Aktualisiert 01.11.2010 14:59

Treffen der AntifeministenMehr Hilferuf als Kampfschrei

Das erste Treffen der Antifeministen ging in hochkonspirativem Rahmen über die Bühne. Unser Reporter hat den Sicherheitscheck bestanden. Er weiss jetzt, dass High Heels und Lippenstift nicht so wichtig sind.

von
Joel Bedetti
Ein Mann mit einem Hinweisschild empfängt am Flughafen Zürich Teilnehmer des Seminars Egala der Interessengemeinschaft Antifeminismus (IGAF).

Ein Mann mit einem Hinweisschild empfängt am Flughafen Zürich Teilnehmer des Seminars Egala der Interessengemeinschaft Antifeminismus (IGAF).

Der Beginn dieser Geschichte ist wie ein schlechter Agentenfilm, das hat der Kollege von «Tele Top» treffend bemerkt. Weil Anti-Antifeministen den Frieden des Antifeministen-Kongresses bedrohen, findet der Kongress von gestern Samstag an einem geheimem Ort statt. Um 6.15 Uhr bekomme ich ein SMS von der IG der Antifeministen mit der Aufforderung, mich um 9.15 Uhr im Flughafen, Terminal A, einzufinden: «Zum Schild Seminar Egala begeben. Weitere Informationen dort. Ausweispapiere mitnehmen. Absolute Vertraulichkeit beachten, keine Weitergabe dieser Informationen.»

Die konspirative Energie der IGAF (Interessensgemeinschaft der Antifeministen) ist kaum zu toppen. Beim Terminal A steht ein Mann mit Schnauz, abgetragener Lederjacke und zu langen Hosen. Er hält einen Fresszettel in der Hand, auf dem mit Filzstift «Seminar Egala» steht. Ich nenne meinen Namen. Der Mann nickt und raunt mir verschwörerisch zu, mich unauffällig zu einem kleinen, lustig dreinblickenden Mann in grauem Anzug zu begeben, der drei Meter weiter vorne steht.

Der Mann im grauen Anzug fordert mich auf, zu einem älteren Mann in Jeansjacke zu gehen, der etwa zwei Meter neben ihm steht und drei Meter neben dem Mann mit der abgetragenen Lederjacke. Dieser Mann streicht mich auf einer Anwesenheitsliste durch und reicht mir eine Wegbeschreibung. Ich unterschreibe eine Erklärung, dass ich keinerlei Informationen über den Austragungsort preisgebe. Das abgeschiedene Kongresshotel, in dem das Treffen stattfindet, ist aber irgendwie auch keine weitere Erwähnung wert.

High Heels sind gesund

Im Foyer des Kongresshotels stehen die Besucher - es sollen so um die 130 sein -, herum, essen Gipfeli und helfen sich bei der Bedienung der Kaffeemaschinen. Es sind vor allem Männer zwischen 40 und 60. Um 10 Uhr eröffnet René Kuhn den ersten Antifeministen-Tag. Er erzählt eine Art Weihnachtsgeschichte (überall wurden die Antifeministen bei ihrer Suche nach einem Dach über dem Kopf abgewiesen, bis sie in diesem abgeschiedenen Hotel aufgenommen wurden), sagt etwas zu Demokratie und Meinungsfreiheit und bittet um Spenden für die IGAF.

Entstanden ist die IGAF im vergangenen Sommer, als René Kuhn in die Schlagzeilen kam, weil er als Präsident der SVP Luzern «linke Emanzen» als «zerlumpte Vogelscheuchen» bezeichnete, unter denen er sich in einem «Gruselkabinett» wähne. SVP-Präsident ist er seither nicht mehr, dafür hat er ein Buch geschrieben, indem er die Frauen zu mehr Weiblichkeit auffordert. Zum Beispiel weist er anhand einer italienischen Studie nach, dass das Tragen von High Heels die Beckenmuskulatur stärke und die Lust am Sex erhöhe.

Kein Lack an den Fingernägeln

Ausserdem führt er genauer aus, was man unter einer «zerlumpten Vogelscheuche» beziehungsweise linken Emanze zu verstehen hat: Sie trägt einen Jutesack statt einer Handtasche, sie latscht wie eine Ente durch die Landschaft, statt dass sie stolz die Brüste herausstreckt, sie trägt Männerschuhe oder Birkenstock-Sandalen, sie zieht «farbige Lumpen an, welche meist grün, gelb oder orange sind», und hat eine «voluminöse, ungepflegte Wuschel-Haarpracht auf ihrem Kopf». Ausserdem lackiert sie sich nicht die Fingernägel. So viel zum bisherigen intellektuellen Substrat der IGAF.

Der Saal ist mittelvoll. Ich zähle 12 Frauenköpfe und 75 Männerköpfe, davon 27 Glatzköpfe. Ein Organisator watschelt wie eine Ente durch die Gegend, statt dass er stolz die Brust herausstrecken würde. Es scheint, als seien die ästhetischen Ansprüche der Antifeministen an sich selbst tendenziell niedriger. Einer könnte direkt von einer Baustelle kommen. Ein Mann vor mir trägt einen granitgrauen Anzug mit einer Art Schulterstücken. An der Lehne hängt eine beigefarbene Jacke, die aussieht, als hätte er sie in der vorigen Nacht als Kopfkissen benutzt. Der neben ihm starrt mit offenem Mund nach vorne und wippt unablässig mit dem Stuhl. Der andere schaut traurig aus der Wäsche, seine Jeans sind ausgefranst, ausserdem unternimmt er wenig gegen seine Pickel.

Schuhe bei Dosenbach

Weiter vorne erblicke ich einige Gestalten, welche etwa genau das tragen, was man sich unter «grün-, gelb- und orangefarbenen Lumpen» vorstellen könnte. Ob ihre Frauen linke Emanzen sind? Es ist zumindest nicht mehr ganz auszuschliessen. Allgemein dominieren unüberlegte Frisuren, zu weite Lederjacken oder pastellfarbene Windjacken, und die meisten Schuhe sehen aus, als seien sie aus einer Ausverkaufs-Auslage bei Dosenbach gefischt worden. Die hohen ästethischen Ansprüchen, die Kuhn an die Damen stellt, werden beim Antifeministen-Treffen kaum erfüllt. René Kuhn übrigens trägt einen schwarzen Anzug, ein hellrosa Hemd und eine violette Kravatte. Sie ist etwas kurz gebunden.

Der zweite Vortrag heisst «Gleichstellung ist tot – Richtigstellung tut not». Der Referent trägt ein weisses Leinenhemd und darüber ein schwarzes Sacko. Eine elegante Erscheinung, mit einer etwas gewagten Lesebrille: beige, mit bunten Flecken.

Der Mann, der Trottel

Nach ihm meldet sich nochmals der kleine Mann vom Flughafen und bittet die Besucher, nach dem Treffen mit Autos und nicht mit dem öffentlichen Verkehr heimzufahren, da das auffällig wirken könnte. Verhaltener Applaus im Saal.

Der nächste Referent, im hellblauen Hemd mit glänzendem, grauen Kittel und einer marineblauen Kravatte, regt sich darüber auf, wie der Mann heute in Film und Werbung als Trottel, die Frau aber als selbstbewusste Emanze dargestellt werde.

Georg Orwell und die feministische Gefahr

Nachdem der Präsident der Männerpartei das Parteiprogramm präsentiert hat, gibt es Mittagessen. Sanftes Klimpern und Scheppern, in der Luft hängt der Geruch der Gasrechauds. Es gibt Gnocchi, Reis, Rindsgeschnetzeltes und geschmorte Rübli. Nach einer Stunde füllt sich der Vortragssaal wieder. Man plaudert, der Security-Mann streichelt flüchtig den Kopf eines Mädchens, das vor ihm hin und her tanzt, nimmt dann aber schnell die Hand zurück.

Langsam ist die Luft draussen. Nach dem Essen wird es langfädig. Der Redner spricht über die angebliche feministische Unterwanderung der Gesellschaft, zitiert George Orwell und beschwört die deutschen Zuhörer, dass die Schweiz kein Rechtsstaat sei, wie man immer meine. Der Mann vor mir spielt mit dem iPhone. Ein anderer verlässt den Saal mit Zahnpasta und Zahnbürste. Ich breche auch auf.

Persönliche Schicksale

Viel Neues gab es am ersten Antinfeministen-Treffen nicht zu hören. Die Redner berichteten darüber, dass Gleichstellung nicht Gleichberechtigung sei, dass nicht alle Feministinnen konstruktiv seien und über das Sorgerecht bei der Scheidung. Oft waren aber einfach diffuse Ängste gegenüber Frauen zu spüren.

Wer beim Treffen eine Versammlung von Machos vermutete, welche nach mehr High Heels und Lippenstift schreien, lag falsch. Den Gesprächsfetzen neben den Vorträgen konnte man entnehmen, dass viele der Anwesenden mit persönlicheen Schicksalen zu kämpfen haben. Sie haben Kampfscheidungen hinter sich und dürfen ihre Kinder nicht mehr sehen. Vor allem aber war die Unsicherheit spürbar, welche die Auflösung der traditionellen Geschlechter gerade bei Männern mittleren Alters hervorruft. Der Antifeminismus scheint mehr ein Hilferuf als ein Kampfschrei zu sein.

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