Aktualisiert 21.06.2020 08:14

Suizid-Betroffene

«Mein Sohn wollte sich von seinem Leiden befreien»

Wie übersteht eine Mutter den Suizid ihres eigenes Kindes? Renate hat nach Kilians (29†) Tod wieder ins Leben zurückgefunden.

von
Autorin: Désirée Pomper, Regie: Désirée Pomper/Tarek El Sayed, Video: Tarek El Sayed

Kilians Mutter Renate und sein bester Freund reden über den Trauerprozess.

Autorin: Désirée Pomper, Regie: Désirée Pomper / Tarek El Sayed, Kamera/Schnitt: Tarek El Sayed

  • In der Schweiz begehen jeden Tag zwei bis drei Menschen Suizid.
  • Renate begleitete ihren kranken Sohn Kilian jahrelang, bevor er sich das Leben nahm.
  • Ihre Söhne und Freunde gaben ihr Kraft zum Weiterleben.

Kilian (ganz rechts) war der jüngste von drei Brüdern. «Er war ein aufgestellter, lustiger Bub», sagt seine Mutter Renate.

Kilian (ganz rechts) war der jüngste von drei Brüdern. «Er war ein aufgestellter, lustiger Bub», sagt seine Mutter Renate.

Foto: dp

«Dass Kilian auf die Welt gekommen ist, ist ein Wunder», sagt seine Mutter Renate. Nach zwei Söhnen hatte sie sich unterbinden lassen. «Die Schwangerschaft zeigte mir aber: Dieses Kind will unbedingt leben.» Ein aufgestellter, lustiger Bub sei Kilian gewesen, sagt Renate und giesst die Grabblumen. Als Jugendlicher habe Kilian häufig schwermütig und bedrückt gewirkt. «Aber das ist in der Pubertät ja nicht so aussergewöhnlich.»

Renate und sein bester Freund Stefan begleiteten Kilian durch seine schwierige Zeit.

Renate und sein bester Freund Stefan begleiteten Kilian durch seine schwierige Zeit.

Foto: dp

Doch Anfang zwanzig wurde Kilian manisch depressiv und entwickelte bipolare Störungen. «In diesen schwierigen Jahren war Kilian viel bei mir, wir haben telefoniert oder SMS geschrieben.» Die Angst, dass er sich etwas antun könnte, sei wie ein Damoklesschwert über ihr gehangen.

Kilian kämpfte gegen schwere Depressionen.

Kilian kämpfte gegen schwere Depressionen.

Foto: dp

Die Nacht vor seinem Tod verbrachte Kilian bei Renate. «Er schlug vor, gemeinsam eine lustige Vorabendserie zu schauen. Ich wollte zuerst noch etwas kochen, aber er wollte, dass ich bei ihm sitzen bleibe. Also bestellten wir Pizza.» Während des Films habe Kilian immer wieder ihre Hand gehalten, was ungewohnt war. Bevor er ins Bett ging, nahm er ihre Hände und fragte: «Mam, schläfst du eigentlich gut?» Anstatt ihr wie üblich zu winken, gab er ihr einen Gutenachtkuss.

Der 29-Jährige war ein begeisterter Musiker.

Der 29-Jährige war ein begeisterter Musiker.

Als Kilian sich am nächsten Tag verabschiedete, beschlich Renate ein ungutes Gefühl. «Ich schrieb ihm eine SMS. Als er mir nicht antwortete, spürte ich, dass etwas passiert war.» Sie setzte sich ins Auto und suchte ihn. Ohne Erfolg. Zurück zu Hause stand ein Polizeiauto auf dem Parkplatz. «Als mir die Beamten sagten, was passiert war, schrie ich nur noch. Ich wollte zu meinem Sohn.» Das sei nicht mehr möglich, antworteten sie. Kilian hatte Schienensuizid begangen. «Dass mein Sohn auf so eine brutale Art aus dem Leben geschieden war, war so unbeschreiblich schrecklich. Auch wenn ich verstand, dass er sich von seinem Wahnsinnsleiden befreien wollte – der Schmerz, der Schock, die Trauer waren unermesslich.»

Kilian spielte Gitarre in einer Band.

Kilian spielte Gitarre in einer Band.

Foto:  dp

Den Weg zurück ins Leben hat Renate dank ihren Söhnen gefunden. «Sie sind das Wichtigste für mich.» Kraft geben ihr auch Freunde, eine Selbsthilfegruppe sowie Zeichen, die ihr Kilian manchmal schicke. «Sei es ein Sommervogel, der immer wieder auf der Terrasse lande, oder ein Regenbogen über seinem Grab.» Sie lache auch wieder, sagt Renate: «Meinen Humor habe ich nicht verloren. Es lohnt sich, weiterzuleben.»

Video-Serie: Suizid-Betroffene

Teil 1: «Warum hat uns Marvin allein gelassen?»
Teil 2: «Mama nahm sich das Leben, während ich schlief.»Teil 3: «Mein Sohn wollte sich von seinem Leiden befreien»
Teil 4: Experte Weisshaupt: «Hinterbliebene brauchen rasch Hilfe»

Hör die Serie auch als Podcast im 20 Minuten Radio auf unserer App.

Hier findest du Hilfe

Hast du Suizidgedanken? Hier findest du Hilfe:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net)
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch)
Regenbogen – Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch)
Aurora – Gemeinschaft jung verwitweter Mütter und Väter (verein-aurora.ch/)
Familientrauerbegleitung – Begleitung für Familien in Trauer (familientrauerbegleitung.ch)

«Jeder verfügt über andere Selbstheilungskräfte»

Jörg Weisshaupt ist Gründer der geführten Selbsthilfegruppen Nebelmeer und Geschäftsführer Verein Trauernetz.

Jörg Weisshaupt ist Gründer der geführten Selbsthilfegruppen Nebelmeer und Geschäftsführer Verein Trauernetz.

Herr Weisshaupt*, was raten Sie Angehörigen von Menschen, die sich das Leben nehmen wollen?
Sie sollen sie so früh wie möglich darauf ansprechen. Es ist wichtig, dass sich das Gegenüber verstanden fühlt. Hilfreich für die Angehörigen ist es, wenn sie sich Hilfe holen und mit einer Fachperson nach Lösungen suchen.Reicht ein Gespräch, eine ambulante Behandlung oder ist ein Aufenthalt in einer Psychiatrie sinnvoll?
Renate hat ihren Sohn Kilian über viele Jahre eng begleitet hat. Dennoch hat er sich das Leben genommen.
Es gibt leider Fälle, wo man das nicht verhindern kann, egal wie früh Angehörige oder Fachpersonen intervenieren.Warum gelingt es den einen Hinterbliebenen, im Leben wieder Fuss zu fassen, und den anderen nicht?
Jeder Mensch verfügt über andere Selbstheilungskräfte. Gewisse Menschen können sich je nach Veranlagung schneller von traumatischen Erlebnissen erholen als andere. Wichtig ist hier eine rasche Nachsorge der Hinterbliebenen.

*Jörg Weisshaupt ist Geschäftsführer des Vereins Trauernetz.ch

1000 Suizide pro Jahr

  • Weltweit sterben jährlich rund 800’000 Menschen durch Suizid.
  • In der Schweiz begingen im Jahr 2016 rund 1000 Personen einen Suizid (ohne Fälle von assistiertem Suizid).
  • Zwischen 214’000 und 259’000 Personen haben mindestens einmal in ihrem Leben ein Suizidversuch unternommen.
  • 80 Prozent aller Menschen, die sich das Leben nehmen, litten an einer psychischen Erkrankung, wobei die Depression die häufigste psychische Erkrankung in der Bevölkerung ist.
  • Suizide gehören nach Krebs- und Kreislauferkrankungen zu den häufigsten Gründen für frühzeitige Sterblichkeit.
  • Die Suizidrate ist seit Mitte der 1980-Jahre rückläufig.
  • 17 Prozent aller Suizide werden durch Erhängen begangen.
  • Knapp 10 Prozent aller Suizide werden durch eine Schusswaffe begangen.
  • Männer sterben etwa dreimal häufiger durch Suizid als Frauen.
  • Suizide stellen gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan die Spitze eines Eisbergs dar.
  • Rund 7,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung gaben 2017 an, mindestens einmal im Verlauf der letzten zwei Wochen vor der Befragung Suizidgedanken gehabt zu haben.
  • Personen, die in städtischen Räumen leben, haben öfter Suizidgedanken als andere. Sowie auch Personen ohne nachobligatorische Bildung und solche mit Migrationshintergrund.
  • Menschen mit Suizidgedanken möchten meist nicht sterben, sondern sehnen sich nach einem Ausweg aus der Krise, nach Ruhe und Frieden.

«Warum hat uns Marvin alleingelassen?»: Der erste Teil der Serie.

«Mami nahm sich das Leben, während ich schlief.» Teil zwei der Serie.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.