Aktualisiert 21.05.2013 14:21

Wegen GrippeimpfungMehr Junge leiden an Schlafkrankheit

Die Zahl der Jugendlichen, die an der Krankheit Narkolepsie leiden, hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Grund dafür ist die Schweinegrippe-Impfung.

von
Deborah Sutter

Sie schlafen in den unmöglichsten Situationen ein: Mitten im Gespräch, an der Ampel vor dem Fussgängerstreifen oder beim Mittagessen. Narkolepsie heisst die rätselhafte Krankheit, an der in der Schweiz zwischen 1000 und 2000 Menschen leiden. Im Volksmund wird sie als «Schlafkrankheit» bezeichnet. Tatsächlich ist ihr Hauptmerkmal eine lebenslang bestehende Einschlafneigung mit Schlafanfällen in den ungewöhnlichsten Situationen.

In den letzten drei Jahren hat die Zahl der Jugendlichen, die an Narkolepsie erkrankt sind, sprunghaft zugenommen: Seit 2009 hat sich etwa die Anzahl in Schweden und Finnland verzehnfacht. «Diese Zunahme, die ich auch in der Schweiz beobachte, hängt möglicherweise mit der H1N1-Impfung zusammen», sagt Johannes Mathis, Leiter des Schlaf-Wach-Zentrums am Berner Inselspital. Der Impfstoff gegen die Schweinegrippe habe unter anderem Material von Streptokokken enthalten, um die Reaktion des Immunsystems zu verstärken. «Bei manchen Menschen, im Speziellen bei Jugendlichen, war diese Stimulation möglicherweise zu stark. In der Pubertät ist das Immunsystem sowieso schon aktiviert, so dass bei entsprechender Veranlagung eine Narkolepsie ausgelöst werden kann.» Die Impfung als Mitursache wurde aber nicht in allen Ländern beobachtet – «das unterscheidet sich wahrscheinlich wegen der unterschiedlichen Genetik von Nord- und Südländern.»

Beim Bundesamt für Gesundheit BAG will man keinen Zusammenhang zwischen Narkolepsie und H1N1-Impfung sehen. Die Datenlage sei zwar zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Empfehlungen für die Schweiz begrenzt gewesen: «Sie wurde aber als ausreichend aussagekräftig erachtet, um auf ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis schliessen zu können», sagt Mona Neidhart, BAG-Sprecherin.

Schlafkrankheit

Im Extremfall schlafen Patienten vor dem Fussgängerstreifen ein

In der Schweiz sind mindestens 5 Patienten bekannt, bei denen die Grippe-Impfung Auslöser der Krankheit war. Zwei davon werden von Mathis persönlich betreut – eine Frau und ein Mann im Alter von 22 Jahren. «Gerade für diese jungen Leute ist die Krankheit eine grosse Belastung: Sie können sich ohne Medikamente kaum wachhalten, stehen aber eigentlich voll im Berufsleben», sagt Mathis. Könnten die Patienten alle zwei Stunden für ein kurzes Schläfchen verschwinden, gäbe es keine Probleme. «Doch in unserer schnelllebigen Zeit ist das kaum möglich.» Seine Patienten schlafen etwa während Gesprächen mit anderen ein, beim Auto- oder Velofahren, im Extremfall sogar an der Ampel vor dem Fussgängerstreifen. Diese extreme Schläfrigkeit sei sehr unangenehm oder sogar gefährlich. Deshalb versucht man sie medikamentös zu behandeln. Zudem können Betroffene paradoxerweise in der Nacht nicht schlafen: «Schlafen sie am Tag alle zwei Stunden ein, erwachen sie in der Nacht alle zwei Stunden für eine halbe Stunde. Das ist enorm belastend», so Mathis.

Das Gefühl, jemand stehe neben dem Bett

Dem Gehirn von Narkolepsie-Patienten fehlen diejenigen Zellen, die den Botenstoff Hypokretin herstellen – wodurch es einem Menschen nicht mehr möglich ist, sich über längere Zeit wachzuhalten. Es gibt neben der «brutalen Schläfrigkeit» aber noch weitere Symptome, die mit der Krankheit einhergehen. «Zu erwähnen ist etwa die Kataplexie, eine akuter Schwächeanfall, der durch Emotionen ausgelöst wird», so Mathis. Wenn Patienten etwa Schadenfreude oder Ärger empfinden, oder in lustigen Situationen könne es sein, dass ihr Kiefer nach unten fällt, der Kopf nach vorne knickt oder sogar die Knie nachgeben. Weitere Symptome sind die Schlaflähmung, wenn man sich beim Einschlafen oder Aufwachen nicht bewegen kann, sowie die so genannte hypnagoge Halluzination. «Dabei haben Patienten etwa das Gefühl, dass neben ihrem Bett jemand steht und sie beobachtet, was grosse Angst auslösen kann.»

Der Unterschied zwischen bleierner Frühjahrsmüdigkeit und Narkolepsie ist übrigens einfach auszumachen: «Verschwindet die störende Müdigkeit auch nach ausreichend Schlaf – also acht Stunden – nicht, sollte man das beim Hausarzt abklären lassen.»

www.narcolepsy.ch

Das deutsche Newsportal «Focusonline» berichtet über das Phänomen Narkolepsie:

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