Wegen Corona: Mehr ungewollte Schwangerschaften bei Zürcher Prostituierten
Publiziert

Wegen CoronaMehr ungewollte Schwangerschaften bei Zürcher Prostituierten

Noch nie war die Zahl der Geschlechtskrankheiten bei Prostituierten derart hoch, auch ungewollte Schwangerschaften nehmen merklich zu: Weil ihre Dienstleistungen derzeit verboten sind, geniessen Prostituierte im Kanton Zürich kaum Schutz.

von
Nicolas Brütsch
1 / 5
Prostituierte bieten derzeit vermehrt ungeschützten Sex an. Dies, weil sie dringend auf Geld angewiesen sind.

Prostituierte bieten derzeit vermehrt ungeschützten Sex an. Dies, weil sie dringend auf Geld angewiesen sind.

Tamedia/Nicola Pitaro
Tests haben ergeben, dass sich deshalb aktuell überdurchschnittlich viele Prostituierte mit Geschlechtskrankheiten anstecken.

Tests haben ergeben, dass sich deshalb aktuell überdurchschnittlich viele Prostituierte mit Geschlechtskrankheiten anstecken.

Tamedia/Nicola Pitaro
Beatrice Bänninger, Leiterin der Beratungsstelle für Sexarbeitende «Isla Victoria», zeigt sich alarmiert. Prostitution zu verbieten, sei keine Lösung.

Beatrice Bänninger, Leiterin der Beratungsstelle für Sexarbeitende «Isla Victoria», zeigt sich alarmiert. Prostitution zu verbieten, sei keine Lösung.

Darum gehts

  • Prostitution ist aufgrund der Corona-Pandemie im Kanton Zürich derzeit verboten.

  • Trotzdem schaffen viele Sexarbeiterinnen illegal weiter an. Sie geniessen deshalb aktuell kaum Schutz.

  • Laut der Beratungsstelle für Sexarbeitende «Isla Victoria» wird deshalb vermehrt ungeschützter Sex angeboten, ungewollte Schwangerschaften nehmen zu.

  • Noch nie war die Zahl der Geschlechtskrankheiten bei Prostituierten derart hoch, heisst es bei der Beratungsstelle.

  • Auch Milieu-Anwalt Valentin Landmann äussert sich kritisch: Prostitution zu verbieten, sei das falsche Mittel.

Obwohl der Bund Sexarbeit trotz Shutdown erlaubt, schiebt die Zürcher Kantonsregierung den Prostituierten den Riegel vor: Mindestens bis Ende März bleiben sexuelle Dienstleistungen verboten. Die Realität sehe aber anders aus: Viele Frauen arbeiten trotzdem weiter. «Oft haben sie gar keine andere Wahl, um über die Runden zu kommen», sagt Beatrice Bänninger, Leiterin der Beratungsstelle für Sexarbeitende «Isla Victoria».

Das führt teils zu prekären Situationen. Denn Freier, die trotz Verbot zu einer Prostituierten gehen, wüssten um deren Notlage – und würden Dinge einfordern, die normalerweise nicht möglich seien. «Ungeschützter Sex wird in diesen Zeiten vermehrt angeboten», sagt Bänninger.

Noch nie so viele Geschlechtskrankheiten

Sexuell übertragbare Krankheiten seien deshalb bei Prostituierten im Kanton Zürich mehr denn je verbreitet. Bei der Beratungsstelle «Isla Victoria» können sich Sexarbeitende medizinisch untersuchen lassen. Normalerweise liege die Quote der positiven Fälle bei rund 20 Prozent. «Bei den letzten Tests Anfang Februar waren es 57 Prozent. So hoch war die Zahl noch gar nie», sagt Bänninger. «Auch ungewollte Schwangerschaften werden durch den ungeschützten Sex immer häufiger. Das ist ein grosses Problem derzeit», so Bänninger.

Sexarbeiterinnen geraten unter Druck

Auch für Milieu-Anwalt Valentin Landmann ist die aktuelle Situation ein Desaster: Der Schutz seitens der Behörden falle für die Sexarbeiterinnen wegen dem Verbot komplett weg. «Die Situation ist Jenseits von Gut und Böse», so der Zürcher Kantonsrat. Wer in die Illegalität müsse, komme sehr schnell unter Druck. Genau das passiere jetzt bei den Prostituierten: «Geraten die Frauen finanziell in Bedrängnis, dann ist der Freier am längeren Hebel. Sex ohne Gummi war vor dem Lockdown noch eine Seltenheit».

Valentin Landmann fordert deshalb, das Prostitutions-Verbot spätestens Ende März wieder aufzuheben. Auch für Beatrice Bänninger von «Isla Victoria» führt daran kein Weg vorbei. Sexarbeit lasse sich nicht verbieten, sie finde dann einfach im Verborgenen statt. «Um das zu erkennen, braucht man nur mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen».

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Zwangsprostitution und/oder Menschenhandel betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung