Aktualisiert 18.05.2020 06:49

Tamedia-UmfrageMehrheit will Maskenpflicht in Zug, Bus und Tram

Eigenverantwortung statt Vorschriften: Die ÖV-Branche will keine Maskenpflicht. Obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung eine solche befürworten würde.

von
Noah Knüsel, Fee Anabelle Riebeling, Pascal Michel
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68 Prozent der Bevölkerung befürworten laut der 20-Minuten-Umfrage eine Maskenpflicht im ÖV.

68 Prozent der Bevölkerung befürworten laut der 20-Minuten-Umfrage eine Maskenpflicht im ÖV.

KEYSTONE
Die Zustimmung für die Maskenpflicht ist damit im Bereich öffentlicher Verkehr am höchsten.

Die Zustimmung für die Maskenpflicht ist damit im Bereich öffentlicher Verkehr am höchsten.

Keystone
Die Devise des Bundesrats war bisher: Empfehlungen statt Verbote. Dementsprechend setzen auch SBB und Postauto auf Eigenverantwortung.

Die Devise des Bundesrats war bisher: Empfehlungen statt Verbote. Dementsprechend setzen auch SBB und Postauto auf Eigenverantwortung.

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Darum gehts

  • 68 Prozent der Schweizer begrüssen laut Umfrage eine Maskenpflicht im ÖV.
  • Auch eine Ärztin fände dies eine sinnvolle Massnahme.
  • Selbst die SBB sagt, viele Pendler hielten sich nicht an die Empfehlungen.
  • Ein Obligatorium fasst die SBB aber nicht ins Auge.

Die Schweiz sei kein Land der Verbote und Vorschriften: Mit dieser Losung erklärte Gesundheitsminister Alain Berset in den letzten Wochen jeweils die Coronapolitik des Bundesrats. Dementsprechend setzte auch der öffentliche Verkehr in seinem Schutzkonzept nur auf Empfehlungen: SBB und Postauto raten zu zwei Metern Abstand – erst wenn dieser nicht eingehalten werden kann, sollen Pendler eine Hygienemaske aufsetzen.

Dabei wünschten sich viele Schweizerinnen und Schweizer eine klarere Anweisung: Laut einer repräsentativen Umfrage von 20 Minuten und Tamedia befürwortet eine Mehrheit von 68 Prozent eine Maskenpflicht für den öffentlichen Verkehr. Die Maskenpflicht im Zug oder Tram ist für die Befragten am ehesten denkbar: Sie erreicht die höchsten Zustimmungswerte, danach folgen die Bereiche Coiffeursalons (53 Prozent) sowie Einkaufsläden (44 Prozent). Nur 23 Prozent der Befragten sprechen sich für eine Maskenpflicht im ganzen öffentlichen Raum aus.

Pendler foutieren sich um Masken

Die bisherigen Empfehlung der ÖV-Branche findet offenbar bei den Kunden wenig Gehör. So stellte SBB-Chef Vincent Ducrot am Freitag vor den Bundeshausmedien selbst fest: «Wir merken, dass sich zu Stosszeiten nicht alle an die Regeln halten.» Er hoffe auf eine Verbesserung der Situation. Die SBB setze dazu nun auf Sensibilisierungsmassnahmen. Hier zeigt die Tamedia-Umfrage: 33 Prozent geben an, im ÖV eine Maske zu tragen. 14 Prozent überlegen es sich, künftig eine zu tragen. Und 22 Prozent tragen keine Maske.

«Leider sieht man im öffentlichen Verkehr sehr wenig Maskenträger», stellt auch Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich und Chefärztin der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid und Triemli, fest.

Dabei sei das Tragen von Masken im ÖV ein wertvolles Zeichen der Solidarität – schliesslich schütze man damit andere und auch sich selbst, unabhängig vom Alter. Eine Maskenpflicht könnte laut Bischoff-Ferrari Abhilfe schaffen: «Aktuell schämen sich noch viele Menschen, eine Maske aufzusetzen – weil sie damit aus der Masse herausstechen würden.»

«Es müssen alle mitmachen»

Konkret schütze eine Maske, da Covid-19-Viren über Tröpfchen übertragen würden. «Die Viren können von einem anderen Menschen eingeatmet beziehungsweise direkt über die Schleimhäute aufgenommen werden.» Könne eine Distanz von mindestens zwei Metern nicht eingehalten werden, sei eine Maske eine wichtige Schutzmassnahme, um Viren nicht auf andere zu übertragen und auch selbst nicht einzuatmen.

Auch Andreas Menet, Präsident des Zugpersonalverbandes, forderte in der «NZZ am Sonntag» ein Maskenobligatorium. Einer, der bereits länger auf die Maskenpflicht im ÖV drängt, ist Nationalrat Bastien Girod (Grüne). Die SBB müsse sich fragen, warum so wenige Masken trügen. «Masken verhindern Infektionen nur wirksam, wenn alle mitmachen.» Die Resultate der Tamedia-Umfrage überraschen ihn nicht: «Die Leute wären grossmehrheitlich bereit, eine Maske zu tragen – aber nur, wenn alle mitmachen.»

«Kein Obligatorium geplant»

Als SBB-Chef Vincent Ducrot das Schutzkonzept vorstellte, kam mehrmals die Frage nach der Maskenpflicht auf. «Das wäre ein Unsinn», erklärte er. Er stellte die rhetorische Frage: «Warum sollten Pendler, die zu zehnt mit Abstand im Wagen sitzen, eine Maske tragen?» Man orientiere sich am BAG. Auch eine Pflicht nur für die Stosszeiten lehnt er ab: «Eine Maskenpflicht zu gewissen Zeiten machen wir nicht, weil wir diese Zeiten nicht definieren wollten – denn diese Stosszeiten sind je nach Region auch unterschiedlich.»

Die Umfrage

26'145 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 14. Mai online an der Corona-Umfrage von 20 Minuten und Tamedia teilgenommen. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit LeeWas durchgeführt. LeeWas modelliert die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,4 Prozentpunkten.

Postauto erklärt auf die entsprechende Frage auf ihrer Homepage, dass sich die ÖV-Unternehmen san die Vorgaben des Bundes hielten, der keine generelle Maskentragepflicht für den öffentlichen Raum erlassen habe und dafür auf Abstandsregeln setze. «Der öffentliche Verkehr spielt sich vielerorts im öffentlichen Raum ab. Mit der dringenden Empfehlung, Masken zu tragen, setzt das Schutzkonzept die Subsidiarität Abstand – Masken tragen›  um.» Postauto setze auf die Eigenverantwortung und Solidarität. Dieses Prinzip gelte beispielswiese auch für die Pflicht der ÖV-Nutzenden, ein Ticket zu kaufen, und habe sich in der Schweiz bewährt.

SBB appelliert an Pendler

Ducrot bekräftigte am Freitag: «Es ist nicht geplant, ein Obligatorium zu erlassen.» Es sei wahr, es gebe noch wenig Leute, die Masken tragen würden, wo es nötig sei. «Wir appellieren daran, die Regeln zu befolgen.» Die SBB kündigt an, die Regeln noch stärker zu kommunizieren.

BAG-Empfehlungen

Das BAG empfiehlt gesunden Menschen nicht, in der Öffentlichkeit eine Hygienemaske tragen. Denn diese schütze nicht genug vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Weiterhin seien Abstand- und Hygieneregeln zentral. Laut BAG kann eine Maske nur verhindern, dass eine bereits infizierte Person andere ansteckt. Eine Maskenpflicht sei nicht vorgesehen. Das BAG empfiehlt Masken jedoch für Situationen, in denen der Abstand von zwei Metern nicht eingehalten werden kann – im öffentlichen Verkehr empfiehlt es «dringend», in diesem Fall eine Maske zu tragen.

Knackpunkt in der Diskussion über die Masken ist die Frage, ab wann Corona-Infizierte ansteckend sind. Denn laut einer im Fachjournal «Nature Medicine» publizierten Studie sind Personen schon zwei bis drei Tage infektiös, bevor sie Symptome zeigen. Zudem zeigen einige Erkrankte nie Krankheitssymptome.

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281 Kommentare
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Wolfgang

18.05.2020, 06:59

kommt in die Philippinen, wer ohne maske ist, wird verhaftet ohne diskussion. wir haben 830 tote, bei 102 millionen einwohner. schweiz 1600 gestorben, bei 8 millionen bewohner. spricht klar für die Philippinen! in der schweiz, wird es noch mehr tote geben, bei dem verhalten, kommt die 2. welle, viel spass!

Rolandü65

18.05.2020, 06:59

Die Schlagzeile und die Umfrage zeigt eine Mehrheit zur Maskentragpflicht. Wenn die Mehrheit es befürwortet, warum trägt sie die Masken denn nicht freiwillig. Dann wäre nämlich eine Mehrheit mit Masken unterwegs.

Klugscheisserle

18.05.2020, 06:57

Wenn das soviele wollten würde die Mehrheit auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln Masken tragen. Entweder irrt die Umfrage oder in Basel wurde keiner gefragt. Denn da sehe ich selten wen mit Maske im Tram.