Leiden in der Pandemie - Mehr Freiheiten für Jugendliche sollen psychische Erkrankungen verhindern
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Leiden in der PandemieMehr Freiheiten für Jugendliche sollen psychische Erkrankungen verhindern

Die Corona-Massnahmen setzen der jungen Bevölkerung psychisch stark zu. Die Politik ist sich einig, dass die aktuelle Situation für diese nicht mehr tragbar sei.

von
Bettina Zanni
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Verschiedene Jungpolitiker wollen Jugendliche in der Pandemie psychisch entlasten.

Verschiedene Jungpolitiker wollen Jugendliche in der Pandemie psychisch entlasten.

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Mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr landeten 2020 auf der Notfallstation des Kinderspitals Zürich, weil sie einen Suizidversuch unternommen hatten.

Mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr landeten 2020 auf der Notfallstation des Kinderspitals Zürich, weil sie einen Suizidversuch unternommen hatten.

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Beinahe verdreifacht hat sich zudem die Zahl der Einweisungen wegen psychosomatischer Störungen.

Beinahe verdreifacht hat sich zudem die Zahl der Einweisungen wegen psychosomatischer Störungen.

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Darum gehts

  • Im Kinderspital Zürich hat sich die Zahl der psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen mehr als verdoppelt.

  • Jungpolitikerinnen und -politiker wollen die Situation mit Lockerungen entschärfen.

  • «An Jugendtreffs sollten durch Selbsttests auch wieder Partys veranstaltet werden können», sagt der Präsident der Jungen GLP.

  • Die Präsidentin der Juso will im Freien mehr Räume schaffen, warnt aber vor vorschnellen Lockerungen.

Die Pandemie bringt Kinder und Jugendliche psychisch an ihre Grenzen. Mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr landeten 2020 auf der Notfallstation des Kinderspitals Zürich, weil sie einen Suizidversuch unternommen hatten. Auch im aktuellen Jahr steigt laut der «NZZ am Sonntag» die Tendenz.

Beinahe verdreifacht hat sich zudem die Zahl der Einweisungen wegen psychosomatischer Störungen. Auch an Essstörungen litten mehr als doppelt so viele Jugendliche wie im Vorjahr. Die Pandemie habe die Faktoren, die zum Selbstmord führen könnten, verstärkt, sagt Markus Landolt, leitender Psychologe am Kinderspital (siehe Box).

Lange Wartelisten

Auch andere Kliniken spüren einen grösseren Andrang. Das Ambulatorium der Basler Kinder- und Jugendpsychiatrie registriert in den letzten vier bis fünf Monaten insgesamt 40 Prozent mehr Anmeldungen, wie der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Uniklinik Basel zum «Beobachter» sagte. Die Wartelisten werden immer länger. Anstatt vier bis sechs Wochen müssen Patientinnen und Patienten neu fünf bis sechs Monate auf einen Termin warten.

Politiker sind sich einig, dass die aktuelle Situation für die junge Bevölkerung nicht mehr tragbar sei. Tobias Vögeli, Co-Präsident der Jungen GLP, wünscht für unter 18-Jährige zugunsten derer psychischen Gesundheit mehr Freiheiten. «An Jugendtreffs sollten durch Selbsttests auch wieder Partys veranstaltet werden können».

«In persönlichen Entwicklung stark eingeschränkt»

Die jungen Personen sind laut Vögeli seit einem Jahr in ihrer persönlichen Entwicklung stark eingeschränkt. «Sie können etwa keine sozialen Kontakte mehr knüpfen oder auch das Liebesleben nicht erkunden – alles Dinge, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden zentral sind».

Der St. Galler SP-Regierungsrat Fredy Fässler führte kürzlich bereits ins Feld, Veranstaltungen für Junge mit strengen Schutzkonzepten wieder zuzulassen.

Auch Sarah Bünter, Präsidentin der Jungen Mitte, sagt: «Je jünger jemand ist, desto entscheidender ist das einzelne Jahr für die Entwicklung. Dem muss die Gesellschaft Rechnung tragen». Es brauche Perspektiven, ab wann Lockerungen wieder möglich seien. «Nur schon klar zu wissen, was ab welcher Anzahl geimpfter Personen wieder möglich ist, kann psychischen Problemen entgegenwirken».

Lockerungen seien verfrüht

Juso-Präsidentin Ronja Jansen unterstützt einen Kurswechsel für die junge Bevölkerung. Vorschnelle Lockerungen für Jugendliche hält sie aber für verfrüht. Das Risiko eines Anstiegs der Fallzahlen sei zu gross, so Jansen. «Damit das Aushalten der Pandemie psychisch erleichtert wird, sollten im Freien mehr Räume geschaffen werden, wo Jugendliche sich möglichst sicher treffen können».

Auch plädiert Jansen für einen besseren Zugang zu Hilfsangeboten. «Betroffene schämen sich oft für ihre psychischen Probleme und trauen sich deshalb nicht, frühzeitig Hilfe zu holen».

Eine aktuelle Bevölkerungsbefragung zum Thema Suizidprävention bestätigt, dass es für Jugendliche im Gegensatz zur allgemeinen Bevölkerung weniger infrage kommt, sich bei Problemen, Lebenskrisen oder Suizidgedanken an Fachpersonen oder niederschwellige Beratungsstellen zu wenden. Stattdessen ziehen sie Personen aus dem persönlichen Umfeld vor. Auch Fachpersonen beschäftigt dies.

Dialog auf Augenhöhe gefordert

«Die Gesellschaft muss mit den Jungen frühzeitig den Dialog auf Augenhöhe suchen, um akute psychische Probleme zu verhindern», sagt Marcel Wisler, Co-Leiter Gesundheitsförderung und Kommunikation der Stiftung Pro Mente Sana. «Wir können nicht mehr weiterhin denken: ‹Die Jugendlichen packen das schon›».

Viel bewirken könne, wenn Jugendliche einander zuhörten, sagt Wisler. «Das kann im Klassenverband oder in einer Community stattfinden». Lehrpersonen sollten psychische Probleme aktiv zum Thema machen. «Wichtig ist auch, dass die Familie und das persönliche Umfeld wachsamer sind».

Die Prävention ist in der Pandemie laut Wisler besonders wichtig. «Der Mangel an Therapieplätzen und Fachpersonen hat sich durch die Krise noch verschärft und kann auf kurze Frist nicht kompensiert werden». Deshalb braucht es zusätzliche Angebote. Wisler nennt einen Erste-Hilfe-Kurs mit dem Modul Jugend etwa für Eltern und Lehrkräfte, den die Stiftung seit Kurzem anbietet.

Psychische Erkrankungen in der Pandemie

2020 wurden im Vergleich zum Vorjahr mit 49 Fällen mehr als doppelt so viele Kinder und Jugendliche nach Suizidversuchen in die Notfallstation des Kinderspitals Zürich eingeliefert. Aktuell verzeichnet das Kinderspital laut der «NZZ am Sonntag» bereits wieder 21 Fälle – etwa gleich viele wie im ganzen 2019. Die Pandemie habe die Faktoren, die zum Selbstmord führen könnten, verstärkt, sagt Markus Landolt, leitender Psychologe am Kinderspital. Als Beispiel erwähnt er Einsamkeit, Traurigkeit und Zukunftsängste. Beinahe verdreifacht hat sich zwischen November und März zudem die Zahl der Einweisungen wegen psychosomatischer Störungen. Mehr als doppelt so viele Jugendliche litten in der zweiten Jahreshälfte 2020 im Vergleich zum vorjährigen Zeitraum an Essstörungen.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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