Aktualisiert 13.06.2017 11:33

Herzstillstand im Laden«Mein Bekannter hätte gerettet werden können»

Ein Mann hatte in einem Bahnhofsshop einen Herzstillstand. Die Angestellte traute sich nicht, Erste Hilfe zu leisten. Bei Notfällen reagiert jeder Fünfte so.

von
ann
1 / 8
Ein Einsatzfahrzeug in der Wache von Schutz und Rettung Zürich.

Ein Einsatzfahrzeug in der Wache von Schutz und Rettung Zürich.

Keystone/Christian Beutler
In der Schweiz gibt es eine enorme Dichte und ein ausgeklügeltes Rettungssystem.

In der Schweiz gibt es eine enorme Dichte und ein ausgeklügeltes Rettungssystem.

kein Anbieter
Dennoch vergehen im Durchschnitt 10 Minuten, bis die Sanität vor Ort ist.

Dennoch vergehen im Durchschnitt 10 Minuten, bis die Sanität vor Ort ist.

Keystone/Christian Beutler

Es war ein tragischer Fall, der sich vor mehr als zwei Wochen in einem Bahnhofsshop im Grossraum Zürich ereignete. «Ein Bekannter von mir hatte dort einen Herzstillstand, brach zusammen», erzählt die Medizinstudentin Lara*. Die Verkäuferin im Shop soll sich sofort an die Notrufzentrale gewandt haben, wie die Verwandten ihr erzählt haben.

Der Mitarbeiter am Telefon soll daraufhin versucht haben, die Shop-Angestellte bei den Erste-Hilfe-Massnahmen anzuleiten. «Doch die Frau hat gesagt, sie wisse nicht, wie das geht, sie könne das nicht», erzählt Lara. Bis die Sanitäter zehn Minuten später eingetroffen seien, sei jede Hilfe zu spät gewesen – und der Bekannte verstorben.

«Unverzüglich mit der Herzdruckmassage beginnen»

Die Medizinstudentin macht der Verkäuferin keinen Vorwurf. «Sie hätte in Erster Hilfe ausgebildet sein sollen, dann hätte mein Bekannter gerettet werden können.» Migros und Coop etwa tun dies. Bei Valora, zu der der Shop gehört, hingegen nicht (siehe Box).

Sprecher Roland Portmann von Schutz und Rettung Zürich bestätigt dass die Ersthelfer vor Ort wichtig sind. «Hat jemand einen Herzstillstand, geht es um Leben oder Tod. Macht man nichts, reduziert sich die Überlebenschance des Patienten massiv.» Darum sei es wichtig, unverzüglich mit der Herzdruckmassage zu beginnen. Laut Portmann ist die Verkäuferin im Bahnhofsshop aber nicht die Einzige, die trotz Anleitung keine lebensrettenden Massnahmen ergreift.

«In etwa einem Fünftel der Fälle machen die Personen nicht mit»

In der schweizweit grössten Notrufzentrale am Flughafen Zürich, die Schutz und Rettung betreibt, müssen die Mitarbeitenden mehrere hundert Mal im Jahr Personen telefonisch für Wiederbelebungsmassnahmen anleiten.

Portmann: «In etwa einem Fünftel der Fälle machen die Personen am Telefon nicht mit.» Die Gründe dafür seien vielfältig. Die einen stünden unter Schock oder hätten Angst, etwas falsch zu machen, andere würden sich ekeln oder hätten sonst Hemmungen. Portmann: «Unsere Mitarbeitenden bleiben in jedem Fall am Telefon und unterstützen den Hilfesuchenden, bis der Rettungsdienst eintrifft.»

Tessin besser als Deutschschweiz

Stephan Hoenner, Sprecher des Schweizer Samariterbunds, sagt: «Erste Hilfe kann jeder lernen.» Dazu könne in der Schweiz aber noch viel mehr getan werden. «Wenn man Erste Hilfe leistet, befindet man sich in einer Ausnahmesituation.» Darum sei es wichtig, Hemmungen, Unsicherheit oder Ängsten durch Übung zu begegnen.

Hoenner rät darum zu Auffrischungskursen in Erster Hilfe,wie sie der Samariterbund anbiete. «Eine Notsituation kann jederzeit eintreffen, auch im engeren Umfeld.» Für die meisten werde Erste Hilfe erst zum Thema, wenn sie selbst davon betroffen seien. «Es ist darum wichtig, möglichst früh für das Thema zu sensibilisieren.»

Tessin besser als Deutschschweiz

Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Rund 10'000 Menschen in der Schweiz haben jährlich einen plötzlichen Herzkreislaufstillstand. Nur fünf bis acht Prozent überleben diesen.

Im Tessin, wo Herzmassage schon in der Schule gelehrt wird, lag diese Zahl 2005 schon bei 9 Prozent. Seither ist die Rate auf 19 Prozent gestiegen. Dies dank dem sogenannten First-Responder-System Ticino Cuore, an das alle Personen mit einer entsprechenden Erste-Hilfe-Ausbildung angeschlossen sind.

Rettungskurse bei Detailhändlern

Sowohl Migros wie auch Coop bilden ihre Leute in Erste Hilfe aus. «So, dass in jeder Verkaufsstelle mindestens eine Person Erste Hilfe leisten kann», sagt Sprecher Andreas Bühler von der Migros Ostschweiz. Coop hat letztes Jahr 40 Erste-Hilfe-Kurse und 80 Auffrischungskurse durchgeführt. Anders ist das bei Valora, zu dem der Laden gehört, in dem der Bekannte der Studentin starb. «Das Personal erhält keine dezidierten Erste-Hilfe-Kurse», sagt Sprecherin Nicole Merkel. Es lägen jedoch Merkblätter auf.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.