Aktualisiert 05.06.2014 18:10

Eine Woche vor Anpfiff

Mehrheit der Brasilianer ist gegen die WM

Eine Woche vor Anpfiff der Fussball-WM geben 61 Prozent der Brasilianer an, gegen das Mega-Ereignis zu sein. Die Präsidentin ist sauer auf die Fifa.

von
K. Leuthold, Buenos Aires

Am kommenden Donnerstag beginnt die Fussball-WM in Brasilien, doch von Jubelstimmung im Gastgeberland kann nicht die Rede sein. Laut der jüngsten Umfrage des Pew Research Centers finden 61 Prozent der befragten Brasilianer, dass das Austragen der Fussballmeisterschaft in ihrem Land «eine schlechte Idee» ist. 72 Prozent der Bevölkerung ist mit «der Art und Weise, wie die Dinge laufen», unzufrieden.

Im November 2008 – ein Jahr nach dem WM-Zuschlag – hatten noch 79 Prozent der Bevölkerung der WM zugestimmt.

Zahlen beweisen das Gegenteil

Die Argumente der Brasilianer sind seit Beginn der WM-Proteste vom Juni vergangenen Jahres dieselben geblieben: Das Geld hätten sie lieber in Bildung und Gesundheit investiert. Ausserdem habe das Volk von den monströsen Ausgaben in die Infrastruktur nichts.

Pokal übergeben - WM-Kritik hält an

«Dem ist nicht so», widersprach Präsidentin Dilma Rousseff nun. Der grösste Teil der WM-Ausgaben sei «für Brasilien» getätigt worden, so Rousseff. Viele Städte hätten die Chance genutzt und dringend benötigte Verbesserungen in Angriff genommen.

In Zahlen: Von den 6,5 Milliarden Dollar, die in Bauarbeiten investiert wurden, seien lediglich 2 Milliarden für Stadienbauten verwendet worden. Der Rest – 4,5 Milliarden Dollar – käme Brasilien langfristig zugute.

Rousseffs Reaktion auf den Protesten

Ausserdem seien bis anhin 6,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Bildung ausgegeben worden. Nach den Massenprotesten habe sie jedoch ein Gesetz ans Parlament geschickt, damit in den nächsten 15 Jahren rund 10 Prozent des BIP dem Bildungssystem zugute käme.

Und vergangenen September habe der brasilianische Kongress ein Gesetz gebilligt, wonach 75 Prozent der Gewinne aus dem Verkauf der Lizenzen zur Ölförderung in Bildung investiert werden. Die anderen 25 Prozent will die Regierung Brasiliens in das Gesundheitssystem des Landes stecken.

Rousseff ist wütend auf die Fifa

Während des Treffens schob Rousseff zudem ihren Ärger über die horrenden Kosten der WM auf den Fussballverband Fifa. Die Organisation habe versichert, dass der Bau der Stadien durch private Investoren finanziert würde. Dies habe jedoch «nicht mal für ein halbes Stadion» gereicht, sagte Rousseff. So habe die Regierung den grössten Teil der Summe selbst übernehmen müssen. Zudem habe die Fifa Forderungen gestellt, die vielen Menschen absurd vorkämen.

Eines hat die Präsidentin allerdings zu erwähnen vergessen: Die Regierung ihres Vorgängers Luiz Inácio Lula da Silva und das Parlament haben die Fifa-Konditionen abgesegnet. Dazu liess das Land zwölf Stadien errichten – vier mehr als von der Fifa verlangt.

Demo vor Eröffnungsstadion

Rund 4000 Demonstranten haben am Mittwochabend vor dem Stadion in São Paulo für bezahlbaren Wohnungen demonstriert, in dem in einer Woche das Eröffnungsspiel der Fussballweltmeisterschaft stattfindet.

Der Protestzug verlief friedlich. Die Bewegung Obdachloser Arbeiter hatte den Marsch organisiert. Schon zuvor hatte die Organisation friedliche Demonstrationen veranstaltet, um von der Regierung den Bau von mehr Sozialwohnungen zu fordern.

Im vergangenen Jahr hatte es bei der Generalprobe für die WM, dem Conferations Cup, zum Teil gewaltsame Proteste Hunderttausender von Brasilianern gegeben. In Massendemonstrationen in vielen WM-Städten machten sie ihrem Unmut über einen miserablen Zustand öffentlicher Einrichtungen bei gleichzeitigen Milliardenausgaben für Fussballstadien Luft.

(sda)

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