Tamedia-Umfrage: Mehrheit ist jetzt gegen die Fair-Food-Initiative
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Tamedia-UmfrageMehrheit ist jetzt gegen die Fair-Food-Initiative

Die Zustimmung zu den Agrarinitiativen ist deutlich eingebrochen. Ein Argument überzeugt: Dass die Preise steigen würden.

von
P. Michel
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Zur «Fair-Food-Initiative» sagen derzeit noch 43 Prozent Ja, bei der Initiative «Für Ernährungssouveränität» sind es gar 39 Prozent, wie die neue Tamedia-Umfrage zeigt.

Zur «Fair-Food-Initiative» sagen derzeit noch 43 Prozent Ja, bei der Initiative «Für Ernährungssouveränität» sind es gar 39 Prozent, wie die neue Tamedia-Umfrage zeigt.

Keystone/Martial Trezzini
In der letzten Befragung Ende August kam «Fair Food» noch auf Zustimmungswerte von 55 Prozent, die «Ernährungssouveränität» auf 53 Prozent. Klare Mehrheiten finden die beiden Vorlagen nun nur noch bei SP und Grünen.

In der letzten Befragung Ende August kam «Fair Food» noch auf Zustimmungswerte von 55 Prozent, die «Ernährungssouveränität» auf 53 Prozent. Klare Mehrheiten finden die beiden Vorlagen nun nur noch bei SP und Grünen.

Stefan Bohrer
«Der massive Einbruch zeigt, dass wir mit unserer Aufklärungsarbeit über die Folgen der Initiativen, die zwar gut klingen, aber Schaden anrichten, auf dem richtigen Weg sind», sagt SVP-Nationalrat Marcel Dettling vom Nein-Komitee.

«Der massive Einbruch zeigt, dass wir mit unserer Aufklärungsarbeit über die Folgen der Initiativen, die zwar gut klingen, aber Schaden anrichten, auf dem richtigen Weg sind», sagt SVP-Nationalrat Marcel Dettling vom Nein-Komitee.

Keystone/Peter Klaunzer

Der Rückhalt der beiden Agrarinitiativen bei den Stimmberechtigten bröckelt: Zur Fair-Food-Initiative sagen derzeit noch 43 Prozent Ja, bei der Initiative «Für Ernährungssouveränität» sind es gar 39 Prozent, wie die neue Tamedia-Umfrage zeigt. Fair Food verliert damit im Vergleich zur letzten Befragung Ende August 12 Prozentpunkte, bei der Initiative «Für Ernährungssouveränität» sind es 14 Prozentpunkte. Noch deutlicher zeigt der Einbruch ein Vergleich mit der ersten Umfragewelle (siehe Grafiken).

Zum Umschwung bei der Fair-Food-Initiative haben unter anderem die CVP-Wähler beigetragen. Die Initiative verlangt, dass der Bund das Angebot an naturnahen, tierfreundlichen und fair produzierten Lebensmitteln fördert. Wollten bei der zweiten Welle der Befragung noch 53 Prozent der CVP-Wähler die Vorlage annehmen, waren es nun noch 36 Prozent. Mehrheitlich für Fair Food wollen SP- sowie Grünen-Sympathisanten stimmen.

Die Initiative «Für Ernährungssouveränität» hat besonders bei SVP-Wählern an Zuspruch eingebüsst. Die Zustimmung schmolz von 53 Prozent auf 33 Prozent. Am meisten Unterstützung für die Initiative, die unter anderem für «gerechte» Löhne für die Bauern sorgen und die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft erhöhen will, gibt es bei Wählern der SP und der Grünen.

Gegner sehen sich auf dem richtigen Weg

SVP-Nationalrat Marcel Dettling vom Komitee gegen die beiden Agrarinitiativen zeigt sich erfreut: «Der massive Einbruch zeigt, dass wir mit unserer Aufklärungsarbeit über die Folgen der Initiativen, die zwar gut klingen, aber Schaden anrichten, auf dem richtigen Weg sind.»

Die Bürger würden erkennen, dass sowohl Fair Food als auch Ernährungssouveränität einschneidende Folgen hätten, die unmittelbar am Preis spürbar wären, sagt Dettling: bei Fair Food durch Kontrollen im Ausland sowie höhere Vorgaben an die Bauern im Inland. Auch die sinkende Zustimmung zur Initiative «Für Ernährungssouveränität» zeige, dass eine reine Planwirtschaft nicht gewünscht sei. Laut Tamedia-Umfrage überzeugt die Gegner der Fair-Food-Initiative besonders das Argument der steigenden Preise, während es bei der Ernährungssouveränität zusätzlich noch die Marktabschottung ist.

Argument der steigenden Preise sei unseriös

Nationalrätin Adèle Thorens (Grüne) begründet die schwindende Zustimmung für die Fair-Food-Initiative mit der aggressiven Gegenkampagne. Das Problem sei, dass der Inhalt ihrer Initiative von den Gegnern verzerrt werde: «Es geht nicht darum, dass es nur noch bio geben soll. Diese Produkte sollen nur gefördert werden.» Und da auch Massnahmen gegen Food-Waste vorgesehen seien, der pro Jahr und Haushalt 2000 Franken koste, sei das Argument der steigenden Preise unseriös.

Für Mathias Stalder von Uniterre ist der deutliche Einbruch bei der Ernährungssouveränitäts-Initiative auf die «Angst-Kampagne» der Gegner zurückzuführen. «Politik funktioniert übers Portemonnaie – und wenn von völlig übertriebenen Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent gewarnt wird, verfängt das leider bei vielen.» Als kleine Bäuerinnen- und Bauerngewerkschaft habe man mit einem Budget von 50'000 Franken wenig Möglichkeiten, der übermächtigen Millionenkampagne etwas entgegenzusetzen. Ein weiterer Grund für den Absturz sei, dass sich die Detailhändler, die eine hohe Glaubwürdigkeit hätten, in den Abstimmungskampf eingemischt hätten, um ihre «Margen zu sichern».

«Geben fürs Essen schon heute nur 6,4 Prozent des Einkommens aus»

Stalder hält die Befürchtung der Abschottung und der steigenden Preise nicht für gerechtfertigt: «Wir wollen nicht die Grenzen dichtmachen, sondern einen fairen Handel und soziale und ökologische Kriterien aufgreifen.» Bei den Warnungen vor höheren Preisen werde übertrieben. «Möglich, das Essen etwas mehr kosten wird, aber sicher nicht 50 Prozent mehr. Wir finden: Fairness und Nachhaltigkeit sollten uns das wert sein.» Schon heute werde nur 6,4 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben.

Zur Umfrage

10'230 Personen aus der ganzen Schweiz haben zwischen dem 6. und dem 7. September 2018 online an der zweiten Welle der Tamedia-Abstimmungsumfrage zu den eidgenössischen Vorlagen vom 23. September teilgenommen. Die Befragungen werden in Zusammenarbeit mit der LeeWas GmbH der Politikwissenschaftler Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,6 Prozentpunkten. Weitere Informationen zu den Tamedia-Umfragen gibts hier.

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