Aktualisiert 13.02.2012 09:22

Vimentis-Umfrage

Mehr Bahn - aber keine teureren Billette

Ein klare Mehrheit der Schweizer will laut einer Umfrage den Bahnverkehr ausbauen. Bloss: Wer das bezahlen soll, darüber herrscht keine Einigkeit.

von
Lukas Mäder

210 Franken mehr für das 2.-Klasse-GA, 4 Prozent für Einzelbillette: Die Preiserhöhung der SBB im Dezember fällt happig aus. Grund dafür sind unter anderem anstehende Investitionen in die Infrastruktur, welche die Benutzer mitfinanzieren müssen. Dass der Bund Bahnausbauten über höhere Ticketpreise bezahlt, stösst bei der jährlichen Vimentis-Umfrage (siehe Box) nur bei knapp einem Viertel der Befragten auf Zustimmung. Eine Mehrheit möchte Bauten für den öffentlichen Verkehr über Abgaben auf den Strassenverkehr (28%) oder allgemeine Steuereinnahmen (30%) finanzieren. Mit zunehmendem Einkommen finden höhere Billettpreise steigende Zustimmung: Bei unter 3000 Franken Monatslohn sind es nur 13%, bei über 12 000 Franken jedoch 37%.

Praktisch unabhängig von Einkommen und Alter ist die Sympathie, Strassenverkehrsabgaben für den öffentlichen Verkehr einzusetzen: Zwischen 26% und 30% sprechen sich dafür aus. Die Volksinitiative «Für den öffentlichen Verkehr», welche die Hälfte der Mineralölsteuer abzweigen will, dürfte damit beim Volk auf klare Ablehnung stossen. Sie wurde im September 2010 vom VCS und weiteren links-grünen Organisationen mit 140 000 Unterschriften eingereicht. Ebenfalls keine Zustimmung findet die Idee des Mobility-Pricings, bei dem Autofahrer für die Zufahrt zum Zentrum grosser Städte eine Gebühr entrichten müssten. Nur 41% der Teilnehmer sprachen sich dafür aus, 2007 waren es praktisch unverändert 40%.

Trotz Uneinigkeit bei der Finanzierung sind sich die Teilnehmer einig, dass der Bund die Verkehrsinfrastruktur in der Schweiz weiter ausbauen soll. Eine grosse Mehrheit von 71% sprechen sich generell dafür aus. Dass dabei der Schwerpunkt beim Bahnverkehr liegt, unterstützen ebenfalls klare 59% der Teilnehmer. Nur knapp ein Drittel will in mehr Strassen investieren. Die Unterschiede abhängig von Alter und Einkommen sind gering. Einzig bei den 35- bis 53-Jährigen liegt die Unterstützung des Strassenverkehrs mit 35% ein bisschen höher. Eine Mehrheit findet die Bevorzugung der Strasse gegenüber der Schiene mit 53% zu 33% einzig bei den SVP-Anhängern. Die Sympathisanten aller anderen Parteien ziehen den öV vor.

Mehr bezahlen für Öko-Strom

Einen eigentlichen Meinungsumschwung bei der Bevölkerung ausgelöst hat der Entscheid von Parlament und Bundesrat, längerfristig aus der Atomenergie auszusteigen. So unterstützen 52% der Teilnehmer diese Haltung; zusätzliche 17% sind sogar für den sofortigen Atomausstieg. Dies sah in den Jahren 2006 bis 2008 noch anders aus. Damals nahm die Unterstützung für neue Kernkraftwerke tendenziell zu von 44% auf 50% der Umfrageteilnehmer. Besonders stark zurückgegangen ist die Zahl der Anhänger neuer AKW. 2008 wollten 26% neben den bestehenden noch zusätzliche Kernkraftwerke bauen; 2011 befürworteten dies nur noch 9%.

Darüber, wie künftig der wegfallende Atomstrom kompensiert werden soll, sind sich die Umfrageteilnehmer uneins. Je knapp 50% wollen dies über strikte Einsparungen beziehungsweise über eine erhöhte Produktion im Inland tun. Parteipolitisch betrachtet sprechen sich Anhänger von SP, Grünen und Grünliberalen stärker für Stromsparen aus. FDP- und SVP-Sympathisanten sind mehrheitlich für eine höhere Stromproduktion im Inland. Keine Lösung sind für die Teilnehmer Importe aus dem Ausland. Nur gerade 4% sind für diese Lösung, wobei die parteipolitischen Unterschiede gering sind.

Für umweltfreundlichen Strom ist eine klare Mehrheit auch bereit, einen höheren Preis zu bezahlen: 44% können sich einen 20-prozentigen Aufschlag vorstellen, 18% gar einen von 40% oder mehr. Dabei sind die Jüngeren umweltfreundlicher: Mit steigendem Alter sinkt die Bereitschaft, für Strom aus erneuerbaren Ressourcen mehr zu bezahlen. Von den 15- bis 24-Jährigen lehnt nur knapp ein Viertel einen Aufschlag ab, bei den über 65-Jährigen sind es hingegen 38%. Ihnen ist die Versorgungssicherheit ebenso wichtig wie die Umweltverträglichkeit (je 45%), wie die Antwort auf die Frage zeigt, welche Faktoren ihnen bei der Energie wichtig ist. Bei den 15- bis 24-Jährigen hingegen überwiegt die Umweltverträglichkeit (57%) klar. Der tiefe Preis hingegen ist mit durchschnittlich 10% allen Altersgruppen nicht besonders wichtig.

Die Umfrage von Vimentis

Die neutrale Politplattform Vimentis hat vom 5. November bis am 30. Dezember 2011 in Zusammenarbeit mit 20 Minuten Online und dem Migros-Magazin ihre jährliche Umfrage mit insgesamt 42 Fragen durchgeführt. Daran nahmen 30 565 Personen teil. Die Antworten der Online-Umfrage wurden statistisch nach Kanton, Alter, Bildung und Geschlecht gewichtet, um ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten. Die Fehlertoleranz liegt bei +/- 4%.

Die Sympathien der Umfrageteilnehmer entsprechen ungefähr den Wähleranteilen bei den Nationalratswahlen von 2011. Während SP- und SVP-Sympathisanten leicht übervertreten sind mit 2,1 beziehungsweise 1,6 Prozentpunkten über dem Wähleranteil, sind die traditionellen Mitteparteien untervertreten. Die FDP liegt 1 und die CVP 3,7 Prozentpunkte unter ihrer effektiven Wählerstärke. Mit 1,4 Prozentpunkten ebenfalls untervertreten sind die Grünen. Bei den neuen Mitteparteien liegen die Grünliberalen 3,1 Prozentpunkte über ihrer Wählerstärke, während die BDP keine Abweichung hat. (mdr)

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