Doktor Sex: «Mein Vater ist ein einsamer Angsthase!»
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Doktor Sex«Mein Vater ist ein einsamer Angsthase!»

Katarina macht sich Sorgen um ihren Vater, der schon länger Single ist. Wie kann sie ihn zu einer Verhaltensänderung bewegen?

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Nicht immer ist das Alleinsein unfreiwillig. (Symbolbild: Hagi)

Nicht immer ist das Alleinsein unfreiwillig. (Symbolbild: Hagi)

Frage von Katarina (40) an Doktor Sex: Mein Vater lebt seit Jahren allein. Nun hat er aber eine tolle Frau kennengelernt, die ihn sehr zu beleben scheint. Durch die lange Singlezeit und aufgrund einer gewissen Ernüchterung, die sich eingestellt hat infolge seines Jobs als Psychologe der auch mit Paaren arbeitet, will er aber nichts von einer Beziehung wissen.

Lieber als die ihm verbleibenden Jahre mit dieser Frau zu geniessen, will er sich nun von ihr distanzieren und in seinem ihm vertrauten, vermeintlich sicheren, aber total langweiligen und letztlich einsamem Nest bleiben.

Wie bringe ich ihn dazu, seine Angsthasenohren abzulegen und endlich wieder mit allen Sinnen zu leben? Der Alternative, nämlich dass er in seinem trübtraurigen, stillen, einsamen und farblosen Gewässer bleibt, kann ich unmöglich zusehen. Was hindert diesen Mann daran, sich der wunderbar belebenden Verliebtheit hinzugeben?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Katarina

Auf den ersten Blick wirkt deine Sorge rührend. Eine liebevoll zugewandte Tochter, die nur das Beste will für ihren auf die Pension zusteuernden Vater. Schnell wird dann aber klar, wie anmassend und vor allem egoistisch dein Motiv letztlich ist.

Ich werde in meinem Alltag als Berater von Paaren täglich damit konfrontiert, dass eine der beteiligten Personen besser zu wissen glaubt, was gut für die andere ist, als diese selbst. Und auch nach über 20 Jahren als Berater, befällt mich stets ein leichtes Schaudern angesichts dieser Überheblichkeit.

Mit Verlaub: Woher nimmst du die Gewissheit, dass es deinem Vater langweilig ist in seinem Nest? Etwa, weil er sich nicht mehr gängeln lässt von den oberflächlichen Verführungen einer am Abgrund tanzenden Konsumgesellschaft? Oder weil er die Verblendung erkannt hat, die mit dem so hochgelobten Zustand der Verliebtheit einhergeht?

Es gab Zeiten, da gestand man älteren und alten Menschen zu, bescheidener und genügsamer sein zu dürfen als die Jugend – ja sogar ein bisschen ernüchtert und müde vom Leben. Heute, wo schon die Verwendung des Begriffs «alt» obszön scheint und allenthalben nur noch von Senioren die Rede ist, sollte bis an den Rand des Grabs gefeiert und getanzt werden.

Was tut jener, dem diese Oberflächlichkeit zu seicht und die Selbstlüge zu offensichtlich ist? Wie lebt jener, der Endlichkeit akzeptiert und Leiden zulässt?

Ich finde, du solltest deinen Vater in Ruhe und selbst entscheiden lassen, in welcher Form von Gemeinschaft oder Rückzug er sein Leben verbringen will! Wenn du von ihm ablässt, ist er ja vielleicht sogar bereit, mit dir ein tiefschürfendes Gespräch zu führen über seine Einstellung zum Leben und die Frage, wo Lebenssinn in Unsinn kippt. Alles Gute!

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Bruno Wermuth ist Paar- und Sexualberater mit eigener Praxis in Bern und Zürich. Als «Doktor Sex» beantwortet er Fragen von Leser*innen. brunowermuth.ch

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