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Mehr Fragen als Antworten

Der Test mit Pflichtspielcharakter ist den Schweizern am Mittwoch in Basel misslungen. Das 0:4 gegen Deutschland 73 Tage vor dem EM-Eröffnungsspiel war eine Fortsetzung des Negativtrends der letzten Partien. Der je dreifache Welt- und Europameister zeigte den Schweizern mehr als nur die Limiten auf.

Köbi Kuhn mochte den Auftritt im ausverkauften St.-Jakob-Park nicht schönreden. «Amateurhaft» hätten sie zuweilen agiert, die Deutschen beim Toreschiessen praktisch unterstützt. Joachim Löw erhielt aus dem Spiel im Schweizer EM-Heimstadion einige Antworten; bei den Schweizern blieben hingegen einige Fragen zurück: Wieso fiel die Mannschaft nach dem zweiten Gegentor regelrecht auseinander? Wie ist innert zweieinhalb Monaten der Rückstand im physischen Bereich zu korrigieren? Mit welchem System will die SFV- Auswahl an der Euro antreten? Wer soll der souveräne Patron der Abwehr sein? Und wer wird die nötigen Tore schiessen?

Die offensive Harmlosigkeit im Schweizer Spiel hielt in Basel an. In den letzten vier Partien traf nur der Debütant Eren Derdiyok im Wembley-Stadion beim 1:2 gegen England. In Abwesenheit des verletzten Marco Streller wird der noch nicht einmal 20-jährige Basler zum Hoffnungsträger erklärt, obwohl er selbst im FCB keinen Stammplatz hat. Alex Frei ist nach achtmonatiger Verletzungspause erwartungsgemäss noch nicht in Bestform; ein unplatzierter Kopfball nach einer halben Stunde und ein Freistoss kurz vor der Pause waren die einzigen Torchancen des treffsichersten Schweizer Stürmers.

Wer ist der Leader in der Abwehr?

Sorgen bereitet Köbi Kuhn mit Sicherheit die Abwehr. Das einst hoffnungsvolle Talent Philippe Senderos hat sich im letzten Jahr bei Arsenal - trotz guter Spiele wie zuletzt gegen die AC Milan - kaum weiter entwickelt und ist in der Nationalmannschaft zum Unsicherheitsfaktor geworden. Er kann in der Verteidigung nicht der Chef sein, wenn er vor allem mit sich selber und den eigenen Fehlern beschäftigt ist. Kuhn dürfte auf eine schnelle Rückkehr von Patrick Müller hoffen. Es ist jedoch ungewiss, wie schnell der Spieler von Olympique Lyon nach dem Kreuzbandriss den Rhythmus wieder findet.

Nationalcoach Kuhn kehrte mit dem Comeback von Frei zum Zwei-Mann-Sturm zurück und änderte auch die Gruppierung im Mittelfeld. Er reduzierte so den Einfluss von Tranquillo Barnetta sowie Gelson Fernandes und schwächte damit letztlich das Ensemble. Mit der Wiedereinführung der Raute sorgte Kuhn wohl eher für Konfusion als für eine offensive, kreative Spielweise. Zahlreiche Ballverluste im Mittelfeld wie jener Barnettas vor dem 0:2 oder von Gökhan Inler vor dem 0:3 erschwerten die Aufgabe der Abwehrspieler gegen die konsequent in die Spitze spielenden Deutschen. Die vorzeitige Ermüdung der Verteidiger war ein Faktor des Zerfalls nach dem 0:2.

Inler einmal mehr ein Lichtblick

Barnetta hatte zwar die Rolle des zentralen Mittelfeldspielers hinter den beiden Spitzen nicht zum ersten Mal inne, über die Aussenbahn erzielt jedoch der Ostschweizer fraglos grössere Wirkung. Umgekehrt ist Fernandes im Zentrum wirkungsvoller. Er verliert in der Schaltzentrale kaum einen Zweikampf und kann - in guter Partnerschaft mit dem abermals überzeugenden Inler - auch offensive Akzente setzen. Die defensive Stabilität im Mittelfeld ist im internationalen Vergleich zum wichtigsten Faktor geworden.

Augenfällig war die deutlich höhere physische Präsenz der Deutschen auf praktisch jedem Quadratmeter des Feldes. Einzig Stephan Lichtsteiner und Valon Behrami auf der rechten Seite hielten dagegen. «Jetzt muss sich jeder im Klub zerreissen, um Stammspieler zu sein. Und jeder muss das individuelle Programm, das er erhalten hat, durchziehen», fordert Alex Frei. Der ehrgeizige Captain wird dies sicher vorleben. Wenn Michael Ballack sagt, die Deutschen hätten «an der EM nur mit einer topfitten Mannschaft eine Chance», dann gilt dies in noch höherem Masse auch für die Schweizer Auswahl.

Die Hoffnung lebt weiter

Die Deutschen dienen den Schweizern in der Vorbereitung gerne als Vorbild. Auch die DFB-Auswahl hatte vor der erfolgreichen Heim- WM 2006 gegen Italien eine empfindliche Niederlage eingesteckt und damit sogar eine Trainer-Diskussion entfacht. Das Selbstverständnis und das Selbstvertrauen der Deutschen, das auf drei EM- und drei WM-Titeln gründet, ist aber den Schweizern, die internationale Erfolge höchstens aus den Geschichtsbüchern kennen, nicht eigen.

Frei blickte denn auch am späten Mittwochabend nicht über die nördliche Landesgrenze. «So weit wie Österreich sind wir aber noch nicht», bemerkte er lakonisch und sprach die EURO-Depression des Co- Gastgebers an. «Die Hauptprobe ist misslungen, darauf folgt meistens etwas Gutes», sagte Benaglio. Nach der deutschen Lehrstunde dominiert in der Schweiz das Prinzip Hoffnung; die Erwartungshaltung ist in den letzten Monaten drastisch gesunken. Zumindest dies kann im Hinblick auf die Euro zum Vorteil werden.

(si)

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