Aktualisiert 27.01.2011 10:45

Trauriger RekordMehr Kinds-Misshandlungen gemeldet

348 Fälle von Kindsmisshandlungen hat das Kinderspital Zürich 2010 gezählt - so viele wie noch nie. Der Leiter der Kinderschutzgruppe bewertet diese Tatsache aber als positiv.

Seit 1969 zählt das Kinderspital Zürich (Kispi) gemeldete und bestätigte Fälle von Kindsmisshandlungen. Für das Jahr 2010 musste es einen traurigen Rekord verkünden: Die Gesamtzahl von 487 Fällen von Kindsmisshandlung beziehungsweise Verdacht darauf lag im letzten Jahr um 16 Prozent höher als jene von 2009, wie die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Kinderspitals Zürich am Donnerstag mitteilte. Sicher als Misshandlung erkannt wurden 348 gemeldete Fälle - eine Zunahme um 24 Prozent.

Der Leiter der Kinderschutzgruppe, Ulrich Lips, stuft allerdings die steigende Zahl der registrierten Fälle als «eigentlich positiv» ein. International werde nicht angenommen, dass die tatsächliche Zahl der Misshandlungsfälle zunehme, sagte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Parallel zur Anzahl gemeldeter Fälle nehme die Dunkelziffer ab.

Die Öffentlichkeit sei sensibilisierter für das Thema. es werde mehr hingeschaut, hingehört - und bei Anzeichen von Misshandlung auch etwas unternommen. Dies belegt auch die steigende Nachfrage bei der Beratungsstelle. Sie berät auch Fach- und Bezugspersonen - etwa Grosseltern, Nachbarn, Lehrkräfte - die nicht weiter wissen.

Die Zahl solcher «indirekt betreuten» Fälle nahm bereits 2009 um 45 Prozent zu. Nun stieg sie 2010 nochmals um 28 Prozent auf 242 Fälle an, wie es in der Mitteilung heisst.

Viele Risiko-Fälle

Am grössten war der Anstieg in Bezug auf sexuell ausgebeutete Mädchen. Waren der Kinderschutzgruppe 2009 57 Fälle bekannt geworden, so stieg diese Zahl im Berichtsjahr auf 87 an - eine Zunahme um 52 Prozent. Minderjährige machten 33 Prozent der Täter aus (2009: 35 Prozent).

Von 24 auf 45 stark zugenommen haben auch die Risiko-Fälle, also jene Familien, wo eine Kindsmisshandlung in naher Zukunft absehbar ist. So ist laut Lips in manchen Familien die Lebenssituation derart angespannt, dass ein ständig schreiendes Baby die Nerven der Eltern vollends zum Reissen bringt und sie die Kontrolle verlieren.

Die Statistik der Kinderschutzgruppe zeigt, dass es in jedem dritten Fall um sexuelle Ausbeutung geht (33 Prozent). Annähernd den gleich grossen Anteil nehmen mit 30 Prozent körperliche Misshandlungen ein. 17 Prozent machen psychische Misshandlungen aus, 10 Prozent sind als Vernachlässigung eingestuft. Bei 9,5 Prozent wurde ein Risiko erkannt.

Schwierige Diagnose: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Die Erkrankung eines Elternteils mit dem so genannten Münchhausen- Stellvertreter-Syndrom macht in der Statistik nur 0,5 Prozent aus. Die Betroffenen - meist Mütter - fügen ihren Kindern heimlich Schaden zu, um sie dann fürsorglich und aufopfernd zu umsorgen und so Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen.

Lips vermutet, dass es tatsächlich mehr Fälle gibt. Die erst 1971 erstmals beschriebene psychische Erkrankung sei schwer zu diagnostizieren und «wahnsisnnig schwer» nachzuweisen. Sobald eine Mutter merke, dass ein Arzt ihr «auf die Schliche kommt», wechsle sie zu einem anderen.

In schweren Fällen bleibe nur, das Kind aus der Familie zu nehmen. Viele Vormundschaften getrauten sich aber nicht, einen so «happigen» Eingriff anzuordnen, sagte Lips.

Leitfaden für Ärzte

Um Prävention und Früherfassung von Kindsmisshandlungen zu fördern, hat Ulrich Lips nun einen Leitfaden für Ärzte zusammengestellt. Er zeigt, wie ein Arzt oder eine Ärztin bei einem Verdacht am besten vorgehen soll. Verteilt wird der von der Stiftung Kinderschutz herausgegebene Leitfaden laut Mitteilung in der ersten Hälfte 2011. (sda)

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