Aktualisiert 05.07.2012 11:50

Hirnschlag mit 28«Mein früheres Leben will ich nicht zurück»

«Schlaganfall? Das haben doch nur Alte», dachte Martina Gschwend, bis es sie traf. Trotz ihrer Behinderung schaut sie nach vorne: Am Samstag will sie die Miss-Handicap-Wahl gewinnen.

von
Runa Reinecke

Es ist das kleine Puzzle-Stückchen, das ihr zum Glücklichsein fehlt: Martina Gschwend ist im dritten Monat schwanger, freut sich auf ihr erstes Kind. Selbst die Übelkeit, die die werdende Mutter ständig einholt, erträgt die 28-Jährige tapfer.

Auch an einem Morgen im Februar 2007 geht es der Aargauerin schlecht. Wie so oft zuvor muss sie sich übergeben. Im WC angekommen, bricht sie zusammen, wird bewusstlos. «Mein damaliger Partner fand mich auf dem Boden. Er rief die Ambulanz», sagt sie.

Im Spital kämpfen die Ärzte um Martina Gschwends Leben und das ihres ungeborenen Kindes. Sie öffnen die Schädeldecke, entdecken eine Hirnblutung. Nach der Operation liegt sie mehrere Wochen im Koma. Als sie erwacht, ist nichts mehr wie zuvor: Sie kann nicht mehr sprechen, eine Körperhälfte ist komplett gelähmt. Ihre Mutter wird ihr später erzählen, dass sie aus Verzweiflung laut geschrien hat, erinnern kann sie sich daran aber nicht mehr. Noch ist ihr Bewusstsein getrübt, sie fühlt sich matt, bis ihr ein erster glasklarer Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf schiesst: «Wie geht es meinem ungeborenen Kind?»

Schlaganfall: Auch Junge sind betroffen

Martina Gschwend ist keine Ausnahme. Jeder sechste Schweizer ist einmal im Leben von einem Hirnschlag betroffen. Der Infarkt im Gehirn zählt zu den häufigsten Ursachen für eine im Erwachsenenalter erworbene Behinderung. In den Industrieländern stellt der Hirninfarkt – nach den Herz- und Krebserkrankungen – die dritthäufigste Todesursache dar. Laut epidemiologischen Studien in Europa und den USA nimmt die Zahl der Schlaganfälle gerade bei jüngeren Menschen zu. Das bestätigt auch Andreas Luft, Leitender Arzt für Schlaganfallversorgung in der Klinik für Neurologie des Unispitals Zürich: «Die allgemeine Zunahme von Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes trägt sicher dazu bei, dass auch immer mehr Leute in jüngerem Lebensalter unter diesen Risikofaktoren leiden.»

Grundsätzlich lassen sich zwei verschiedene Arten von Schlaganfall voneinander abgrenzen: der Gefässverschluss, auch ischämischer Infarkt genannt, und die Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall), wie sie Martina Gschwend erlitten hat. Neben einem angeborenen Herzfehler oder einer Gefässveränderung kann auch die Lebensweise zu einem erhöhten Schlaganfallrisiko beitragen. Nennen lassen sich in diesem Zusammenhang Faktoren wie das Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck, ungesunde Ernährung, erhöhte Bluttfettwerte sowie Übergewicht, Bewegungsmangel und Stress. Auch während der Schwangerschaft besteht ein erhöhtes Schlaganfallrisiko.

Jeder Vierte stirbt

Gemäss Fragile Suisse, der Schweizerischen Organisation für hirnverletzte Menschen, stirbt jeder vierte Schlaganfall-Betroffene. Die Überlebenden lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Während die erste schwere Behinderungen davonträgt und pflegeabhängig ist, erlangt die zweite Gruppe eine – wie es heisst – «relative Selbstständigkeit». Glücklich sind die, die der dritten Gruppe angehören: Sie überstehen den sogenannten Hirninfarkt ohne Spätfolgen.

Je früher ein akuter Schlaganfall behandelt wird, desto besser sind die Überlebenschancen beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit, den Anfall mit leichten oder sogar ohne längerfristige Beeinträchtigungen zu überstehen. Grundvoraussetzung dafür ist, die Anzeichen eines Hirninfarktes frühzeitig richtig zu deuten. «Die häufigsten Symptome sind die Halbseitenschwäche sowie Sprachstörungen. Dazu gehören undeutliches Sprechen oder Schwierigkeiten, Wörter zu finden oder andere zu verstehen», weiss Andreas Luft und ergänzt, dass auch Sehstörungen, Schwindel und Gesichtslähmungen für das Krankheitsbild typisch sind: «Charakteristisch für einen Schlaganfall ist, dass die Anzeichen ganz plötzlich auftreten.»

Wird Martina Gschwend die neue Miss-Handicap?

Auch über Martina Gschwend bricht das Unglück ganz plötzlich herein. Nachdem sie wieder aus dem Koma erwacht ist, kämpft sie sich Stück für Stück zurück ins Leben. Ein harter Kampf, wie sie rückblickend erkennt: «In den Wochen nach dem Koma konnte ich nur lallen. Das Sprechen musste ich erst wieder lernen». Sheila, ihre Tochter, die sie trotz der widrigen Umstände gesund zur Welt bringt, treibt sie zusätzlich an. Durch kontinuierliches, tägliches Training geht es der ehemaligen Leiterin eines Kinderhorts immer besser. Zwar sei ihre «Feinmotorik noch eingeschränkt», wie sie sagt, auf Hilfe angewiesen ist sie aber schon lange nicht mehr: Vor wenigen Wochen war sie mit ihrer vierjährigen Tochter alleine in Lugano in den Ferien.

Gut erholt stürzt sich die umtriebige 33-Jährige am kommenden Samstag ins nächste Abenteuer: Dann steht sie als Teilnehmerin der diesjährigen Miss-Handicap-Wahl im Luzerner KKL auf der Bühne. Wenns mit dem Missen-Titel klappt, möchte sie die Aufmerksamkeit dazu nutzen, spezielle Freizeitaktivitäten zu fördern: «Ich will mithelfen, Berührungsängste und Hemmungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen abzubauen. Ausserdem ist es mir ein Anliegen, zu zeigen, dass man auch als Frau mit Behinderung eine gute Mutter sein kann.»

Auf die Frage, ob sie ihr früheres Leben nicht manchmal vermisse, überlegt sie kurz. «Ganz ehrlich?» Dann platzt es aus ihr heraus: «Überhaupt nicht!» Damals gab es den Menschen noch nicht, der heute im Mittelpunkt ihres Lebens steht: «Sheila ist für mich wie ein Motor, der mich täglich antreibt und motiviert, Fortschritte zu machen. Sie macht mich so glücklich.»

Das ganze Interview mit dem Schlaganfall-Experten Professor Luft finden Sie hier.

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Schlaganfall

Von einem Schlaganfall spricht man laut WHO dann, wenn im Gehirn eine örtlich begrenzte Störung, die auf eine verstopfte Blutzufuhr zurückzuführen ist, vorliegt. Charakteristisch für einen Schlaganfall sind Symptome, die auf einen Verlust gewisser Hirnfunktionen hinweisen, die länger als einen Tag andauern. Zu den typischen Symptomen gehören Doppelsichtigkeit, Lähmungen im Gesicht (herabhängender Mundwinkel), in einem Arm, einem Bein oder einer ganzen Körperhälfte. In der Schweiz erleiden etwa 16 000 Personen jedes Jahr einen Schlaganfall. Zwischen 20 und 25 Prozent sterben während oder kurz nach dem Ereignis. Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Formen des Schlaganfalls: den Schlaganfall durch Gefässverschluss und die Hirnblutung.

Interview mit Schlaganfall-Experten

Der Mediziner Andreas Luft erklärt, warum immer mehr Junge von einem Schlaganfall betroffen sind. Damit es gar nicht so weit kommt, rät er zu einer einfachen Verhaltensregel. Hier finden Sie das ganze Interview.

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