Schweizer Student bittet um Hilfe: «Mein berühmter Onkel wird im Knast gefoltert!»
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Schweizer Student bittet um Hilfe«Mein berühmter Onkel wird im Knast gefoltert!»

Er kritisierte die Regierung Bangladeshs. Jetzt drohen Shahidul Alam 14 Jahre Haft. In Zürich zerbricht sich ein Verwandter den Kopf, wie er dem bekannten Fotografen helfen kann.

von
gux
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Seit August sitzt Shahidul Alam in seiner Heimatstadt Dhaka, Bangladesh, in Haft. Zuvor hatten ihn Sicherheitsleute aus seinem Haus gezerrt und Aufnahmen der Videoüberwachung zerstört. Jetzt drohen Alam 14 Jahre Gefängnis – weil er ...

Seit August sitzt Shahidul Alam in seiner Heimatstadt Dhaka, Bangladesh, in Haft. Zuvor hatten ihn Sicherheitsleute aus seinem Haus gezerrt und Aufnahmen der Videoüberwachung zerstört. Jetzt drohen Alam 14 Jahre Gefängnis – weil er ...

AP
... auf Facebook Videoaufnahmen von Protesten hochgeladen und dem Sender Al Jazeera ein Interview gegeben hatte, in dem er die Regierung von Bangladesh kritisierte. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International fordern seither Alams unverzügliche Freilassung. Auch der Zürcher ...

... auf Facebook Videoaufnahmen von Protesten hochgeladen und dem Sender Al Jazeera ein Interview gegeben hatte, in dem er die Regierung von Bangladesh kritisierte. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International fordern seither Alams unverzügliche Freilassung. Auch der Zürcher ...

Amnesty International
.... Medizinstudent David Rafique (28, hier mit seinem Vater) will auf das Schicksal seines Verwandten aufmerksam machen.

.... Medizinstudent David Rafique (28, hier mit seinem Vater) will auf das Schicksal seines Verwandten aufmerksam machen.

David Rafique

«Mein Onkel wurde von der Regierung in Bangladesh entführt und gefoltert. Was kann ich tun, um ihm zu helfen?» Diese Frage treibt David Rafique, Medizinstudent an der Uni Zürich, seit dem 10. August um.

Dass sich auch Amnesty International für seinen Onkel Alam einsetzt, ist für den 28-Jährigen aus Gibswil im Zürcher Oberland ein schwacher Trost. Zumal es nur schleichend vorwärtsgeht – wenn überhaupt.

Festnahme wegen Interview mit Al Jazeera

Onkel Alam ist eigentlich Rafiques Onkel zweiten Grades, der Cousin seines Vaters. «Ich kenne ihn nicht gut, aber mein Vater ist sehr eng mit ihm», sagt Rafique. «Doch Alam gehört zur Familie, und was mit ihm passierte, ist eine grobe Menschenrechtsverletzung.»

Shahidul Alam ist ein mehrfach international ausgezeichneter Fotojournalist aus Bangladesh. Seine Aufnahmen von Naturkatastrophen oder politischen Krawallen sind in den meisten westlichen Medien erschienen, auch sein Porträt von Nelson Mandela ist bekannt. Alam gründete mehrere Fotoschulen und hat laut Wikipedia «Hunderten von Fotografen» das Handwerk beigebracht. Einst studierte und lehrte er in Grossbritannien Chemie, an der Universität von Sunderland hat er noch immer eine Gastprofessur für Fotografie.

Seit August aber sitzt Alam in seiner Heimatstadt Dhaka in Bangladesh in Haft. Zuvor hatten ihn Sicherheitsleute aus seinem Haus gezerrt und Aufnahmen der Videoüberwachung zerstört. Jetzt drohen Alam 14 Jahre Gefängnis – und weswegen? Weil der 63-Jährige auf Facebook Videoaufnahmen von Protesten hochgeladen und dem Sender Al Jazeera ein Interview gegeben hatte, in dem er die Regierung von Bangladesh kritisierte.

Der berüchtigte Artikel 57

Das verhängnisvolle Interview gab Alam während der Massenproteste für mehr Sicherheit im Strassenverkehr. Sie hatten sich am Tod zweier Studenten entfacht, die von einem zu schnell fahrenden Bus überfahren worden waren. Die Regierung ging brutal gegen die Demonstranten vor, feuerte Gummischrot ab und liess Menschen niederknüppeln. «Die Regierung hat sich verkalkuliert», so Amal dann im Al-Jazeera-Interview. «Sie dachte, dass Angst und Repression ausreichen würden. Aber so kann man nicht eine ganze Nation zähmen.» Die Proteste, so Amal weiter, würden sich letztlich gegen die weit verbreitete Korruption in der Regierung Bangladeshs richten.

Diese Aussage und seine Videos von den Protesten waren für die Regierung unter Sheikh Hasina Grund genug, den bekannten Fotojournalisten wegen «Gewalt und Hetze in sozialen Medien» festzunehmen. Rund hundert Studenten erging es gleich.

Brutal prügelnde Knüppeltrupps halfen bei den Verhaftungen nach. Jene Studenten, die davonkamen, verstecken sich seither. Viele änderten ihre Facebook-Accounts, unter anderem wegen ihrer Kommentare zu den Protesten.

Den Inhaftierten wird ein Verstoss gegen Artikel 57 des Informations- und Kommunikationsgesetzes vorgeworfen – einen «drakonischen Paragrafen», der es der Polizei erlaubt, Menschen ohne Haftbefehl oder Weisung der Staatsanwaltschaft festzunehmen, wie Amnesty International schreibt. «Die Angeklagten werden ohne Aussicht auf eine Anhörung für Monate weggesperrt.»

«Als er sich weigerte, schlugen sie ihn»

Auch Alam wurde die Möglichkeit auf eine Kaution verweigert.

Mehr noch: Als er deswegen im August vor Gericht erschien und den negativen Bescheid erhielt, konnte er kaum mehr gehen. «Er erzählte, dass er im Gefängnis geschlagen werde», schreibt Amnesty.

Das bestätigt auch der Schweizer Student nach Rücksprache mit seiner Tante, die ihren Mann im Gefängnis besuchen konnte: «Sie wollten ihn zu einem Geständnis zwingen. Als er sich weigerte, schlugen sie ihn», so Rafique. Kurz vor seinem Gerichtstermin habe man noch seine blutige Kleidung gewaschen. Dennoch hab man die Gewalt nicht vertuschen können: Alams Gesicht sei durch die Schläge derart aufgeschwollen, dass er kaum reden konnte.

Mittlerweile in einer Einzelzelle

Alam benötige dringend medizinische Versorgung, die ihm aber versagt bleibe, so Rafique. Immerhin: «Seine Haftbedingungen haben sich etwas verbessert: Er ist aus einer Sammelzelle in eine Einzelzelle gekommen. Ich nehme an, dies geht auf den Druck von internationalen NGOs und Regierungen zurück.»

So weiss Rafique, dass auch die Schweiz den Fall verfolgt. «Die Schweizer Botschaft in Bangladesh teilte mir auf Anfrage mit, dass man sich für seine Freilassung einsetze.» Und auch Grossbritannien macht Druck. Um auf Amals Schicksal aufmerksam zu machen, stellen zudem Galerien und Museen im ganzen Land bis Ende Monat seine Fotos aus.

«Meinungsfreiheit nicht als selbstverständlich ansehen»

So viel Aufmerksamkeit für die Sache seines Onkels wünscht sich der Gibswiler auch in der Schweiz. «Ich möchte auf diese Missstände aufmerksam machen, auch wenn sie weit weg von hier sind», sagt er. «Uns geht es hier so gut. Wir sollten die Meinungsfreiheit nicht als selbstverständlich ansehen.»

Der 28-Jährige verweist auf die Petition von Amnesty International, die von der Regierung Bangladeshs Alams Freilassung fordert. «Diese zu unterschreiben, ist für uns ein nur geringer Aufwand», so Rafique. «Aber für einen Menschen im weit entfernten Bangladesh kann so eine Unterschrift den ganz grossen Unterschied machen.»

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