Mein Beruf: «Mein schlimmster Flug war auch der beste»
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Mein Beruf«Mein schlimmster Flug war auch der beste»

Christian Strebel ist nach Kenia ausgewandert, um Busch-Pilot zu werden. Er erzählt vom besten Flug, seiner Liebe zur Natur und von lästigen Primaten.

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Die 20-Minuten-Serie «Leser stellen sich vor» widmet sich im Oktober und November Community-Mitgliedern mit ausgefallenen Berufen. Als Erster erzählt Christian Strebel. Bis er 24 Jahre alt war, wohnte der Pilot in Oberwinterthur. Dann ging er nach Kenia und eröffnete ein Busch-Flugunternehmen.

Herr Strebel, wie wird man Busch-Pilot?

Ich arbeitete in der Schweiz als Mechaniker für die Swissair und bekam einen dreimonatigen Auftrag in Kenia. Mir flogen ständig die kleinen Busch-Flugzeuge über den Kopf. Weil es schon immer ein Traum von mir war, ein solches Ding zu fliegen, organisierte ich eines Tages meine erste Flugstunde.

Schliesslich machte ich 1987 in Kenia meine Privatpilotenlizenz und absolvierte danach die Berufspilotenlaufbahn in der Schweiz. Dann ging ich nach Afrika zurück und startete mit meinem ersten gelben Busch-Flugzeug das Unternehmen Yellow Wings.

Mit was für Flügen verdienen Sie Ihr Geld?

Einerseits natürlich mit Passagierflügen, andererseits machen wir auch Geldtransporte. Wir fliegen für Banken 200 bis 300 kg Geld durch die Gegend. Zudem transportieren wir auch Passagiere, die nicht mehr so gesprächig sind. Das heisst, wir arbeiten mit Bestattungsunternehmen zusammen. Das klingt etwas morbide, ist aber ein Business wie jedes andere auch. Eine weitere Zielgruppe sind Fotografen und Filmemacher. 2010 haben wir beispielsweise bei den Filmaufnahmen für den Dok-Film «Kairo–Kapstadt» des Schweizer Fernsehens geholfen.

Hatten Sie beim Aufbau Ihres Unternehmens mit Schwierigkeiten zu kämpfen?

Ich werde oft gefragt, ob die unterschiedliche Kultur ein Problem ist. Aber ich muss sagen, dass ich erstaunlich wenig Schwierigkeiten hatte. Ich glaube fest daran, dass man, wenn man den Menschen mit Respekt begegnet, das auch zurückkommt – und so war es bisher stets. Kenianer sind sehr nette und offene Menschen, mit denen eine Zusammenarbeit sehr angenehm ist.

Was war Ihr schönster Flug?

Ich habe schon fast 10'000 Flugstunden absolviert, da erinnert man sich nicht mehr an alle. Aber das schönste Erlebnis war, als ich mit meinen Freunden einen Madagaskar-Flug machte. Ich hatte wahnsinnig glückliche Passagiere an Bord und das Land ist atemberaubend.

Und der schlimmste Flug?

Der schlimmste war gleichzeitig mein bester Flug. Während der politischen Unruhen 2007/08 wurden ethnische Minderheiten von der Miliz verfolgt und umgebracht. Weil überall Strassensperren waren, konnten diese Menschen nicht flüchten. Ich schaffte es aber, mit ihnen per Mobiltelefon Kontakt aufzunehmen und ihnen zu sagen, wo sie sich verstecken sollen. Wir hatten zuvor alle Sitze aus den Fliegern ausgebaut, damit wir mehr Leute transportieren konnten: Landen, einladen, wieder starten – das war nur eine Sache von einer Minute. Da die Miliz nur mit Speeren, Beilen und Spaten kämpfte, war die Gefahr gebannt, sobald wir wieder in der Luft waren. So konnte ich eine Gruppe nach der anderen aus den Strassenkämpfen retten. Diese Passagiere waren natürlich unheimlich dankbar.

War das auch Ihr emotionalster Flug?

Nein. Normalerweise macht mir der Transport von toten Menschen nichts aus. Aber eines Tages kam ich am Auftragsort an und man brachte vier Body-Bags zum Flugzeug. Obwohl ich nicht sollte, habe ich in die Akte geschaut und herausgefunden, dass es eine Familie, die ertrunken ist, war. Die Kinder waren drei- und fünfjährig. Plötzlich bekamen die toten Menschen Gesichter. Mir kommen noch heute fast die Tränen, wenn ich daran denke.

Haben Sie auch eine typische Busch-Piloten-Geschichte?

Ich landete mal, öffnete die Tür – und dann stand da ein grosser Löwe in kurzer Distanz und fixierte mich. Ich rutschte schnell wieder auf meinen Sitz und machte 40 Minuten lang die Tür auf und zu – bis das Tier endlich weg war. Übrigens sind nicht nur Menschen von Flugzeugen fasziniert: Wir haben stets diese wärmende Muskelsalbe dabei und streichen die Räder damit ein. Das mögen die Hyänen nicht. Sonst fressen sie uns über Nacht die Reifen und andere Plastikteile ab. Ich kam auch schon morgens zum Flugzeug, als sich ein ganzes Rudel Paviane vergnügte. Die Antennen wurden als Musikinstrumente missbraucht und die Strebe war eine tolle Rutschbahn für die Kleinen (die leider noch nicht ganz stubenrein waren ...).

Im Nachhinein betrachtet: Hätten Sie in Ihrer Laufbahn etwas anders machen sollen?

Ich hätte früher bei der Swissair aufhören und den Stier bei den Hörnern packen sollen. Aber schlussendlich glaube ich fest daran, dass alles so kommt, wie es kommen muss.

Was ist das Schönste an Ihrem Job?

Ich gelange an traumhafte Orte. Die faszinierende Natur ist für mich bis heute das Schönste überhaupt. Deshalb habe ich mich auch auf Ihren Aufruf gemeldet. Ich habe so viele schöne Erlebnisse und Aussichten beim Fliegen, die möchte ich gerne mit allen teilen. Buschfliegen ist kein Beruf, es ist eine Berufung.

Christian hat auch ein Video gedreht:

Leser stellen sich vor

Diese Serie dreht sich um das Wichtigste bei 20 Minuten: die Leserinnen und Leser. Jeden Mittwoch wird ein Mitglied der Community vorgestellt. Zu einem monatlich wechselnden Thema erzählen sie aus ihrem Leben. Im Oktober und November geht es um Leser mit ausgefallenen Berufen. Alle Interviews finden Sie hier>>

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