Aktualisiert

Gestatten ...Mein Name ist Schwan

Ich bin schön mit meinen braunen Augen, meinem orange-roten Schnabel, den weissen Federn und dem langen Hals. Ich bin ein treuer Liebhaber und liebevoller Vater. Und – ich bin gefährlich.

von
Susanne Lüthi

Wer sich in ein Flugzeug setzt und bei Sinnen ist, muss sich unweigerlich fragen: «Wie kann dieses schwere Ding bloss fliegen?» Das gleiche Phänomen trifft auf den Höckerschwan zu, wobei es das Weibchen mit seinen kaum je mehr als zehn Kilos leichter hat als ihr Männchen. Das muss satte 10,5 bis 13,5 Kilo Lebendgewicht in die Lüfte stemmen und dort halten. Das schafft der 1.60 Meter lange Flattermatz dank seiner Flügelspannweite von bis zu 240 Zentimetern. Trotzdem braucht er eine lange Startpiste. Wenn er über das Wasser rennt, könnte man kurz an Jesus in Eile denken, hebt er dann endlich ab, erinnert er an einen überladenen Jumbo-Jet, denn die Flugweise ist nicht die eleganteste. Der Flügelschlag ist langsam, kräftig und laut.

Das Fliegen ist für die zu der Familie der Gänse gehörenden Tiere mit einem grossen Kraftaufwand verbunden. Wohl deshalb sieht man sie auch nicht allzu oft am Himmel. Viel lieber schwaddern sie auf Teichen, Seen und langsam fliessenden Gewässern in ganz Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland herum. Das war nicht immer so. Ursprünglich lebte der Höckerschwan nur in Mittel-, Nord- und Osteuropa und in Mittel- und Ostasien. Von dort wurde er gerne weggetragen und für schön auf die Weiher von Schlosspärken und Dörfer gesetzt.

Man kann es gut nachvollziehen. Denn mit seinen Augen, braun wie zwei Haselnüsse, dem Gefieder, weiss wie ein Brautkleid, seinem orange-rot-leuchtenden Schnabel, seinen schlankmachend schwarzen Beinen und seinem gebogenen Hals, der, wenn er zu zweit ist, just ein Herz formt, ist der Höckerschwan nicht nur sehr majestätisch und schön, er scheint ausserdem ein sehr romantisches Tier zu sein. Dieser Schein trügt nicht.

Ewige und treue Liebe

Höckerschwanpaare bleiben ein ganzes Leben lang zusammen und sich treu. Problematisch wird die ewige Liebe, wenn sich ein Schwan nicht in Seinesgleichen, sondern in ein Pedalo verliebt. So geschehen vor einigen Jahren im Zoo von Münster, als sich ein Trauerschwan in ein Tretboot verguckte (siehe Bildstrecke oben).

Haben sich zwei reale Höckertiere gefunden, geht es ab einem Alter von drei bis vier Jahren erstmals ans Paaren. Ist der Akt vorbei, geben sie befriedigte gurgelnde, schnarrende und pfeifende Geräusche von sich. Für die so entstandenen Eier, fünf bis acht an der Zahl, die im Abstand von ca. 48 Stunden gelegt werden, braucht es alsbald ein Nest. Dieses fertigen die Eltern gemeinsam. Wann allerdings mit dem Bau angefangen wird, bestimmt nicht etwa die werdende Mutter, die später auch zum grössten Teil während 34 bis 38 Tagen die Eier ausbrütet und sich nach dem Schlüpfen der Brut mehrheitlich um diese kümmern wird, sondern das Männchen.

Liebevolle Eltern

Das Nest ist so spaziös wie unbequem, weil es kaum gepolstert ist. Das wäre Perlen vor die Säue, pardon, Daunen vor die Küken geworfen, denn die graugefiederten Babys sind Nestflüchter. Das heisst, sie kommen im Gegensatz zu Nesthockern schon recht weit entwickelt auf die Welt und verlassen nach der Eierschale auch gleich die Geburtsstätte. Was aber nicht heisst, dass die kleinen Küken nun alleine durch die Welt gondeln müssten. Ihre Eltern kümmern sich liebevoll und tragen sie oft auf dem Rücken über das Wasser. Dies natürlich nicht, weil die Kinder das lustig finden, sondern um sie vor Bissen von bösen Hechten zu schützen.

Auch für die Nahrungsbeschaffung sind die Eltern zuständig, bis die Kleinen mit 150 bis 200 Tagen flügge sind. Denn die Wasserpflanzen, inklusive den sich darin befindenden Muscheln, Schnecken und Wasserasseln, befinden sich auf dem Grund und bleibt von den Kleinen mit ihren noch zu kurzen Hälsen unerreichbar. Das Gründeln muss also ein elterlicher, langer Schwanenhals übernehmen.

Sehen Sie das stolze Schwanenpaar mit seinen fünf bis acht Küken vor Ihrem geistigen Auge plantschen? Dann sehen Sie leider etwas Falsches. Die Sterberate ist sehr hoch, 30 bis 50 Prozent von jedem Gelege geht verloren. Und das noch bevor die Babys jemals die Sonne erblickt haben, sie sterben also noch im Ei drinnen. Und warum ist das so? Weil die Eltern es nicht recht machen? Weil es zu viele Fressfeinde gibt? Das können Sie sich wünschen, aber in den allermeisten Fällen ist des Menschen Vandalismus schuld. Man geht davon aus, dass nur etwa elf Prozent der Nachkommen selber jemals brüten werden.

Von dieser schlechten Bilanz lassen sich die Tiere glücklicherweise nicht entmutigen und nisten Jahr für Jahr erneut. So kommt bei einer Lebenserwartung von 16 bis 20 Jahren ein ganz schöner Eierhaufen zustande. Darum gilt der Höckerschwan heute als nicht gefährdet. Das war nicht immer so. Das edle Tier wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts so stark bejagt, dass er fast ausgerottet wurde. Dank Aussetzungsaktionen konnte dieses traurige Schicksal abgewendet werden. Heute schätzt man den Höckerschwanbestand in der Schweiz auf etwa 450 bis 600 Paare, weltweit auf 600 000 bis 620 000 einzelne Tiere.

Die dunkle Seite des Schwanes

Wenn der Höckerschwan sich anmutig durchs Gewässer schraubt, elegant einen der schwimmhautbesetzten Füsse auf dem Rücken tragend, ab und an den Kopf eintaucht, die Flügel lockert und ein wenig mit seiner Frau (die übrigens daran zu erkennen ist, dass ihr Höcker über dem Schnabel weit weniger gross ist als der ihres Gatten) turtelt, könnte man fast vergessen, dass auch er seine dunkle Seite hat.

Diese zeigt sich vor allem in der Zeit von Ende März bis Ende Juni, der Brutzeit. Dann verteidigen insbesondere die Männchen nicht nur ihre Weibchen, sondern natürlich auch ihr Nest und ihre Jungen. Mit Rivalen gehen sie unzimperlich um, Kämpfe, bei denen gefaucht und gekreischt wird, enden nicht selten mit dem Tod des einen. Nähert sich ein Mensch seinen Liebsten, schwant ihm eh Böses. Was nicht verwunderlich ist, wenn wir aus lauter Dummheit, Langeweile und Ignoranz dem Ententier die Eier klauen und Nester verwüsten. Sollten Sie also einmal bei dieser niederen Unflätigkeit von einem Schwan gehackt werden, können Sie nicht auf unser Mitleid zählen.

Quellen:

Vogelwarte Sempach

Kindernetz.de

Wikipedia

In dieser Serie verraten uns Tiere, wo sie wohnen, was oder wen sie essen, wie sie ihre Tage und Nächte verbringen. Und manchmal gewähren sie uns sogar Einblicke in ihre Gedanken. Bisher erschienen: Spatz, Seepferdchen, Tapir, Murmeltier, Schwan, Kuh, Wasserschwein, Stubenfliege, Eisbär, Giraffe, Wasserschildkröte

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