Aktualisiert 18.06.2016 16:22

Nach Magenverkleinerung

«Mein Bauch hing extrem»

Fiona M. (23) wirkt wie eine ganz gewöhnliche Frau. Was viele nicht wissen: Bis sie so sein durfte, musste sie leiden, kämpfen und sich sogar unters Messer legen.

von
Qendresa Llugiqi
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«Mein Gewicht hat mein Glück für ein paar Jahre erdrückt», erzählt Fiona M.* (23). «Es gab keinen einzigen Tag in dieser Zeit, an dem ich echtes Glück verspürte.»

«Mein Gewicht hat mein Glück für ein paar Jahre erdrückt», erzählt Fiona M.* (23). «Es gab keinen einzigen Tag in dieser Zeit, an dem ich echtes Glück verspürte.»

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Damals war sie stark übergewichtig.

Damals war sie stark übergewichtig.

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Nach einer Magenverkleinerung nahm Fiona extrem schnell und viel ab. Fiona: «Mein Körper sah sehr schlimm aus, meine Haut hing an mir herunter, vor allem mein Bauch.» Die überschüssige Haut habe sie mehrmals drehen können.

Nach einer Magenverkleinerung nahm Fiona extrem schnell und viel ab. Fiona: «Mein Körper sah sehr schlimm aus, meine Haut hing an mir herunter, vor allem mein Bauch.» Die überschüssige Haut habe sie mehrmals drehen können.

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Selbstbewusst sitzt sie im Restaurant an einem Tisch und nippt an ihrem Kaffee. Sie spielt mit ihren langen blonden Haaren. Sie wirkt entspannt und glücklich. Doch das sei nicht immer so gewesen: «Mein Gewicht hat mein Glück für ein paar Jahre erdrückt», erzählt Fiona M.* (23). «Es gab keinen einzigen Tag in dieser Zeit, an dem ich echtes Glück verspürte.» Damals war sie stark übergewichtig.

Wie es dazu kam, erklärt sie so: «Ich war immer ein dünnes Kind.» Doch dann sei es zu Schwierigkeiten in der Familie gekommen. Sie und ihre beiden Geschwister seien daraufhin in ein Heim gekommen. «Dort zwang man uns, die Teller leer zu essen», sagt Fiona. «Während dieser Zeit nahm ich extrem zu.» Später hätten die Kinder wieder zu ihrer Mutter zurückkehren dürfen. «Da wir aber nie etwas über gesunde Ernährung gelernt hatten, nahmen wir alle zu», erzählt Fiona weiter. «Ich aber am meisten.» Weil es immer wieder zu Schwierigkeiten gekommen sei, sei sie wieder in ein Heim gezogen.

Essen zum Trost

Zu diesem Zeitpunkt war Fiona 14 Jahre alt. «Es ging mir sehr schlecht», sagt sie. «Ich hatte keine Struktur in meinem Leben.» Um sich zu trösten, habe sie gegessen. Mit ihren jungen Jahren hatte sie bereits rund 20 Kilo Übergewicht.

Statt aber die Notbremse zu ziehen, habe sie immer mehr gegessen. Bis sie mit 18 Jahren rund 88, 5 Kilo bei einer Grösse von 1,52 Metern gewogen habe. «Für einige Menschen scheinen 88,5 Kilo kein Gewicht zu sein, doch für einen kleinen Menschen wie mich ist das extrem», erklärt Fiona. Dabei wird sie rot im Gesicht. Es wirkt so, als schäme sie sich für ihr altes Ich. Leise sagt sie: «Du spürst das Gewicht überall. Du kannst nicht richtig gehen, kaum atmen. Auch hast du Mühe, unter die Leute zu gehen, besonders im Sommer.» Viele Mitmenschen würden eine dicke Person oftmals herabwürdigend anschauen und beleidigen. Fiona: «Sie urteilen, ohne die Person und ihre Geschichte zu kennen.»

Die Magenverkleinerung

Zwar habe sie mehrmals versucht, aus eigener Kraft abzunehmen, doch sie habe es nicht geschafft: «Abnehmen braucht Willen und Struktur, doch beides hatte ich nicht mehr. Essen war bereits zu einer Sucht für mich geworden», sagt sie. Fiona hatte bereits aufgegeben. Sie habe gedacht, sie sei für immer «im Körper eines Monsters» gefangen. Dann habe sie jedoch von Kolleginnen erfahren, dass sich diese einer Magenverkleinerung unterzogen hätten.

Weil Fiona endlich etwas ändern wollte, fragte sie ihren Arzt, ob eine Magenverkleinerung auch für sie in Frage komme: «Da ich schon sehr lange wegen meines Übergewichts in Behandlung war, stimmte er der Operation sofort zu», sagt sie und erzählt immer schneller. Sie scheint ihrer Vergangenheit entkommen zu wollen. Der Arzt musste nur noch abklären, ob sie die Bedingungen erfüllte, so Fiona.

Der Eingriff

Von der ersten Besprechung mit ihrem Hausarzt bis zur Operation habe sie vier Monate Zeit gehabt, über den Eingriff nachzudenken. «Ich machte mir aber keine Sorgen, ich war sogar sehr glücklich», sagt sie. «Das Einzige, woran ich denken konnte, war, dass dieser Schritt mein Leben positiv verändern würde.» Im Januar 2014 war es so weit. Fiona unterzog sich der OP.

«Ich war bereit, jedes Risiko einzugehen, um mein Leben endlich zu ändern», so Fiona. Die OP habe fast fünf Stunden gedauert. «Als ich aufwachte, habe ich eigentlich kaum etwas gespürt, nur in meinem Bauch hatte ich ein Gefühl, das an einen Muskelkater erinnerte.» Das Ekligste sei gewesen, dass sie nicht richtig trinken konnte. Fiona: «Es war so seltsam, mein Magen war sehr schnell voll.» Nicht lange nach der Operation erhielt sie bereits am Abend richtiges Essen. «Es war püriert, und ich hatte sowieso keine Lust auf Essen», sagt sie.

Die Lebensumstellung

In den folgenden Monaten habe sie sehr schnell und sehr viel abgenommen. «Viele denken, dass diese Art des Abnehmens nur für die faulen Leute ist, aber das stimmt nicht, du musst ja deinem Körper helfen, du musst alles umstellen», erklärt Fiona. Wenn es nicht Klick gemacht habe, nehme man eh wieder zu. Fiona: «Bei mir hat es Klick gemacht. Nach der Operation fiel es mir leichter, Struktur in mein Leben zu bringen.» Ihr Leben habe sich um 180 Grad gedreht. Fiona: «Ich ernähre mich seither gesund und gehe ins Fitnessstudio, was ich mich vor der OP nicht getraut habe.» Sogar ihr Arbeitsleben habe sich verbessert, da sie selbstbewusster und auch fitter geworden sei.

Nach der rasanten Abnahme sei sie zufrieden mit ihrem Körper gewesen – allerdings nur, wenn sie angezogen gewesen sei. «Sobald ich mich auszog, packte mich wieder die Traurigkeit», erzählt Fiona. «Mein Körper sah sehr schlimm aus, meine Haut hing an mir herunter, vor allem mein Bauch.» Die überschüssige Haut habe sie mehrmals drehen können. Auch ihre Brüste hätten wie leere Säcke ausgesehen. Auch habe sie sich nicht getraut, sich anderen nackt zu zeigen.

Die Körperstraffung

«Ich hatte das Gefühl, dass ich bereits etwas bewirkt hatte, jedoch noch nicht angekommen bin», so Fiona. Deshalb habe sie sich zu einer Bauch-und Bruststraffung entschieden. «Weil die Krankenkasse nichts zahlen wollte, bin ich nach Prag gegangen», gesteht Fiona. «Für 6500 Euro liess ich meinen Bauch und meine Brust straffen.»

Fiona ist mit dem Resultat mehr als zufrieden: «In den ersten Monaten sah es noch extrem aus, jetzt hat sich aber alles gelegt.» Zwar habe sie noch ihre Schwangerschaftsstreifen und ein bisschen überschüssige Haut an den Armen, diese würden sie jedoch kaum stören. «Ich stehe dazu und schäme mich nicht dafür», erklärt sie. «Ich kann endlich auch äusserlich die Person sein, die ich innerlich bin. Ich empfinde mich nicht mehr als Monster. Ich bin schön.» Als sie das sagt, glänzen ihre Augen. Sie scheint angekommen zu sein.

*Name geändert.

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