25 Femizide in der Schweiz im 2021 - Wenn der eigene Vater die Mutter tötet
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25 Femizide allein dieses Jahr«Mein Vater hat meine Mutti getötet»

Lena war 20 Jahre alt, als ihr Vater ihre Mutter erschlug. Nach der Tat fühlte sie sich im Stich gelassen: von Freund*innen, Polizei, Sozialdienst. Mit ihrem Vater hält sie weiterhin Kontakt – doch Abscheu und Trauer bleiben riesig.

von
Zora Schaad
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18 Jahre sind vergangen, seit Lenas* Vater ihre Mutter Annika* tötete.

18 Jahre sind vergangen, seit Lenas* Vater ihre Mutter Annika* tötete.

privat 
«Ich war 20, ich habe Kunst studiert, oft Party gemacht. Was Zwanzigjährige halt so tun», erzählt Lena. Bis sie eines Tages einen Anruf von ihrem Chef erhielt: «Mit deiner Mutter ist etwas», sagte der Chef. Kurz darauf fand sie heraus, dass ihre Mutter gestorben war. 

«Ich war 20, ich habe Kunst studiert, oft Party gemacht. Was Zwanzigjährige halt so tun», erzählt Lena. Bis sie eines Tages einen Anruf von ihrem Chef erhielt: «Mit deiner Mutter ist etwas», sagte der Chef. Kurz darauf fand sie heraus, dass ihre Mutter gestorben war.

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Erst zehn Tage später – zehn Tage, während denen Lena und ihre Schwester weiterhin bei ihrem Vater wohnten  – wurde er von der Polizei abgeholt. Er gestand, seine eigene Frau umgebracht zu haben. 

Erst zehn Tage später – zehn Tage, während denen Lena und ihre Schwester weiterhin bei ihrem Vater wohnten – wurde er von der Polizei abgeholt. Er gestand, seine eigene Frau umgebracht zu haben.

privat 

Darum gehts

  • Als Lena* 20 Jahre alt war, tötete ihr Vater ihre Mutter Annika*.

  • Zehn Tage später, nachdem Annika durch sie, ihren Vater und ihre Schwester begraben worden war, kam die Polizei ihren Vater abholen. Es wurde klar, dass er der Mörder gewesen war.

  • Lenas Leben geriet darauf aus den Fugen. Depressive Phasen und Probleme, Vertrauen in andere Menschen zu fassen, plagen sie bis heute.

  • Lena ist inzwischen selber Mutter. An Annika denkt sie oft – sie fehlt ihr jeden Tag.

18 Jahre sind vergangen, seit Lenas* Vater ihre Mutter Annika* tötete. Sie mit einem Kissen zu ersticken versuchte. Sie schlug, mit einem Buddha aus Beton, der in ihrem Schlafzimmer stand. Sie die Treppe runterstiess, damit es wie ein Unfall aussah. Und schliesslich mit blossen Händen erwürgte.

Buddhist*innen wie Annika glauben an Wiedergeburt. Jeder Mensch kann sich selbst erlösen, wenn er der Weisheit Buddhas folgt, glauben sie. Für Lena kein Trost.

«Als ich meine Schwester am Draht hatte, war Mutti schon tot»

«Ich war 20, ich habe Kunst studiert, oft Party gemacht. Was Zwanzigjährige halt so tun», erzählt Lena. Während der Semesterferien war Lena in ihr Elternhaus in der Nähe der niederländischen Stadt Den Haag zurückgekehrt, weil sie in einem Vergnügungspark in der Nähe einen Ferienjob gefunden hatte. Kreischende Kinder zwischen Achterbahnen und Minitrains, entspannte Familien, die sich was gönnten.

Eines Morgens: fünf verpasste Anrufe des Chefs auf Lenas Handy. «Ich dachte, in der Organisation des Arbeitstages hätte sich was verändert. Ich rief zurück und er sagte, mit meiner Mutter sei etwas passiert. ‹Mit deiner Mutter ist etwas›, sagte er. Und dass ich meine Schwester anrufen sollte. Als ich meine Schwester am Draht hatte, war Mutti schon tot. 46 Jahre alt ist sie geworden.»

Lena eilte nach Hause zurück, die Schwester war da, der Vater, die Polizei. Die Spuren waren bereits beseitigt worden, das Blut war weg, die Mutter weg. Mutti hätte einen Unfall gehabt, hiess es. Sie sei gestürzt, unglücklich die Treppe runtergefallen. Die Stimmung sei seltsam gewesen, erinnert sich Lena. Etwas hätte in der Luft gelegen. «Die Polizei hat von Anfang an Verdacht geschöpft, dass Muttis Tod kein Unfall war. Doch gesagt haben sie nichts. Irgendwann ging die Polizei. Meine Schwester und mich liessen sie beim Vater – dem Mörder unserer Mutter.»

«Zwei Tage nach der Trauerfeier kam die Polizei meinen Vater holen»

Zehn Tage lang seien sie und ihre Schwester beim Vater geblieben. Gemeinsam hätten sie die Beerdigung vorbereitet, sich überlegt, in welchen Kleidern sie ihre Mutter und Ehefrau in den Sarg betten wollen. Einladungen verschickt, Musik für die Trauerfeier ausgesucht. Über Mutti gesprochen, wie sehr sie ihnen fehle. «Mein Vater hat sich nichts anmerken lassen.» Im Gegenteil: Um die Kratzer an seinem Körper zu erklären, die ihm die Mutter im Kampf zugefügt hatte, erfand er eine Begegnung mit einer aggressiven Katze.

«Zwei Tage nach der Trauerfeier kam morgens um sieben Uhr die Polizei und nahm meinen Vater mit. Vater hätte Mutti getötet, sagten sie. Die Untersuchung der Leiche sei eindeutig gewesen: Würgemale, ein Schädelbruch, mehrere zertrümmerte Rippen und Finger. Nach drei oder vier Nächten in Untersuchungshaft gestand er.»

Ein Jahr sei es gegangen, erinnert sich Lena, bis an Trauer überhaupt zu denken gewesen war. Zuerst sei da nur Schock gewesen, Wut und Unverständnis. Über den Vater. Über die Polizei. Über die Frau eines Sozialdienstes, die einmal vorbeikam, eine Visitenkarte hinterliess und sich nie mehr meldete. Über Freund*innen, die sich abwandten. «Als hätten wir eine ansteckende Krankheit.»

«Ich hatte keine Lust mehr auf deine Mutter, aber scheiden lassen wollte ich mich nicht»

Sie habe viel getrunken in der Zeit. Party gemacht, Ablenkung gesucht. Das Studium geschmissen, ein zweites begonnen, ebenfalls abgebrochen. «Wenn das nicht passiert wäre, wäre ich heute an einem anderen Punkt im Leben, auch beruflich und finanziell. Mehr als ein Teilzeitpensum schaffe ich bis heute nicht.» Depressive Phasen und Probleme, Vertrauen in andere Menschen zu fassen, plagen Lena bis heute.

Trotz allem: Den Kontakt mit dem Vater habe sie nie abgebrochen. «Ich bin ihn immer wieder besuchen gegangen. Zuerst in Untersuchungshaft, später im Vollzug. Ich wollte mit ihm über den Tag sprechen, wollte verstehen, aber es kam nie viel von ihm. Er wirkte normal, unberührt. Das Einzige, was er sagte: ‹Ich hatte keine Lust mehr auf deine Mutter, aber scheiden lassen wollte ich mich auch nicht.›» Gegenüber der Polizei habe er ausgesagt, wenn die Töchter in dem Moment zuhause gewesen wären, wer weiss, ob er sie auch getötet hätte.

Dass Fachleute und Medien bei Femiziden schreiben, der Täter hätte im Affekt gehandelt, empört Lena. «Was heisst das, die Sicherungen brennen durch? Es gibt keinen Grund, einen Menschen zu töten. Meine Eltern hatten vielleicht nicht die beste Beziehung, aber so eine Tat lag nicht auf der Hand. Es gab keine Gewalt, keine krassen Eskalationen. Diese Idee muss längere Zeit in ihm gereift sein.»

«Mutti fehlt mir so sehr. Jeden einzelnen Tag»

Man sehe nicht in Menschen und Beziehungen hinein, sagt Lena. Es sei wichtig, aufmerksam zu sein. «Bitte, fragt, seht nicht weg, reagiert, wenn es in eurem Umfeld in einer Familie Anzeichen auf Gewalt gibt. Und wenn ein Femizid geschieht, lasst die Angehörigen nicht hängen. Meine Schwester und ich waren so alleine damals!»

Lena wanderte aus in die Schweiz, heiratete, gründete eine Familie. Weil sie ihrem Sohn den Grossvater nicht nehmen möchte, sieht sie ab und zu ihren Vater. Seit acht Jahren ist er aus der Haft. «Mein Vater ekelt mich. Ich mag ihm nicht nahe sein. Ob ich ihn hasse? Vielmehr ist da eine riesengrosse Müdigkeit.»

An Annika denkt sie oft – noch mehr, seit sie selbst Mama ist. «Wie gerne ich ihr erzählen würde, welche Fortschritte ihr Enkel macht. Wie froh ich wäre, sie in Erziehungsfragen um Rat zu bitten. Einfach ihre Stimme zu hören. Mutti fehlt mir so sehr. Jeden einzelnen Tag.»


* Namen geändert

«Kinder von Femizid-Opfern leben oft in grosser Zerrissenheit»

Pia Allemann ist Co-Geschäftsleiterin der BIF, Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft.

Pia Allemann ist Co-Geschäftsleiterin der BIF, Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft.

© SABINE WUNDERLIN

Frau Allemann, Lena und ihre Schwester blieben beim Vater, nachdem dieser die Mutter getötet hatte. Er gab vor, die Mutter sei an einem Unfall gestorben. Was macht das mit den Kindern?

Der Vater präsentierte sich vor seinen Töchtern als trauernder Witwer, der sie tröstet oder sich von ihnen trösten lässt und mit ihnen gemeinsam Organisatorisches regelt – und das im vollen Bewusstsein darüber, dass er die Mutter getötet hat. Das ist extremer psychischer Missbrauch, sehr perfid. Und man muss sehen, es ist der eigene Vater, der ihnen das antat, eine der nächsten Bezugspersonen, die junge Menschen haben. Ein solches Erlebnis nach einem Femizid kann zusätzlich traumatisierend wirken. Es überrascht mich nicht, dass Lena bis heute Probleme hat, Vertrauen in Menschen zu fassen.

Ist sowas auch in der Schweiz denkbar?

Ich vermute, dass die Polizei die Töchter aus ermittlungstaktischen Gründen beim Vater liess, was ich verstehe, solange die Situation unklar war. Dieser Femizid ist fast 20 Jahre her, in der Zwischenzeit ist viel gegangen, in der Schweiz und auch im Ausland. Heute wird ein Careteam aufgeboten, das ausrückt und die ersten Tage notfallpsychologische Betreuung leistet. Wir Opferhilfestellen werden erst beigezogen, wenn feststeht, dass es sich um ein Delikt handelt.

Kinder von Femizid-Opfern verlieren häufig auf einen Schlag zwei Menschen: die getötete Person und den Täter, der ihnen oft auch nahe stand.

Ja, das ist sehr tragisch und kann für hinterbliebene Kinder zu grosser Zerrissenheit führen. In Fällen, wo der Vater die Mutter getötet hat, verbieten die Behörden in der Regel, dass minderjährige Kinder nach der Tat in die Obhut der Verwandtschaft des Vaters kommen – sie würden sonst in einen grossen Loyalitätskonflikt geraten und laufen Gefahr, die Wut über den Vater in der Nähe dessen Eltern oder anderer Verwandter nicht ausdrücken zu dürfen. Meist erhalten diese Kinder eine Beiständin oder einen Beistand. Diese Fachperson achtet darauf, dass die Kinder kontrollierten Kontakt zum Vater halten können. Ziel ist es, dass der Vater nicht zum Monster-Phantom gerät, aber auch nicht dargestellt wird als «vermeintliches Opfer». Ohne fachliche Begleitung besteht die Gefahr, dass die Kinder die Sichtweise des Vaters übernehmen könnten. Der Täter als Mensch, der gar nicht anders konnte, als die provozierende, eifersüchtige etc. Frau zu töten.

Lena hat bis heute den Kontakt zum Vater nicht abgebrochen. Ist das typisch?

Ich finde das bemerkenswert, und nein, nicht unbedingt typisch. Es zeigt, wie stark sie ist. Sie wahrt Kontakt, auch weil sie Familienbande aufrechterhalten will, lässt ihn aber nicht zu nah an sich heran.

Lena wirft den niederländischen Sozialdiensten ein Versagen vor. Sie hätten sich nach der Tat zu wenig um sie und ihre Schwester gekümmert.

Die Situation, wie Lena sie schildert, ist gar nicht gut. Auf unserer Fachstelle betreuen wir circa zweimal pro Jahr Hinterbliebene von Femiziden. Wir erleben auch, dass diese kurz nach der Tat noch nicht äussern können, ob sie Hilfe brauchen. Wenn wir den Eindruck haben, dass unser Hilfsangebot aufgrund der Schocksituation abgelehnt wird, nehmen wir erneut Kontakt auf und haken nach. Grundsätzlich gibt es aber auch zu akzeptieren, wenn Menschen keine Hilfe wollen.

Welche Art von Hilfe leisten Sie?

Wir helfen im Trauerprozess und unterstützen Betroffene darin, finanzielle oder therapeutische Hilfe zu finden. Dass Betroffene wie Lena durch eine solche schreckliche Tat aus der Bahn geworfen werden und noch Jahre später psychisch, beruflich, finanziell oder sozial leiden, ist leider kein Einzelfall. Dem wollen wir entgegenwirken.

Lena beklagt auch, dass oft davon gesprochen werde, ein Täter hätte im Affekt gehandelt.

Diese Empörung verstehe ich sehr gut und sie ist auch berechtigt. Die Forschung zeigt, dass solche Delikte keine Reaktionen aus dem Moment heraus sind, sondern dass die Vorstellung im Kopf des Täters oder der Täterin längere Zeit gereift hat. Menschen, von wenigen Ausnahmen mit schweren psychischen Störungen abgesehen, haben ihre Impulskontrolle so weit im Griff, dass sie keine Menschen im Affekt töten.

Lena plädiert dafür, dass man genau hinschaut und seine Mitmenschen fragt, ob zuhause alles in Ordnung ist. Das ist doch Privatsache?

Diese Meinung ist stark in den Köpfen verankert. Aber ich gebe Lena recht. Es gibt oft Vorzeichen psychischer oder physischer Gewalt. Wenn einem im Umfeld etwas auffällt, sollte man sich einen Ruck geben und nachfragen. Zum Beispiel mit den Worten: «Mir ist aufgefallen, dass dich dein Freund schlecht macht. Du bist in seiner Gegenwart oft sehr zurückgezogen. Wie läuft es bei euch?» Wenn Erniedrigungen über längere Zeit anhalten, verlieren Opfer manchmal den inneren Massstab und nehmen die Abwertungen als berechtigt wahr. Hier ist es am Umfeld, korrektiv zu wirken, Sorge zu signalisieren und offene Ohren und Türen anzubieten. Einfach zu sagen, «du solltest dich trennen», wirkt häufig kontraproduktiv, die Frauen verschliessen sich oder verbünden sich mit dem Täter, der gerade «schlecht gemacht» wird. Ja, es braucht Mut. Aber in der Schweiz wird alle zwei Wochen eine Frau durch ihren Partner, Ex, Bruder oder Sohn getötet. 25 Femizide sind es allein in diesem Jahr. Wir sollten alles tun, um das zu verhindern.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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