Deutschland: Mehr Nazi-Abgeordnete als gedacht

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DeutschlandMehr Nazi-Abgeordnete als gedacht

Eine Überprüfung von 333 Abgeordneten des hessischen Landtags der Jahre 1946 bis 1987 ergab, dass es viel mehr Politiker mit NS-Vergangenheit gab, als angenommen.

Im Hessischen Landtag sassen zwischen 1946 und 1987 25 mal mehr Abgeordnete mit Nazi-Hintergrund, als bisher angenommen.

Im Hessischen Landtag sassen zwischen 1946 und 1987 25 mal mehr Abgeordnete mit Nazi-Hintergrund, als bisher angenommen.

Im hessischen Landtag waren in der Vergangenheit mehr Abgeordnete ehemalige Mitglieder der Nazi-Partei NSDAP als bislang bekannt war. Von 333 überprüften Abgeordneten zwischen 1946 und 1987 seien mindestens 75 Mitglieder gewesen, sagte der Historiker Hans-Peter Klausch am Mittwoch in Wiesbaden bei der Vorstellung einer Studie, die die Linke in Auftrag gegeben hatte. Bislang seien nur drei Abgeordnete in den offiziellen Handbüchern des Landtags als NSDAP-Mitglieder ausgewiesen worden.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Hermann Schaus, nannte die Ergebnisse «brisant und schockierend.» Er forderte eine Aufarbeitung. Die anderen Fraktionen müssten sich mit dieser Vergangenheit ehrlich auseinandersetzen. Die Geschichte des hessischen Landtags müsse «in wesentlichen Dingen neu geschrieben werden».

Ehemalige Nazis in allen Fraktionen

Der Studie zufolge gab es ehemalige Nazis in allen Fraktionen. Bei den Grünen fand Klausch nach eigenen Angaben in Reinhard Brückner, der 1982 in den Landtag einzog, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied. Besonders hoch sei der Anteil in der FDP gewesen. Von 59 überprüften liberalen Landtagsabgeordneten habe er in 23 Fällen eine frühere NSDAP-Mitgliedschaft festgestellt, sagte Klausch.

In der SPD-Fraktion machte der Historiker unter 140 überprüften Landtagsabgeordneten 15 ehemalige NSDAP-Mitglieder aus. Darunter seien auch die früheren hessischen Finanzminister Rudi Arndt und Wilhelm Conrad. In der CDU-Fraktion ermittelte der Historiker 22 frühere NSDAP-Mitglieder bei 97 überprüften Abgeordneten. Darunter sei auch Vater des früheren Ministerpräsidenten Roland Koch, Justizminister Karl-Heinz Koch, gewesen.

Zwischen Mitläufern und Altnazis unterscheiden

Insgesamt könne die Zahl auch höher liegen, da die NSDAP-Mitgliederkartei nur zu 80 Prozent erhalten sei, sagte Klausch. Er mahnte zugleich, zwischen indoktrinierten Jugendlichen, Mitläufern und Opportunisten einerseits und schwer belasteten Altnazis andererseits zu unterscheiden. Überprüft habe er nur die Abgeordneten, die vom Alter her überhaupt für eine Mitgliedschaft infrage kamen. Deren bibliografischen Daten habe er dann anhand von Unterlagen aus dem Berliner Document Center geprüft, in dem die Amerikaner personenbezogene NS-Akten zusammengetragen hätten.

Die Linksfraktion habe die Studie anlässlich der Ergebnisse der Aufarbeitung der «braunen Vergangenheit» des Auswärtigen Amtes in Auftrag gegeben, sagte Schaus. Es sei ihnen unwahrscheinlich erschienen, dass es in Hessen nur drei Abgeordnete mit NS-Vergangenheit gegeben haben sollte.

(dapd)

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