Aktualisiert 04.11.2020 10:58

Einsamkeit im Pflegeheim«Mein Grosi liegt im Sterben – und ich darf sie nicht besuchen»

Anja Zeidler sucht auf Instagram eine Pflege für ihren Grossvater – er darf im Pflegeheim nicht mehr besucht werden. Und sie ist kein Einzelfall: Leser berichten über das Dilemma zwischen Infektionsrisiko und sozialer Bedürfnisse.

von
Anna Meier
Noah Knüsel
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Leserin V.M. (21): «Meine Grossmutter liegt auf der Demenzstation im Sterben, aber weil eine Pflegerin in ihrem Altersheim unter Corona-Verdacht steht, können wir sie nicht mehr besuchen.» (Symbolbild)

Leserin V.M. (21): «Meine Grossmutter liegt auf der Demenzstation im Sterben, aber weil eine Pflegerin in ihrem Altersheim unter Corona-Verdacht steht, können wir sie nicht mehr besuchen.» (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto
Der Grossvater von Influencerin Anja Zeidler fühlt sich ohne die Besuche der Familie im Pflegeheim sehr einsam.  Die Familie möchte ihn deswegen aus dem Heim nehmen und wieder von zuhause aus betreuen. 

Der Grossvater von Influencerin Anja Zeidler fühlt sich ohne die Besuche der Familie im Pflegeheim sehr einsam. Die Familie möchte ihn deswegen aus dem Heim nehmen und wieder von zuhause aus betreuen.

Screenshot IGTV Anja Zeidler
«Er weint am Telefon. Die letzten Monate seines Lebens hat er sich anders vorgestellt», schreibt Anja Zeidler auf Instagram. (Symbolbild)

«Er weint am Telefon. Die letzten Monate seines Lebens hat er sich anders vorgestellt», schreibt Anja Zeidler auf Instagram. (Symbolbild)

iStock

Darum gehts

  • Influencerin Anja Zeidler sucht auf Instagram jemanden, der sich um die Pflege ihres Grossvaters (92) kümmert.

  • Auch andere Leser berichten von schwierigen Situationen.

  • Kontakte sind für Betagte sehr wichtig, insbesondere während der Corona-Pandemie, sagen Experten.

  • Bei der Pflege von zu Hause aus raten Experten den Angehörigen, Spitex-Dienste zur Unterstützung herbeizuziehen.

Kein Spaziergang, kein gemeinsames Zmittag, keine Spielnachmittage: Besuche sind aufgrund der Corona-Situation in einigen Pflegeheimen verboten. Die Influencerin Anja Zeidler suchte deshalb via Instagram jemanden, der ihren 92-jährigen Grossvater in seiner Wohnung pflegt – die Familie möchte ihn aus dem Pflegeheim holen.

«Ihm geht es nicht gut. Er fühlt sich einsam», sagt die Influencerin. Die alten Menschen hätten es zurzeit schwer: «Nicht nur, weil sie Risikopatienten sind, sondern auch, weil sie durch die aktuellen Massnahmen vereinsamen.» So auch ihr Grosspapi: «Er weint am Telefon. Die letzten Jahre seines Lebens hat er sich anders vorgestellt.»

«Sie liegt im Sterben und ich kann sie nicht besuchen»

Auch Leser erleben triste Situationen: Die Grossmutter der Bernerin V. M.* (21) ist 89 Jahre alt und auf der Demenzstation. «Sie liegt im Sterben, aber weil eine Pflegerin in ihrem Altersheim unter Corona-Verdacht steht, können wir sie nicht mehr besuchen», sagt M.

Die Enkelin trifft die Situation hart: «Ich habe ein enges Verhältnis zu ihr, weil ich als Kind oft bei ihr war. Bevor es zu Ende geht, würde ich mich gerne von ihr verabschieden. Das wäre sicher auch für sie schön als Abschluss.» Eine Betreuung zuhause komme für die Familie nicht in Frage: «Niemand von uns hat die nötige Ausbildung und genügend Zeit.»

Keine Zeit für Betreuung zuhause

Auch die 88-jährige Mutter von Übersetzerin C. S.* (58) lebt im Altersheim: «Derzeit können wir sie noch besuchen, aber es kann jederzeit wieder ein Besuchsverbot geben.» Das sei schon im Frühling so gewesen. Damals hätten sie geskypt oder sich durch die Glasfenster im Altersheim sehen können. Vor allem die Mutter litt darunter: «Ich weiss, wie gern sie mich in den Arm genommen hätte.»

Eine Betreuung zuhause komme aber nicht in Frage: «Meine Mutter braucht eine intensive Betreuung. Zuhause haben wir dafür weder die benötigte Infrastruktur, noch genügend Zeit.»

«Besuchsverbote sind problematisch»

Peter Burri, der Leiter der Kommunikation von Pro Senectute, hat Verständnis: «Wenn das Lebensende absehbar ist, sind Besuchsverbote problematisch. In den letzten Wochen ist der Kontakt zu den Angehörigen essenziell.» Palliativpflege von zu Hause aus könne sehr sinnvoll sein, stelle aber oft eine grosse Belastung für die Angehörigen dar.

«Wenn die Pflege und Betreuung durch die Familie erfolgt, muss sichergestellt sein, dass betreuende Angehörige fachliche Unterstützung und Ruhepausen haben», sagt Gabriela Bieri, Ärztliche Direktorin der Pflegezentren. Dazu kommen die Herausforderungen der Pandemie: «Betreuende Angehörige müssen sicherstellen, dass sie wenig Aussenkontakt haben und die Schutz- und Hygienemassnahmen einhalten», sagt die Ärztin. Sie rät, Unterstützung durch die Spitex in Anspruch zu nehmen.

Telefonate haben eine besondere Bedeutung

Für den Grosspapi von Anja Zeidler gibt es inzwischen eine Lösung. «Für einige könnte eine alternative Zwischenlösung während Corona allenfalls besser sein», sagt Peter Burri. Die Umsetzung sei aber schwierig und erfordere viel Flexibilität. Die Pflege im Heim mit Schutzmassnahmen bleibe in vielen Fällen die beste Lösung.

Um der Einsamkeit im Heim entgegenzuwirken, sei es wichtig, neue Formen von Kontakten zu finden, sagt Katja Cattapan, stellvertretende ärztliche Direktorin am Sanatorium Kilchberg. «Telefonate, Zeichnungen der Enkelkinder und Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse haben in diesen Zeiten eine besonders hohe Bedeutung.»

*Name der Redaktion bekannt

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518 Kommentare
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Stop

05.11.2020, 01:00

Die anfänglich fehlende Evidenz der Wirksamkeit der Massnahmen hat sich nun zur klaren Evidenz der Unwirksamkeit herausgestellt. Und trotzdem geht der Wahn weiter? Wir müssen aufwachen – alle. Warum stoppt niemand diesen Wahnsinn. Wer trägt die Verantwortung für dieses Verbrechen? Die, die die Massnahmen durchsetzen wollen? Oder die, die es geschehen lassen, die mitmachen oder die sie nicht verhindern? Es geht nicht um Masken, es geht nicht um Viren und es geht mit Sicherheit nicht um unsere Gesundheit. Es geht um viel, viel mehr…

Kritiker

05.11.2020, 00:54

Vielleicht kann mir hier ja jemand eine kompetente Antwort geben. Ich wüsste nämlich nicht, über welchen Kanal ich das BAG oder den BR diesbezüglich anfragen könnte. Gemäss dem vom BAG veröffentlichten "Bericht zur Grippesaison 2018/19", gab es in dieser Grippewelle z.B. in der KW06 (höchster Stand der Kurve) über 300 Hospitalisierungen pro 100'000 Einwohner. Gemäss dem aktuellsten vorliegenden Bericht vom BAG "Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19)", waren in der KW41 pro 100'000 Einwohner 1.6 Hospitalisationen. Ich möchte einfach verstehen, warum die 1.6 ein Problem darstellen und die Spitäler angeblich am Limit laufen, wenn im 2019, 300 Hospitalisierungen anscheinend kein nenneswerteres Problem darstellen. Ich will es wirklich verstehen können. Kann mir das jemand anständig und fundiert erklären? Alle meine genannten Angaben können auf der Seite vom BAG gefunden und als PDF-Bericht heruntergeladen werden.

Lilith

05.11.2020, 00:53

Das ewig gleiche copy/paste Gelaber hier. interessiert keinen.