Ottmar Hitzfeld: «Mein Herz schlägt etwas mehr für Bayern»
Aktualisiert

Ottmar Hitzfeld«Mein Herz schlägt etwas mehr für Bayern»

Am Samstag steigt in London der CL-Final zwischen Bayern und Dortmund. Der Schweizer Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld gewann den Titel mit beiden Teams und äussert sich zum Knüller.

von
Eva Tedesco

Ottmar Hitzfeld, werden Sie sich das Spiel im Wembley ansehen?

Ottmar Hitzfeld: Nein, ich werde im Studio in München sein, weil mir der Rummel zu gross ist. Ich werde da überall angesprochen und so kann ich mich besser auf das Spiel konzentrieren.

Wie erlebt ein Final-Trainer die letzten Tage vor so einem brisanten Endspiel?

Emotion und Druck sind wesentlich grösser, denn das wiederholt sich ja nicht oft, dass man in einem Champions-League-Final steht. Die Wochen erlebt man intensiver, man macht sich mehr Gedanken und muss sich selber immer wieder bremsen, dass man nicht zu viele Dinge machen will, sondern auch dieses Spiel und den Gegner nüchtern analysiert.

Wer will den Titel mehr: München oder Dortmund?

Im Ruhrgebiet und speziell bei Borussia Dortmund ist Fussball Religion. Im Stadion und Zuhause haben sie oft einen Altar aufgestellt in schwarzgelb und beten zum Fussballgott. Ich habe seinerzeit viele Bilder bekommen - auch von Fans. Bayern München ist der Rekordmeister, da gehören Erfolge zur Tagesordnung. Deutsche Meisterschaften gehören zum Anspruchsdenken in München und auch Titel in der Champions League haben sie mehr als die Borussen. Wenn sie den Titel und die Champions League gewinnen, wird da nicht so ausgelassen gefeiert wie in Dortmund. In Dortmund werden eine Million Menschen auf der Strasse sein, in München sind es vielleicht Zwanzigtausend, die ihre Mannschaft auf den Strassen feiert.

Für welches Team wird ihr Herz schlagen?

Ich habe gegenüber beiden Vereinen Sympathien, aber vielleicht eine Nuance mehr für Bayern München - wegen Xherdan Shaqiri, den ich als Nationalspieler in meiner Mannschaft habe. Ich habe aber auch schon Schweinsteiger, Lahm, Van Buyten und Pizzaro trainiert und 2007 Ribéry zu den Bayern geholt. Ich pflege gute Beziehungen zum Verein und zu Uli Hoeness, dem ich es gönnen würde, in der schwierigen Zeit seines Lebens, dass er da ein bisschen Trost findet.

Welche Rolle spielt der Steuerskandal um Uli Hoeness?

Generell, nicht unbedingt mit dem Namen Hoeness verbunden, Unruhe mit einem Verein verbunden bringt die Spieler dazu, sich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das hält die Sinne wach. Das hat man in der Vergangenheit bei verschiedenen Vereinen schon oft erlebt. Wenn etwas passiert im Umfeld, ist die Konzentration auf das sportliche noch höher. Es ist gefährlicher, wenn eine Situation wie Normalität einschläft.

Finden es in Deutschland alle toll, dass die Bayern im Champions League Final gegen Dortmund spielen?

Ich glaube, dass das Fussball-Lager in Deutschland gespalten ist. Wahrscheinlich werden auch mehr für Dortmund sein. Denn ausser den Bayern-Fans sucht der Rest Deutschlands den Abstand zu Bayern München. Aber für den deutschen Fussball allgemein spielt es keine Rolle, wer Sieger wird.

Glauben Sie, dass sich die beiden Mannschaften neutralisieren werden, weil sie sich so gut kennen?

Ich glaube, wenn es länger 0:0 stehen würde, kann sich das Spiel neutralisieren, weil der Respekt von beiden Mannschaften grösser wird. Das 1:0 ist eminent wichtig, gerade in einem Final. Bayern ist sich nicht gewohnt, in Rückstand zu geraten. Wenn Dortmund in Führung gehen würde, könnte Bayern Nerven zeigen. Das könnte eine Chance für Dortmund sein. Wenn Bayern in Führung geht, glaube ich, ist das Spiel gelaufen.

Wo liegen die Schwächen der Bayern?

Die muss man mit der Lupe suchen. Bayern hat in dieser Saison keine Schwächen gezeigt.

Fühlen Sie sich eher Jürgen Klopp oder Jupp Heynckes verbunden?

Ich habe zu beiden eine normale Beziehung. Man kennt sich ganz gut.

Würde Klopp auch zu Bayern passen?

Jürgen Klopp ist ein junger Trainer, der die Zukunft noch vor sich hat. Ich glaube schon, dass er irgendwann einmal die Bayern trainieren wird und auch zu den Bayern passen würde.

Sie kennen beide Vereine. Welcher Klub ist schwieriger zu trainieren?

Ich glaube, dass jeder Klub seine Schwierigkeiten hat. Bei Dortmund hat man ein bisschen mehr Ruhe, da die Boulevardpresse nicht so präsent ist und man nicht die Vielzahl von Medien hat wie in München. Bei Dortmund hatte ich einen Präsidenten, der kein Fussballprofi war, während bei Bayern viele Koryphäen im Vorstand sassen, die fussballerisch mitdiskutieren konnten. Von daher ist man mehr unter Beobachtung und der Trainer steht dadurch noch mehr unter Druck. Wenn die Ziele nicht erreicht werden, handelt der Vorstand. Das sieht man auch daran, dass man viele Transfers gemacht hat, die man nicht gemacht hätte, wenn man die Champions League gewonnen hätte. Man hat Dante geholt als Stabilisator der Abwehr, Martinez für die Rekordsumme von 40 Millionen Euro und man hat Mandzukic, Pizzaro und Shaqiri für die Offensive verpflichtet.

Zu reden gab der Transfer von Mario Götze für die neue Saison. Finden Sie das Wildern bei einem Ligakonkurrenten verwerflich?

Das ist die freie Marktwirtschaft. Dortmund hat die Ablösesummen festgeschrieben und die können eingelöst werden. Ausserdem hat Dortmund das Gleiche mit Gladbach und Reus gemacht. Das ist in jedem Land so: Der wirtschaftlich Stärkere bedient sich bei den anderen Vereinen. Aber diese Spitzenklubs haben sich das hart erarbeitet.

A propos Erwartungshaltung: Sie haben 1997 nach dem Champions-League-Final ihren Rücktritt beim BVB gegeben. War Ihnen der Stress zu gross geworden?

Ich war sechs Jahre bei Dortmund. Die Erwartungshaltung war gestiegen und die finanzielle Notlage 1997 schon akut. Der Vorstand hat Druck gemacht, dass wir wieder Meister werden, um wieder in der Champions League spielen zu können. Wir waren nur Zweiter oder Dritter und konnten nicht davon ausgehen, dass wir die Champions League gewinnen und so wieder qualifiziert sind. Ich bin dann nach dem Final spontan zurückgetreten. Ich hatte da ein Angebot von Real-Präsident Sanz, mit dem ich mich schon in Zürich verabredet hatte. Nach zwei, drei schlaflosen Nächten entschied ich mich abzulehnen. Ich dachte: Bis ich spanisch kann, bin ich entlassen und gehe daher lieber nicht zu Real Madrid. Der Champions-League-Sieg und zwei Meistertitel haben viel Kraft gekostet.

Welches Traineramt hätte schneller zum Burnout geführt: Jenes bei Dortmund oder bei den Bayern?

Ich war bei meiner ersten Etappe von 1998 bis 2004 auch sechs Jahre am Stück bei Bayern. Sechs Jahre Bayern ist wie 20 Jahre bei einem anderen Bundesligaverein. Das geht an die Substanz. 2004 war ich ausgelaugt und habe deshalb auch das Amt als deutscher Nationaltrainer abgelehnt. Jetzt bin ich als Schweizer Nationaltrainer glücklich. Einen Verein werde ich nie mehr trainieren. Ich habe viel erlebt und alles erreicht.

Jupp Heynckes hört bei den Bayern auf. Er hinterlässt unter Umständen ein Wahnsinns-Erbe, das man kaum toppen kann: Ist sein Nachfolger Pep Guardiola deshalb ein bisschen Dortmund-Fan?

Nein. Er wird das neutral betrachten, wird Stärken und Schwächen versuchen zu erkennen. Wenn man einen Champions-League-Sieger übernehmen kann, ist das ja auch ein Privileg und trotzdem in irgendeine Richtung etwas zu entwickeln, ist die grosse Herausforderung.

Welche Rolle sehen sie für Xherdan Shaqiri in London?

Xherdan ist ein Spieler, den man immer ins kalte Wasser werfen kann. Er hat die Erwartungen in dieser Saison immer erfüllt, wenn er ins Spiel kam. Er ist kaltblütig, nervenstark, inspirierend auch für seine Mitspieler. Wahrscheinlich hat er im Final bessere Chancen eingesetzt zu werden, wenn Bayern im Rückstand liegt.

Guardiola steht auf so kleine Spielertypen. Verbessert das Shaqiris Chancen in der nächsten Saison?

Ich glaube schon, dass Guardiola von Shaqiris und auch Götzes Spielweise inspiriert ist. Es ist kein Zufall, dass er Spieler wie Iniesta, Xavi und Messi forciert und im Herz der Mannschaft spielen hat lassen. Ich bin gespannt, welche Rolle Xherdan ausfüllen wird. Ob mehr auf der Seite oder eher im Zentrum? Es ist alles möglich.

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