Aktualisiert 26.07.2011 13:12

Breiviks Jugend

«Mein Freund Anders»

Ein norwegischer Journalist erinnert sich an seine Jugend mit Anders Behring Breivik, aus der nichts auf die Bluttat von Utøya schliessen lässt. Trotzdem hegt er einen unheimlichen Verdacht.

von
kri

Peter Svaar erinnert sich an einen kleinen, schüchternen Jungen, von unten bis oben in Hip-Hop-Klamotten gekleidet, sportlich und gesund ernährt. Er beschreibt ihn als nett und loyal seinen Freunden gegenüber. Intelligent und willensstark sei er zudem gewesen. Die Rede ist von Anders Behring Breivik, dem Massenmörder von Utøya. Svaar ist Journalist und hat ein Porträt über seinen «Freund Anders» verfasst, mit dem er zusammen die Schulbank gedrückt hat.

Speziell in Erinnerung geblieben sind ihm gemeinsame Sommerferien 1994 am Ende der neunten Klasse. In einem Ferienhaus auf der Insel Tjøme hätten sie Hotdogs gegrillt, viel getrunken und viel gelacht. Das Gefühl, Teil einer «zusammengeschweissten Truppe» zu sein, wie es für Teenager normal ist. Alles ganz normal – und deshalb so unvereinbar mit dem, was derselbe Anders Behring Breivik am vergangenen Freitag getan hat.

Alle sind Teil seines grossen Plans

Svaar schreibt, es wäre einfacher, das Unglück zu akzeptieren, wenn Anders Behring Breivik verrückt wäre. Doch daran glaubt er nicht. Nichts aus dessen sogenanntem Manifest oder aus der eigenen Erinnerung klingt für ihn verrückt oder geistig gestört.

Im Gegenteil: Er glaubt, Anders Behring Breivik habe nicht nur die beiden Anschläge, sondern auch den weiteren Ablauf sorgfältig geplant. Und ihn beschleicht eine finstere Ahnung: «Meine grösste Angst ist, dass er mit uns allen spielt – den Medien, der Öffentlichkeit – wie auf einem Klavier.» Dass im Manifest auch die Klasse und er selbst erwähnt wird, hält Peter Svaar ebenfalls für Absicht. Sein Porträt des Jugendfreunds, das weltweit abgedruckt wird – es könnte ebenfalls Teil von Breiviks grossem Plan sein.

Anders Behring Breivik habe gewusst, dass er verhaftet würde. Er habe alles gestanden und einen Pflichtverteidiger verlangt, der Mitglied der Arbeiterpartei ist, und habe ihn bekommen. Er habe geschrieben, dass nach der Verhaftung die Propagandaphase beginnt. Er spekuliere auf ein öffentliches Verfahren vor der Weltpresse und mit ihm in Uniform. «Darüber kann man sagen, was man will, aber es ist nicht das Werk eines Verrückten», betont Svaar. Vielmehr eines «durchtriebenen, einfallsreichen und intelligenten Menschen». Anders habe ein Ziel, und er sei erst auf halbem Weg angelangt.

Beharrlich und zäh

Dann doch noch ein Hinweis aus der Vergangenheit, der mit der Bluttat vereinbar scheint: Laut Svaar trainierte Anders Behring Breivik jeden Tag eisern um sechs Uhr morgens, bevor er in die Schule ging. Wenn er sich etwas vornahm, dann zog er es durch, auch wenn es Wochen, Monate und Jahre dauerte. Er sei «beharrlich» gewesen. Beharrlich wie jemand, der zwei Jahre im Voraus einen landwirtschaftlichen Betrieb eröffnet, damit er unauffällig genug Dünger für eine Bombe kaufen kann.

Das Verbrechen seines ehemaligen Schulfreundes lässt Peter Svaar ratlos zurück. Wo all der Hass herkommt, kann er sich nicht erklären. Anders Behring Breiviks bester Freund in jenen Jugendjahren soll ein Norweger pakistanischer Herkunft gewesen sein. Er war nicht unterprivilegiert, sondern hatte alles. Einzig mit seinem Vater hatte er sich offenbar verkracht, nachdem er wegen Sprayens Ärger mit der Polizei bekommen hatte.

Sein Porträt Anders Behring Breiviks schliesst mit den Worten: «Aus jenem Sommer 1994 sind zwei Ärzte hervorgegangen. Ein Meeresbiologe. Einer ist PR-Berater. Ich war Journalist bei NRK. Und Anders Behring Breivik wurde ein Massenmörder.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.