Aktualisiert 29.04.2020 09:13

Meret All In

«Mein Quarantäne-Date hat mich versetzt – zweimal!»

Be My Quarantine vermittelt während der Coronakrise einsame Singles. Ich, Dauersingle und skeptisch, habe das ausprobiert.

von
Meret Steiger
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Be My Quarantine möchte während der Quarantäne einsame Singles zusammenbringen – mit einem ausführlichen Fragebogen und einem Blind-Date bei Zoom.

Be My Quarantine möchte während der Quarantäne einsame Singles zusammenbringen – mit einem ausführlichen Fragebogen und einem Blind-Date bei Zoom.

be-my-quarantine.ch
Hauptverantwortliche und Kernteam des Projekts sind Dino, Selina und Mara. Sie vergleichen die Fragebögen und matchen so in Handarbeit potenzielle Lovebirds. Pro Match dauert das rund eine Stunde

Hauptverantwortliche und Kernteam des Projekts sind Dino, Selina und Mara. Sie vergleichen die Fragebögen und matchen so in Handarbeit potenzielle Lovebirds. Pro Match dauert das rund eine Stunde

be-my-quarantine.ch

Ich mag kein Online-Dating. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht ausprobiert hätte: Ich bin seit Jahren bei Tinder, aber irgendwie ist da nie etwas Brauchbares herausgekommen. Entweder wir haben gematcht, einander aber nie geschrieben oder die Konversation verlief einfach im Sand. Ein nicht unwesentlicher Teil der Tinder-User wollte ausserdem Fotos von meinen Füssen oder für meine getragenen Höschen zahlen – ich bin da also vielleicht ein bisschen ein gebranntes Kind.

Bei Be My Quarantine sollte das anders laufen: Wie bei einem «richtigen» Datingportal geht es da nicht nur um die Optik, sondern in erster Linie um Persönlichkeit. Ich fülle zu Beginn einen Fragebogen aus, in dem neben den üblichen Fragen (Hobbys, Alter, Kinder?) auch aufschlussreichere dabei sind, zum Beispiel «bilaterale Verträge» oder «Beschränkung der Einwanderung?». Ich gebe an, dass ich rauche und jemanden mit viel Humor suche.

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Eine Auswahl der Fragen aus dem Fragebogen. Neben gewöhnlichen Fragen nach Alter und Hobbys …

Eine Auswahl der Fragen aus dem Fragebogen. Neben gewöhnlichen Fragen nach Alter und Hobbys …

be-my-quarantine.ch
… wollen die Macher von Be My Quarantine noch mehr Wissen, darunter auch gesellschaftliche oder politische Fragen.

… wollen die Macher von Be My Quarantine noch mehr Wissen, darunter auch gesellschaftliche oder politische Fragen.

be-my-quarantine.ch
Mit diesen spezielleren Fragen wollen sie bessere Matches finden – was zumindest bei mir super geklappt hat.

Mit diesen spezielleren Fragen wollen sie bessere Matches finden – was zumindest bei mir super geklappt hat.

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Erstes Date fällt ins Wasser

Dann, endlich mein erstes Date! Per Mail werden mein Date und ich zu einem Zoom-Meeting eingeladen. Ich weiss aber nichts über mein Gegenüber, nicht mal das Geschlecht. Ich bin mega aufgeregt, habe mir davor sogar die Haare gebürstet, was seit der Quarantäne nicht mehr selbstverständlich ist. Ich logge mich schon fünf Minuten eher, um 19.55 Uhr, mit dem erhaltenen Link in ein Zoom-Meeting ein und warte gespannt auf den/die Quarantine. Und dann, Enttäuschung: Um 20.15 Uhr bin ich immer noch allein im Chat. Ich warte noch bis 20.30 Uhr, dann hole ich mir frustriert einen Döner.

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Ich mit frisch gebürsteten Haaren um 19.55 Uhr im Zoom-Chat.

Ich mit frisch gebürsteten Haaren um 19.55 Uhr im Zoom-Chat.

Meret Steiger
Und ich um 20.15 Uhr im Zoom-Chat, als mir aufgegangen ist, dass ich wohl versetzt worden bin.

Und ich um 20.15 Uhr im Zoom-Chat, als mir aufgegangen ist, dass ich wohl versetzt worden bin.

Meret Steiger

Die Verantwortlichen von Be My Quarantine sind aber zackig: Schon zwei Tage später habe ich ein zweites Date – und erneut bleibe ich allein in dem Raum sitzen. Gopf. Ich kann es ja nicht mal persönlich nehmen, schliesslich wissen die Quarantines ja nicht, wer ich bin (und was ihnen entgeht, harhar).

«Oh, eine Frau!»

Inzwischen hat sich mein erstes, verpasstes Date gemeldet und sich entschuldigt – er/sie habe sich beim Tag vertan. Wir bekommen also einen neuen Termin. Ich bürste mir nicht nur die Haare, ich schminke mich auch und ziehe zum ersten Mal seit Wochen eine richtige Hose an. Heute klappts, ich sags euch! Wieder logge ich mich bereits um 19.55 Uhr ein und bin fürchterlich nervös. Was, wenn ich das Gegenüber nach einem Satz langweilig finde? Was, wenn ich für die Liebe einfach zu zynisch bin?

Und dann ploppt plötzlich ein zweites Gesicht auf: Melissa ist im Chat. Und ich bin erst mal überrascht: Zwar habe ich angegeben, dass ich bisexuell bin, ich habe aber irgendwie trotzdem mit einem Mann gerechnet. Melissa ist aber eine schöne Überraschung, im wahrsten Sinne des Wortes: Sie gefällt mir sehr gut, ist blond und tätowiert. Und auch unser Gespräch verläuft sehr viel entspannter, als ich es erwartet habe. Wir reden gut 40 Minuten ohne peinliches Schweigen, dann ist ihr Akku leer – wir tauschen noch schnell Handynummern und planen bald ein weiteres Gespräch.

Positiv überrascht

Insgesamt bin ich von dieser Erfahrung sehr positiv überrascht. Nicht nur, weil ich mit Melissa ein angenehmes Gespräch hatte – auch, weil ich wirklich das Gefühl hatte, dass Melissa und ich wirklich zueinander passen. Wir hatten es leider versäumt, einige der Fragen aus dem Fragebogen zu notieren, aufgefallen ist es mir aber beim Thema Kinder: Melissa meinte, sie sei sich noch nicht sicher, ob sie Kinder wolle, aktuell aber eher nicht. Das war, Wort für Wort, auch meine Antwort im Fragebogen.

Selina von Be My Quarantine

«Bei einigen Quarantines hat es schon gefunkt»

Selina*, wie seid ihr auf die Idee für Be My Quarantine gekommen?

Selina: Bei einem Abendessen während der ersten Tage des Lockdowns. Ich hatte an diesem Tag mit einem Freund telefoniert, der ein Date absagen musste, auf das er sich schon sehr lange gefreut hatte. Da haben wir spasseshalber darüber sinniert, wie es wohl wäre, wenn es eine Plattform mit Videodates gäbe, wo man sich treffen und austauschen könnte.

Es läuft bei euch. Habt ihr mit dem Erfolg gerechnet?

Nein! Unsere Idee war ursprünglich für eine sehr begrenzte Anzahl Menschen gedacht. Wir wären schon mit 50 Anmeldungen zufrieden gewesen. Am ersten Tag waren es aber bereits über 100, und jetzt stehen wir bei knapp 2350 Anmeldungen, was uns natürlich sehr freut.

Wie viele Leute habt ihr schon gematcht?

Wir haben bereits für knapp 500 Personen Dates organisiert.

Gibt es schon Pärchen?

Die ersten Quarantine-Dates sind jetzt knapp drei Wochen her, es ist also wahrscheinlich noch zu früh, um von Pärchen zu sprechen. Wir wissen aber, dass es schon bei einigen Quarantines gefunkt hat und dass es auch schon zu romantischen Dates mit mehr Körperkontakt, als Herr Berset lieb wäre, gekommen ist.

Habt ihr euch auch selbst gematcht?

Natürlich nicht, das würde gegen unseren Arbeits-Ehren-Kodex verstossen! Im Ernst: Wollten wir uns selbst Dates besorgen, gäbe es hoffentlich einfachere und weniger arbeitsintensive Wege, als eine Dating-Plattform zu gründen.

*Selina gehört zusammen mit Dino und Mara zum Kernteam von Be My Quarantine

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