Zweiter Prozesstag: «Mein Entführer hat mich auf die Wange geküsst»

Aktualisiert

Zweiter Prozesstag«Mein Entführer hat mich auf die Wange geküsst»

Anwalt und CVP-Politiker André Schlatter (52) kam am Donnerstag beim Prozess um seine Entführung vor dem Landgericht Hof (D) zu Wort.

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taw
André Schlatter am Landgericht Hof (D). (Bild: Michael Giegold)

André Schlatter am Landgericht Hof (D). (Bild: Michael Giegold)

Alles andere als ein Ausflug an einem wunderschönen Frühlingstag sei das gewesen, was ihm am 29. März 2013 widerfahren sei, sagte André Schlatter am Donnerstag vor Gericht, wie die «Frankenpost» schreibt. «Es war wirklich ein wunderschöner Tag, ich hatte nur nichts davon», so Schlatter.

Am 29. März wurde Schlatter von den beiden Angeklagten Petr R.* (22) und Tomas K. (24) aus einer Tiefgarage in St. Gallen in seinem BMW 530 d entführt.

Neun Stunden voller Angst

Nach einem Abstecher nach Zürich zwangen die Entführer Schlatter, in Richtung Marktredwitz (D) zu fahren. Obwohl schnell erkennbar gewesen sei, dass ihm keine Profis gegenübersassen, habe er neun Stunden in der Angst gelebt, diesen schönen Frühlingstag eventuell nicht zu überleben, sagte Schlatter vor Gericht. Wie die «Frankenpost»schreibt, war für ihn besonders schlimm, wie er an einem Waldrand an der deutsch-tschechischen Grenze bei Kautendorf in der Dunkelheit um sein Leben gefleht hatte. Denn dort drohten die Entführer ihn zu erschiessen. Dass sie bloss mit einer Gaspistole ausgerüstet waren, konnte er nicht erkennen.

Doch das ist nicht die einzige Erinnerung an die Entführung. Wie Schlatter vor Gericht sagte, habe ihn der Entführer Tomas K. umarmt und auf die Wange geküsst, als er versprochen hatte, ihn aus der Schweiz zu lotsen. Zudem schenkte er Schlatter als Erinnerung seinen Talisman, eine Pistolenpatrone. Überhaupt hätten ihn die Entführer zumeist höflich behandelt.

Einen Fluchtversuch habe Schlatter deshalb unterlassen, weil er befürchtet habe, die beiden Männer könnten dann die Nerven verlieren und von der Waffe Gebrauch machen. Je näher man der deutsch-tschechischen Grenze gekommen sei, desto kühler und distanzierter seien die Täter geworden.

Ruhig und gelassen

Laut einem Reporter der «Frankenpost» hat Schlatter vor Gericht alle durch seine Ruhe, Sachlichkeit und Gelassenheit beeindruckt. Er habe nur den Eindruck vermittelt, sehr an seinem BWM zu hängen. Diesen hat er nämlich von einem Werksangehörigen in Deutschland selbst nach seinen Wünschen mit allen Extras ausstatten lassen.

Noch im Gericht einigten sich Schlatter und seine Entführer auf ein Schmerzensgeld von 7500 Euro. Zudem wünsche er sich eine Abschrift des Urteils, in der steht, dass er ein Zufallsopfer gewesen sei.

Auf dem Richtertisch lag ein Entschuldigungsbrief, den Petr. R. im Gefängnis geschrieben hat: «Es tut mir wirklich sehr leid; ich bete für Sie. Ich habe auch etwas für Sie gemalt. Das Malen beruhigt mich sehr. Vielleicht gefällt Ihnen das Bild.» Schlatter hat das Bild mitgenommen.

Der Prozess wird am 4. Dezember fortgesetzt.

*Namen der Redaktion bekannt

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