Horror-Crash am Gempen – «Nur noch Staubwolke gesehen und dann ein Quietschen gehört»
Aktualisiert

Horror-Crash am Gempen «Nur noch Staubwolke gesehen und dann ein Quietschen gehört»

Am 19. Juni 2019 verlor der 23-jähriger Fahrer eines McLaren in Dornach SO die Kontrolle über seinen Sportwagen. Auf der Gegenfahrbahn erfasste er einen Velofahrer und verletzte ihn lebensbedrohlich. Dafür soll er nun fünf Jahre und zehn Monate ins Gefängnis.

von
Steve Last
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Der 23-jährige Fahrer des 570 PS starken Supersportautos verlor auf der Gempenstrasse in Dornach SO die Kontrolle und geriet auf die Gegenfahrbahn.

Der 23-jährige Fahrer des 570 PS starken Supersportautos verlor auf der Gempenstrasse in Dornach SO die Kontrolle und geriet auf die Gegenfahrbahn.

Polizei SO
Dort erfasste er einen damals 37-jährigen Velofahrer frontal und fügte ihm lebensbedrohliche Verletzungen zu.

Dort erfasste er einen damals 37-jährigen Velofahrer frontal und fügte ihm lebensbedrohliche Verletzungen zu.

Polizei SO
Am Mittwoch muss sich der heute 25-jährige Unfallfahrer vor dem Bezirksgericht Dorneck-Thierstein wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Gefährdung des Lebens verantworten.

Am Mittwoch muss sich der heute 25-jährige Unfallfahrer vor dem Bezirksgericht Dorneck-Thierstein wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Gefährdung des Lebens verantworten.

Google Street View

Darum gehts

  • Nach einem schweren Verkehrsunfall auf der Gempenstrasse in Dornach SO schwebte ein Velofahrer in Lebensgefahr.

  • Er war am 19. Juni 2019 auf der kurvenreichen Strecke vom McLaren eines damals 23-Jährigen erfasst worden.

  • Am Mittwoch muss sich der Unfallfahrer wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Gefährdung des Lebens vor Gericht verantworten.

  • Die Anklage verlangt eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten. Die Verteidigung will eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten.

Im Juni 2019 verlor ein damals 23-jähriger Fahrer eines McLaren auf der Gempenstrasse in Dornach SO die Kontrolle über das Auto. Er geriet nach einer Rechtskurve auf die Gegenfahrbahn und verletzte einen damals 37-jährigen Velofahrer lebensgefährlich. Das Opfer überlebte mit schwersten Verletzungen, die Staatsanwaltschaft erhob gegen den Unfallfahrer Anklage wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Gefährdung des Lebens.

Am Mittwoch begann die Hauptverhandlung gegen den heute 25-jährigen McLaren-Fahrer vor dem Bezirksgericht Dorneck-Thierstein. Bei ihm handelt es sich um einen Jungunternehmer aus dem Kanton Jura. Er und das Unfallopfer, ein heute 40-jähriger Basler, wurden zu ihren Lebensumständen und dem Crash befragt.

Schwerwiegende Folgen für das Opfer und seine Familie

Der Velofahrer wurde durch die Frontalkollision mehrere Meter bergaufwärts entgegen seiner Fahrtrichtung geschleudert und erlitt schwerwiegende Verletzungen am ganzen Körper, darunter am Kopf und im Beckenbereich. Dies geht aus der Anklageschrift hervor. Vor Gericht sprach der Mann von vielen Operationen und einer veränderten Persönlichkeit seit dem Unfall. «Mein Sohn hatte Angst, dass ich sterbe. Jetzt hat er noch mehr Angst, dass ich nie wieder normal werde», sagte er.

Er kämpfe sich ins Leben zurück, besuche fünf verschiedene Therapien, und das nach sieben Eingriffen und langer Rehabilitation. Noch heute litten er und seine Familie an den Folgen. Arbeitsfähig sei er inzwischen nur teilweise, er brauche aber für alles viel länger und werde schnell müde. Zudem lebe er seit dem Unfall mit dem Risiko, einen schweren epileptischen Anfall zu erleiden.

Lebst du oder lebt jemand, den du kennst, mit einer Behinderung?

Hier findest du Hilfe:

Verzeichnis der Behindertenorganisationen des Bundes

Inclusion Handicap, Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, Information und Rechtsberatung

Auch psychisch leidet er, wie er am Mittwoch sagte. «Aus der Zeit nach dem Unfall fehlt mir etwa ein Monat an Erinnerungen», so der Mann. Das habe er zunächst als Geschenk betrachtet. Später habe er sich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, wäre er gestorben. Als ihm Gedanken gekommen seien, wie er sein Leben beenden könne, habe er sich Hilfe gesucht. «Die Gedanken sind nun weg», sagte er. Zusammen mit seiner Frau besuche er auch eine Paartherapie, die Zukunft sei aber ungewiss.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

«Ich war sicher, dass alles gut kommt»

Der Beschuldigte gab an, dass er zwei Autos überholt habe. Zwar entschuldigte er sich beim Unfallopfer und bot seine Hilfe an, ein Fehlverhalten seinerseits verneinte er aber. Nach dem Überholmanöver habe er gebremst und das Auto habe «irgendetwas gemacht». Darum sei er auf die Gegenfahrbahn geraten. Mit über 90 sei er auf der 80-er-Strecke in der Kurve «nicht viel drüber» gewesen.

Das Gericht konfrontierte ihn mit der Frage, wieso er denn überhaupt vor der unübersichtlichen Kurve überholt habe. Bei berechneten 230 Metern Überholstrecke habe er 100 Meter vor der Biegung das Manöver eingeleitet. Nach der Kurve war er im Gegenverkehr und erfasste das Velo. «Ich dachte, dass alles in Ordnung war. Ich war sicher, dass alles gut kommt», gab er zu Protokoll. Sich selber bezeichnete er als ruhigen und verantwortungsvollen Autofahrer.

Anklage fordert fünf Jahre und zehn Monate

Die Staatsanwaltschaft forderte einen Schuldspruch wegen eventualvorsätzlicher Tötung, Gefährdung des Lebens und mehrfacher qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln. Sie verlangt eine unbedingte Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten. «Er hat völlig unverantwortlich vor einer unübersichtlichen Kurve zwei Autos überholt. Er war bei hohem Verkehrsaufkommen zu schnell unterwegs und waghalsig unterwegs», hiess es im Plädoyer der Anklage. Übereinstimmende Aussagen von Auskunftspersonen würden dies belegen. Die Überholten hätten «nur noch eine Staubwolke gesehen und dann ein Quietschen gehört».

Die Rechtskurve habe er mit knapp 100 Kilometern pro Stunde nicht mehr kriegen können. Das Auto sei auf die Gegenfahrbahn getragen worden, wo es frontal mit dem Velo kollidierte. Er habe den Tod des Opfers nicht gewollt, aber in Kauf genommen. Die Folgen des Unfalls seien gravierend und bis heute nicht abschliessend abschätzbar. Die Verletzungen des Velofahrers seien ärztlich belegt, der Ablauf des Unfalls in einem verkehrstechnischen Gutachten festgehalten.

«Das Überholen war nicht der Grund»

«Es ist schlimm, was mein Mandant getan hat und er muss bestraft werden», gab der Verteidiger in seinem Plädoyer zu. Er bat aber darum, den Beschuldigten für sein Handeln zu verurteilen, nicht für die Folgen. Das Bedauern bei ihm sei gross und er sei noch heute in psychologischer Behandlung. «Das Überholen war nicht der Grund für den Unfall», so der Anwalt. Zur Kollision sei es gekommen, weil der Beschuldigte in Panik geraten sei, als er den Velofahrer nach der Kurve erblickt habe und habe dann die Kontrolle verloren.

Für den Verteidiger ist klar, dass der Beschuldigte auf der richtigen Fahrbahn befand, als er aus der Kurve kam. In den Gegenverkehr sei er nur gekommen, weil der Velofahrer sich in der Mitte der Spur befunden habe statt am Rand, und sein Mandant versucht habe, nach links auszuweichen. «Er tat alles, um den Zusammenstoss zu verhindern», hiess es. «Und nach dem Unfall wollte er unbedingt wissen, wie es dem Velofahrer ging.» Er forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren. Die Forderungen der Privatklage seien auf den Zivilweg zu verweisen.

Das Dreiergericht hat sich zur Beratung zurückgezogen. Das Urteil soll am Donnerstag um 16 Uhr verkündet werden.

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