Versuchte Frauentötung: «Mein Freund erstickte mich fast mit einem Kissen»
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Versuchte Frauentötung«Mein Freund erstickte mich fast mit einem Kissen»

Jede Woche überlebt eine Frau einen Tötungsversuch, einen sogenannten versuchten Femizid. 20 Minuten gibt diesen Frauen eine Stimme. Eine von ihnen ist Julia (28). Bei der Arbeit lernte sie Robert kennen. Die Beziehung endete für Julia beinahe tödlich.

von
Anja Zingg
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Julias (28) Partner schlug sie mehrmals – auch öffentlich. Eingeschritten sei nie jemand. 

Julias (28) Partner schlug sie mehrmals – auch öffentlich. Eingeschritten sei nie jemand.

Privat

Darum gehts

  • Laut eidgenössischem Gleichstellungsbüro erfolgt jede Woche ein Tötungsversuch an einer Frau.

  • Angst und Scham halten die Frauen ab, ihre Geschichte zu erzählen.

  • Fünf von ihnen wollen ihr Schweigen brechen und erzählen bei 20 Minuten, was sie erlebt haben.

  • Eine davon ist Julia (28).

  • Schlimmer als die Schläge seien für sie die psychische Gewalt gewesen.

Wenn Julia ihre Geschichte erzählt, spürt man ihre Positivität förmlich. Zwischendurch entfahren ihr nervöse Lacher, doch ihre Stimme bleibt freundlich. Sie wird weder laut noch ungehalten und man merkt, dass sie nicht das erste Mal von ihrer Odyssee erzählt.

«Nach Abschluss meiner Lehre entschied ich mich dazu, eine Saisonstelle in einem Walliser Skigebiet anzunehmen. Robert arbeitete im gleichen Hotel wie ich. Ich dachte, er sei meine grosse Liebe. Doch die Beziehung war schnell geprägt von psychischer und physischer Gewalt.

Nach rund sechs Monaten Beziehung hat Robert mich fast getötet. An jenem Abend haben wir stundenlang gestritten. Es war mitten in der Nacht und ich sagte ihm, dass ich schlafen gehe. Es war unter der Woche und am nächsten Tag musste ich früh auf. Heute denke ich, dass mein Entschluss, einfach ins Bett zu gehen, Robert derart wütend gemacht hat, dass er beschloss, mich zu töten.

Erlösung machte sich breit

Ich muss wohl sofort eingeschlafen sein, denn ich erwachte, weil ich keine Luft mehr bekam. Es dauerte einige Sekunden, bis ich realisierte, was los war. Robert drückte mir ein Kissen aufs Gesicht. Ich versuchte mich mit aller Kraft zu wehren, doch ich hatte keine Chance. Plötzlich sah ich ein Licht und fühlte eine innere Ruhe in mir aufsteigen. Endlich Erlösung aus diesem Albtraum, schoss es mir durch den Kopf. Ich weiss bis heute nicht, wieso er mich plötzlich losliess.

Zur Serie

Fünf Frauen berichten

Jede Woche überlebt eine Frau in der Schweiz einen Femizidversuch. Ein Femizid bezeichnet die Tötung aufgrund des Geschlechts. 20 Minuten hat mit fünf Frauen gesprochen, die dem Tod nach einem solchen Angriff knapp entronnen sind. Das sind ihre Geschichten:

Nach jenem Abend folgten noch zwei weitere Jahre in dieser schrecklichen Beziehung. Robert sagte mir immer wieder, dass ich ohne ihn nichts wert sei. Ich fing an, ihm das zu glauben. Weil er mich immer stärker isolierte, verlor ich Freunde. Das drehte er so, dass es für ihn der Beweis war, dass diese Leute nichts mit mir zu tun haben wollen. Und ich glaubte ihm.

Ausmass war unbekannt

Meinem Umfeld mache ich keinen Vorwurf. Sie merkten, dass Robert mir nicht gut tat, aber ich glaube, niemandem war das Ausmass bewusst. Und wenn mich jemand gefragt hätte, hätte ich eh alles abgestritten. Doch was mich beschäftigt: Robert wurde teilweise auch öffentlich gewalttätig. Eine Szene kommt mir in den Sinn: Er rastete auf einem Parkplatz völlig aus, schrie mich an und schubste mich und schlug zu. Ich bin mir sicher, dass Leute das gesehen haben. Aber es kam niemand zu Hilfe.»

Ich wuchs gut behütet mit Geschwistern auf dem Land auf. Vor Robert hatte ich schon einen Freund, ich wusste also eigentlich, was eine normale Beziehung ist. Aber Robert besass eine Macht über mich. Er war unglaublich beliebt, überall wo er hinkam, mochten ihn die Leute. Er war sportlich, gutaussehend und fröhlich. Er sagte mir auch oft, dass mir niemand glauben werde, wenn sein Wort gegen meines stehe.

Mit der Zeit liess die körperliche Gewalt nach. Doch die psychische Folter blieb. Und diese war schlimmer als alle Schläge. Ich war völlig abhängig von ihm.

Alkohol um zu vergessen

Die Beziehung ging zu Ende, weil Robert jemand anderen kennenlernte. Und obwohl mein Leben wegen ihm die Hölle war, brach ich am Tag seines Auszugs völlig zusammen. Diese Beziehung war für mich wie eine Droge und mit Roberts Auszug kam der Entzug. Ich konnte nicht schlafen, hatte Flashbacks und Albträume. Ich begann zu trinken, um schlafen zu können und an den Wochenenden trank ich, um zu vergessen. Oftmals wusste ich nicht mehr, wie ich vom Ausgang nach Hause kam, Freitag bis Sonntag verblassten.

Es vergingen Monate, bis ich realisierte, dass das, was ich erlebe, kein normaler Liebeskummer ist, bis ich mir eingestehen konnte, dass ich häusliche Gewalt erlebt hatte. Fünf Monate nach seinem Auszug kontaktierte ich die Opferhilfe und erzählte zum ersten Mal meine Geschichte.

Tat ist verjährt

Ich begann eine Therapie und lernte, dass mein Körper seit Jahren auf Überlebensmodus geschalten hatte. Es war ein langer Prozess, da rauszukommen. Nach zwei Monaten in der Therapie wurde bei mir eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt.

Heute, vier Jahre später, geht es mir gut. Ich bin glücklich. Es gibt noch Dinge, unter denen ich leide, zum Beispiel fällt es mir schwer, Leuten zu vertrauen. Ich hatte seit Robert auch keine längere Beziehung mehr. Ich habe Robert nie angezeigt. Nach der Trennung hatte ich die Kraft nicht dazu. Mittlerweile sind die Taten verjährt, das macht mir zu schaffen. Ich weiss, heute hätte ich genug Kraft, um den Prozess durchzustehen, aber es ist zu spät.

Um die Frauen zu schützen wurden einige Punkte in ihrer Biografie geändert.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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