 72 Prozent der Stimmbürger unterstützt.

Keystone/Arno Balzarini
Auffällig: Mit über 80 Prozent Ja werden die Initiativen bei den Anhängern von SP, GLP und Grünen am klarsten unterstützt.

Auffällig: Mit über 80 Prozent Ja werden die Initiativen bei den Anhängern von SP, GLP und Grünen am klarsten unterstützt.

Keystone/Alessandro Della Valle

Zwei Volksinitiativen wollen das Insekten- und Vogelsterben in der Schweiz stoppen: Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe von Direktzahlungen profitieren, die keine Pflanzenschutzmittel ausbringen. Die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» will Pestizide ganz verbieten.

Beide Forderungen werden derzeit von einer Mehrheit des Stimmvolks unterstützt: 68 Prozent würden die Trinkwasser-Initiative annehmen, nur 28 Prozent würden sie ablehnen. Ein Verbot synthetischer Pestizide würde laut der Umfrage gar von 72 Prozent der Stimmbürger unterstützt.

Auffällig: Mit über 80 Prozent Ja werden die Initiativen bei den Anhängern von SP, GLP und Grünen am klarsten unterstützt. Aber auch bei den bürgerlichen Wählern ist eine deutliche Mehrheit für die Initiative. So sprechen sich bei der Trinkwasser-Initiative 60 Prozent der SVP-Wähler für einen radikalen Kurswechsel in der Landwirtschaftspolitik aus.

Nicht überrascht ist Franziska Herren, die Mutter der Trinkwasser-Initiative: «Egal ob rechts oder links – viele wollen ein Zeichen setzen!» Die Artenvielfalt sei drastisch zurückgegangen, Regenwürmer hätten vielerorts Seltenheitswert. «Das Trinkwasser ist belastet, synthetische Pestizide wie Chloridazon bauen sich kaum ab. Die Nebenwirkungen für Mensch und Tier sind unklar. Das ist ein viel zu grosses Risiko.» So seien in den letzten Jahren zahlreiche Wirkstoffe zurückgezogen worden, weil man gemerkt habe, dass sie gefährlicher sind, als angenommen.

Die Initiative fordere bewusst einen radikalen Kurswechsel. «Wir müssen hohe Forderungen stellen, damit am Ende etwas umgesetzt wird.» Laut Herren ist der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundesrates, der den Pestizid-Einsatz verringern will, untauglich, da gleichzeitig die Grenzwerte für gefährliche Pestizide in den Gewässern erhöht werden sollen.

Die Initiative zeige aber bereits Wirkung: «Die Bauern und die Behörden sind aufgescheucht, stehen unter Druck. Einige Bauern drohen bereits, dass sie bei einem Ja zur Trinkwasser-Initiative lieber auf Direktzahlungen verzichten und noch mehr Pestizide spritzen würden.» Das halte sie aber für eine «bedenkliche Drohung», da heute kein einziges Umweltziel der Landwirtschaft erfüllt werde.

«Initiative fördert den Einkaufstourismus»

Laut Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Bauernverbandes, würden wohl einige Betriebe im Gemüse- oder Obstbau zur Sicherung ihrer Ernten weiterhin Pestizide einsetzen, selbst wenn sie auf Direktzahlungen verzichten müssten. Die hohe Zustimmung zu den beiden Initiativen beunruhigt ihn nicht: «Der Wissensstand in der Bevölkerung ist noch tief. Das wird sich im Verlauf der Debatte ändern.» Die Trinkwasser-Initiative klinge zwar gut, aber es gehe nicht nur um das Wasser, da auch sehr weitgehende Vorschriften zu Futter- und Antibiotikaeinsatz enthalten seien: «Sie würden auch Bio-Betriebe massiv betreffen.»

Ein Pestizid-Verbot habe zur Folge, dass Lebensmittel in der Schweiz massiv teurer würden. «Das trifft die Konsumenten und fördert den Einkaufstourismus.» Sinnvoller als extreme Initiativen sei der Aktionsplan des Bundesrates. «Dieser enthält 51 Massnahmen, um das Risiko von Pestiziden um die Hälfte zu reduzieren.»

Landwirt und FDP-Nationalrat Walter Müller (FDP) sagt, Bauern gingen verantwortungsbewusst mit Spritzmitteln um. «Sparsam ist man schon deshalb, weil Pestizide teuer sind.» Die extremen Initiativen würden die Nahrungsmittelproduktion um Jahrzehnte zurückwerfen. «Die Leute, die jetzt Ja stimmen wollen, suchen beim Grossverteiler nur die schönste Ware aus.» Die Initiativen seien ein Symptom der Wohlstandsgesellschaft, in der es an nichts mangle. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute wieder selbst aufs Feld gehen und Gemüse anbauen wollen, weil eine moderne, produzierende Landwirtschaft nicht mehr möglich ist.»

Zur Umfrage

14'851 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 21. und 22. Juni online an der Tamedia-Wahlumfrage teilgenommen. Die Befragung wird in Zusammenarbeit mit der LeeWas GmbH der Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,5 Prozentpunkten. Weitere Informationen gibts hier.

Darum gehts

Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» des Westschweizer Vereins Future 3.0 ist im Juni zustandegekommen. Sie will nicht nur den Einsatz von Pestiziden im Inland verbieten, sondern auch den Import pestizidhaltiger Lebensmittel.

Antibiotika geben. Der Bundesrat empfiehlt sie ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung. Die Initiativen kommen frühestens im kommenden Jahr vors Volk.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.