Integrative Schule: Mehr Sonderschüler – Bauern sollen aushelfen
Aktualisiert

Integrative SchuleMehr Sonderschüler – Bauern sollen aushelfen

Im Kanton Bern hat sich die Zahl der auffälligen Schüler verdoppelt. Die einen wollen mehr Fachleute, andere fordern, die Diagnosen anzupassen.

von
P. Michel
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In den Kantonen Zürich und Bern hat sich die Zahl der Schüler, die auf heilpädagogische Unterstützung angewiesen sind, seit 2009 beinahe verdoppelt.

In den Kantonen Zürich und Bern hat sich die Zahl der Schüler, die auf heilpädagogische Unterstützung angewiesen sind, seit 2009 beinahe verdoppelt.

Keystone/Monika Flueckiger
Das führt dazu, dass zu wenig heilpädagogische Lehrkräfte vorhanden sind. Im Kanton Bern wollen nun Lokalpolitiker diesen Umstand mit einer Motion beheben: Der Mangel soll durch «pädagogisch geeignete Fachleute aus lebenspraktischen Bereichen wie dem Töpfern, Schreinern oder der Landwirtschaft» gemildert werden.

Das führt dazu, dass zu wenig heilpädagogische Lehrkräfte vorhanden sind. Im Kanton Bern wollen nun Lokalpolitiker diesen Umstand mit einer Motion beheben: Der Mangel soll durch «pädagogisch geeignete Fachleute aus lebenspraktischen Bereichen wie dem Töpfern, Schreinern oder der Landwirtschaft» gemildert werden.

Keystone/Monika Flueckiger
Für Beatrice Kronenberg vom Schweizer Zentrum für Heil- und Sozialpädagogik ist der Mangel an Heilpädagogen nur ein Symptom für ein grösseres Problem. «Es werden heute zu viele Kinder als verhaltensauffällig klassifiziert, dort muss angesetzt werden.» Heute seien Lehrer und Eltern viel stärker sensibilisiert auf Abweichungen: «Was früher als aufgeweckt oder zappelig durchging, gilt heute schnell einmal als auffällig.»

Für Beatrice Kronenberg vom Schweizer Zentrum für Heil- und Sozialpädagogik ist der Mangel an Heilpädagogen nur ein Symptom für ein grösseres Problem. «Es werden heute zu viele Kinder als verhaltensauffällig klassifiziert, dort muss angesetzt werden.» Heute seien Lehrer und Eltern viel stärker sensibilisiert auf Abweichungen: «Was früher als aufgeweckt oder zappelig durchging, gilt heute schnell einmal als auffällig.»

zVg

Seit 2009 müssen die Berner Lehrer verhaltensauffällige und lernschwache Schüler in die Regelklassen integrieren. Im selben Zeitraum stieg die Anzahl der Fälle von 1533 auf 2475. Dieses Problem zeichnet sich nicht nur im Kanton Bern ab, auch der Kanton Zürich, der auf die integrative Schule setzt, stellt auf Anfrage eine Verdopplung fest: Erhielten 2010 noch 1086 Schüler im integrierten Unterricht eine Sonderschulung, waren es 2014 bereits 2267. Diese Entwicklung führt dazu, dass die Heilpädagogen, auf welche die Klassenlehrer zur Förderung dieser Schüler zurückgreifen können, Mangelware sind. Laut Bernard Gertsch, Präsident des Schulleiterverbands, handelt es sich um ein schweizweites Phänomen, «das sich noch zuspitzen wird».

Im Kanton Bern fordern nun Lokalpolitiker mit einer Motion, den Mangel an Heilpädagogen durch «pädagogisch geeignete Fachleute aus lebenspraktischen Bereichen wie dem Töpfern, Schreinern oder der Landwirtschaft» zu mildern. Diese Idee stösst bei den heilpädagogischen Ausbildungsstätten auf Kritik. «Dem Mangel an Heilpädagogen kann nicht entgegengewirkt werden, indem unqualifizierte Personen heilpädagogische Aufgaben übernehmen», sagte Michael Eckhart, Leiter des Instituts für Heilpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Bern zur «Berner Zeitung».

«Was früher als aufgeweckt durchging, ist heute auffällig»

Für Beatrice Kronenberg vom Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik ist der Mangel an Heilpädagogen nur ein Symptom für ein grösseres Problem: «Es werden heute zu viele Kinder als ‹verhaltensauffällig› klassifiziert, dort muss angesetzt werden.» Heute seien Lehrpersonen und Eltern viel stärker sensibilisiert auf Abweichungen. «Was früher als aufgeweckt oder zappelig durchging, gilt heute schnell einmal als auffällig», sagt Kronenberg. Sie rät: «Statt Fachleute aus lebenspraktischen Bereichen zu beschäftigen, braucht es Fachpersonen aus Schulsozialarbeit und Sozialpädagogik, die gewohnt sind, mit Konflikten umzugehen.»

Laut Bernard Gertsch vom Schweizer Schulleiterverband ist der Anstieg auch auf die Überforderung vieler Schüler zurückzuführen. «Die Ansprüche an die Kinder in Zeiten der Digitalisierung steigen stetig, da scheint es nicht verwunderlich, dass immer mehr Schüler mit den Anforderungen nicht mehr klarkommen und Hilfe benötigen.»

«Viele Lehrer sind verzweifelt»

Für den Jugendpsychologen Allan Guggenbühl liegt das Problem in der «sehr ambitiösen Idee, alle Schüler im Klassenverband integrieren zu wollen»: «Viele Lehrer sind verzweifelt und wissen nicht, wie sie schwierige Schüler in die Klasse integrieren und gleichzeitig einen qualitativ hochstehenden Unterricht für alle garantieren können.» Das führe dazu, dass die Lehrer in der Hoffnung auf Unterstützung mehr Schüler als nötig als auffällig einstuften, damit sie ein Budget für einen Heilpädagogen beantragen könnten. Doch einfach noch mehr dieser Fachpersonen anzustellen, ist für Guggenbühl keine Lösung.

Vielmehr müsse sich die Schule von der Vorstellung, dass jeder Schüler integriert werden könne, verabschieden. «Es wird immer Schüler geben, die nicht integrierbar sind und eine Spezialbehandlung brauchen», sagt Guggenbühl. Oft seien diese Schüler in der integrativen Schule unglücklich und überfordert: «Sie sitzen nur noch rum und stören den Unterricht massiv, weil sie merken, dass sie es auch mit der grössten Hilfe von Heilpädagogen nicht schaffen werden, sich in die Klasse zu integrieren.» Für diese Schüler brauche es ein «Sondersetting» in einer Spezialklasse, wo Fachleute mit genügend Zeit darauf hinarbeiten könnten, dass diese Schüler den Anschluss zur Gesellschaft zumindest nicht ganz verlören, sagt Guggenbühl.

Schulleiter fordern mehr Mittel

Bernard Gertsch verteidigt die integrative Schule: «Als Gesellschaft müssen wir anstreben, dass es keine Separation von normalen und sogenannten auffälligen oder lernschwachen Schülern gibt.» Deshalb sieht er die Lösung weiterhin in mehr Mitteln für die Lehrerunterstützung. «Viele Fälle sind heute derart komplex, dass sie nur noch mit externen Fachpersonen gelöst werden können.»

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