28.12.2019 17:16

Jugendliche helfen Jugendlichen«Meine Behinderung war mir peinlich»

Der St. Galler Pascal Baumann ist Projektleiter bei der Stiftung MyHandicap. Aus eigener Erfahrung weiss er, was ein Schicksalsschlag bedeutet. Heute hilft er anderen.

von
del
1 / 8
Beim Projekt Jugendliche helfen Jugendlichen können sich Jugendliche mit einer Krankheit oder einer Behinderung austauschen, um besser mit ihrem Schicksalsschlag umgehen zu können. (Symbolbild)

Beim Projekt Jugendliche helfen Jugendlichen können sich Jugendliche mit einer Krankheit oder einer Behinderung austauschen, um besser mit ihrem Schicksalsschlag umgehen zu können. (Symbolbild)

Istock / Yacobchuk
«Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein grosses Bedürfnis da ist, mit anderen Betroffenen zu reden», erklärt Projektleiter Pascal Baumann. (Symbolbild)

«Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein grosses Bedürfnis da ist, mit anderen Betroffenen zu reden», erklärt Projektleiter Pascal Baumann. (Symbolbild)

IStock / Mediaphotos
Der gegenseitige Austausch von Erfahrungen verhilft Betroffenen oft zu einem besseren Verständnis der eigenen Situation.

Der gegenseitige Austausch von Erfahrungen verhilft Betroffenen oft zu einem besseren Verständnis der eigenen Situation.

Pascal Baumann

Durch das Austauschen gleicher Erfahrungen helfen – das ist das Prinzip des Projekts Jugendliche helfen Jugendlichen der Stiftung MyHandicap mit Sitz in St. Gallen. Dort tauschen sich Jugendliche mit anderen jugendlichen Helfern aus, die die gleichen Schicksalsschläge erlebt haben, unter der gleichen Krankheit leiden oder die gleiche Behinderung haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine psychische oder physische Krankheit respektive eine geistige oder körperliche Behinderung handelt.

«Die grundsätzliche Idee des Projekts ist es, den Erfahrungsaustausch unter Betroffenen zu ermöglichen», sagt Projektleiter Pascal Baumann. Der Ostschweizer führt weiter aus: «Jungen Personen fällt es leichter, mit Gleichaltrigen als mit einem Arzt zu reden.»

Projektleiter selbst betroffen

Baumann engagierte sich vier Jahre lang als Peer-Berater und ist selbst von einer Krankheit betroffen: Seit er fünf Jahre alt ist, leidet er an einer MS-ähnlichen Krankheit, wodurch sein zentrales Nervensystem angegriffen wird. «Auf einem Auge sehe ich noch 50 Prozent, auf dem anderen 15 Prozent», erklärt Baumann. Die Krankheit komme schubweise. Weil bis heute keine klare Diagnose möglich sei, könne er auch nicht behandelt werden.

«Bis zur Pubertät habe ich auch nicht darüber geredet, weil es mir peinlich war», sagt Baumann. Inzwischen habe er gemerkt, wie hilfreich es sei, wenn er offen darüber reden und dazu stehen könne. Auch habe er durch den Austausch mit einer anderen Person mit Sehbeeinträchtigung vieles lernen können: «Am Anfang war der Blindenstock für uns beide ein schwieriger Begleiter. Es ist mir auch schon passiert, dass ich aus Versehen jemanden touchiert habe.» Ein Mann habe ihn deswegen hart angegangen und ihn gefragt, ob er nicht wisse, dass man am Morgen keinen Alkohol trinke, erzählt der 25-Jährige. Dank des Austausches mit anderen könne er besser mit solchen Situationen umgehen.

Helfer gesucht

Durch seine eigene Erfahrung und durch jene anderer sei klar geworden, dass ein grosses Bedürfnis nach Erfahrungsaustausch unter Betroffenen vorhanden sei. Deshalb das Projekt. Der Austausch könne so erfolgen, wie die Jugendlichen es wünschten: persönlich, per Telefon, per E-Mail oder anonym im Forum. Zurzeit hat das Projekt 25 jugendliche Helfer, die alle selbst betroffen sind. «Doch

wir suchen noch mehr, denn die Nachfrage ist gross», sagt Baumann.

Wer Helfer werden möchte, wird zu einem Gespräch eingeladen. «So können wir uns kennen lernen, allfällige Fragen klären und uns über Bedürfnisse und die gesundheitliche Situation

austauschen», erklärt der Projektleiter. «Wir klären auch, ob es vielleicht ein Thema gibt, über das jemand mit den anderen Betroffenen nicht sprechen möchte.» Dieses Vorgehen habe sich bewährt, man habe viele positive Rückmeldungen erhalten.

Jugendliche mit einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit, die sich gern mit anderen Betroffenen austauschen oder sich selbst engagieren möchten, können sich unter jugendliche@myhandicap.ch oder unter 071 911 49 49 melden.

Jugendliche helfen Jugendlichen

Dank «Jugendliche helfen Jugendlichen» erhalten Kinder und Jugendliche, die von einer Krankheit oder von einer Behinderung betroffen sind, Mut und Unterstützung. Dies wird erreicht durch den persönlichen Austausch mit anderen Jugendlichen, die das gleiche oder ein ähnliches Schicksal traf. Die hilfesuchenden Jugendlichen erhalten Antworten auf ihre Fragen und einen Erfahrungsaustausch aus erster Hand.

Damit ein Kind oder ein Jugendlicher neuen Mut schöpfen kann, verfügt die Stiftung MyHandicap über ein grosses Netzwerk an jungen Menschen, die ihre Erfahrungen zu ihrer Behinderung oder einer schweren Krankheit gerne weitergeben.

Die Organisation hat auch ihre eigene Facebook-Seite.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.