09.11.2020 21:45

Corona-Spätfolgen«Mein Geruchssinn ist seit März weg»

Müdigkeit, Atembeschwerden, Husten: Ein Fünftel der Infizierten leidet auch über ein halbes Jahr nach der Corona-Erkrankung noch an Langzeitfolgen. Betroffene erzählen, mit welchen Defiziten sie bis heute kämpfen.

von
Céline Krapf
Michelle Muff
1 / 9
Die Universität Zürich hat für eine Untersuchung 105 positiv getestete Menschen befragt – demnach sind 22 Prozent nach einem halben Jahr noch nicht zur Normalität zurückgekehrt.

Die Universität Zürich hat für eine Untersuchung 105 positiv getestete Menschen befragt – demnach sind 22 Prozent nach einem halben Jahr noch nicht zur Normalität zurückgekehrt.

KEYSTONE
Müdigkeit ist eines der Defizite, welche Betroffene auch nach der Infektion belasten. (Symbolbild)

Müdigkeit ist eines der Defizite, welche Betroffene auch nach der Infektion belasten. (Symbolbild)

Getty Images
92 Prozent der Untersuchungsteilnehmer litten an Covid-Symptomen, ein Viertel war hospitalisiert. 

92 Prozent der Untersuchungsteilnehmer litten an Covid-Symptomen, ein Viertel war hospitalisiert.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Rund ein Fünftel der Covid-19-Patienten spürt auch nach über sechs Monaten die Folgen der Erkrankung, zeigt eine Untersuchung der Universität Zürich.

  • Betroffene kämpfen auch lange Zeit nach der Infektion mit Spätfolgen.

  • Oft sind dies Defizite in der Sinneswahrnehmung, Erkältungssymptome oder Atembeschwerden.

Wenn die Erkrankung kein Ende nimmt: Jeder fünfte Corona-Infizierte lebt auch über ein halbes Jahr nach dem Befund mit teils drastischen Langzeitschäden, zeigt eine Untersuchung der Universität Zürich. Die Defizite reichen von Geschmacksverlust über Husten bis hin zu Lungenproblemen. Und: Auch Junge sind betroffen von Spätfolgen. 20 Minuten hat mit vier Betroffenen gesprochen.

***

Marc H.* (49)

«Meine Corona-Erkrankung im März verlief sehr milde. Doch mein Geruchs- und Geschmackssinn ist bis heute verschwunden. Koche ich für meine Familie, muss ich deshalb sehr vorsichtig sein mit Gewürzen. Weine kann ich nicht mehr auseinanderhalten. Esse ich mit geschlossenen Augen, ist mir oft nicht möglich, die Nahrungsmittel zu benennen. Dieser Zustand hat sich in den vergangenen Monaten nicht mehr verbessert. Ich will mir aber nicht zu viele Sorgen machen – ich hoffe, dass sich meine Sinne wieder erholen, da dies meine Lebensqualität beeinträchtigt.»

***

Anna (17), Gymnasiastin aus Bern

«Im Februar hatte ich nach einem Chorlager Covid-Symptome. Während zwei Wochen war ich schwer krank, hatte Husten, Halsweh und starkes Fieber. Damals war Covid in der Schweiz noch nicht wirklich ein Thema, und so liess ich mich auch nicht auf das Virus testen. Wochen und Monate nach der Ansteckung fühlte ich mich noch sehr angeschlagen, müde und litt unter Kurzatmigkeit. Als ich während des Fussballtrainings im Sommer schwere Krampferscheinung am ganzen Körper hatte und unter Atemnot litt wurde mir bewusst, dass etwas mit meiner Gesundheit nicht stimmte. Nach Abklärungen und Untersuchungen beim Hausarzt, sowie Lungenfunktionstests, CT und MRI beim Kardiologen folgte die Diagnose eingeschränkte Lungenfunktion und Entzündung des Herzmuskels. Treppensteigen und andere Anstrengungen bringen mich auch jetzt noch ausser Atem. Ich muss mich in meinem Alltag stark einschränken, denn ich darf mich körperlich nicht anstrengen und muss mich viel ausruhen. Das ist schwierig, denn vor der Infektion war ich sehr sportlich und gesund. Das nächste MRI habe ich im März 2021, mehr als ein Jahr nach der Infektion. Ich hoffe sehr, dass es mir bis dann besser geht.»

***

Claudio Martella (30), Coiffeur aus Zürich

«Als ich den Artikel zur Studie las, fühlte ich mich sofort angesprochen: Mein Körper hat die Erkrankung vom März bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht verarbeitet. Damals lag ich von einem Tag auf den anderen komplett flach – obwohl ich vorher nie krank war. Mein Befinden jetzt variiert von Tag zu Tag – wovon dies abhängig ist, habe ich bislang nicht herausgefunden. Vor allem die Wahrnehmung ist noch immer beeinträchtigt: Manchmal funktioniert mein Geschmacks- und Geruchssinn einwandfrei, an anderen Tagen gar nicht. Regelmässig verspüre ich auch Erkältungssymptome wie eine verstopfte Nase oder einen brennenden Rachen, wie ich es zuvor nie erlebt habe.»

***

Christina Cadegg (47), Offsetdruckerin aus Basel

«Wenn ich eine Treppe hochsteige oder mich über etwas aufrege, schnürt es mir manchmal die Luft ab», sagt Christina Cadegg (47).

«Wenn ich eine Treppe hochsteige oder mich über etwas aufrege, schnürt es mir manchmal die Luft ab», sagt Christina Cadegg (47).

zvg

«Im März wurde ich positiv auf Corona getestet. Da das Virus damals noch völlig neu war, musste ich für einen Tag ins Spital. Ich bin damals zwei Wochen flach im Bett gelegen, ich hatte hohes Fieber, Husten und verlor meinen Geschmackssinn. Ich gehöre nicht zur Risikogruppe – aber leider habe ich jetzt, acht Monate später, noch immer Beschwerden: Ich bin immer sehr müde, meine Stimme ist heiser und ich muss oft husten. Ausserdem komme ich sehr schnell ausser Atem: Wenn ich eine Treppe hochsteige oder mich über etwas aufrege, schnürt es mir manchmal die Luft ab. Die Ärzte wissen nicht, was sie tun sollen. Ich hatte bereits ein CT und wurde auch geröntgt, dabei wurde aber nichts Verdächtiges gefunden. Die Ärzte haben mir gesagt, dass meine Symptome Langzeitfolgen von meiner Infektion im März sind. Ich benutze nun immer einen Asthmaspray, der leider aber nicht besonders viel nützt. Ich hoffe sehr, dass es bald besser wird, denn die Beschwerden schränken mich im Alltag ein: Seit einigen Monaten arbeite ich statt 100 nur noch 50 Prozent. Ob es bald besser wird, kann mir niemand sagen.»

***

David J.* (24), Sachbearbeiter aus dem Wallis

«Im August kam ich von den Ferien in Kroatien zurück in die Schweiz. Vorsichtshalber liess ich mich auf Covid testen. Zu meinem Erstaunen fiel der Test positiv aus. Ich hatte überhaupt keine Symptome und fühlte mich während der Isolation gesund und fit. Etwa einen Monat später habe ich einen Sporttest gemacht, weil ich Schiedsrichter bin. Dabei merkte ich: Meine Kondition hatte sich ziemlich verschlechtert, und ich litt plötzlich unter Kurzatmigkeit. Im Alltag hat mich meine verschlechterte Kondition zwar nicht eingeschränkt, beim Fussballspielen war ich aber deutlich weniger fit als normalerweise. Nun fühle ich mich von Woche zu Woche wieder etwas fitter. Sport habe ich aber seit drei Wochen nicht mehr getrieben.»

***

*Name der Redaktion bekannt

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.