Airbus-Crash in Tripolis: «Meine Beine tun furchtbar weh»
Aktualisiert

Airbus-Crash in Tripolis«Meine Beine tun furchtbar weh»

Das Schicksal von Ruben, dem einzigen Überlebenden des Flugzeug-Absturzes in Libyen, bewegt die ganze Welt. Nun konnte ein niederländischer Reporter mit ihm sprechen.

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kub/dhr

Die Rückreise aus dem Südafrika-Urlaub ist zu einem Flug in den Tod geworden: Beim Absturz einer libyschen Passagiermaschine im Anflug auf Tripolis sind am Mittwoch 103 Menschen ums Leben gekommen, darunter viele Touristen aus den Niederlanden. Lediglich ein Junge aus den Niederlanden überlebte das Unglück.

«Ich heisse Ruben und komme aus Holland»

Am Freitag konnte ein Reporter der niederländischen Boulevardzeitung «Telegraaf» ein kurzes Telefongespräch mit dem neunjährigen Ruben führen. Der Junge habe zuerst sehr emotional auf das vertraute Niederländisch reagiert. Als er begriffen habe, dass kein Familienmitglied am Telefon war, habe er sich aber schnell wieder beruhigt. «Ich heisse Ruben und komme aus Holland. Es geht ganz gut, aber meine Beine tun furchtbar weh», sagte der Neunjährige, der es offensichtlich genossen habe, seine Muttersprache zu hören.

Nach wie vor weiss der Junge nicht, warum er im Krankenhaus liegt: «Ich liege in einem Krankenhaus. Es hat hier Männer und Frauen. Ich weiss nicht, wie ich hierher gekommen bin, ich weiss sonst nichts», sagte er dem Reporter. «Ich will einfach weitergehen. Ich will mich waschen, anziehen und dann weitergehen.»

Nach Angaben der Ärzte ist Ruben ausser Lebensgefahr. Wegen mehrerer Knochenbrüche an beiden Beinen musste er in Tripolis operiert werden. Seine inneren Organe seien aber intakt, und er atme normal, sagte die behandelnde Ärztin Hamida al Saheli am Donnerstag. Sobald es sein Zustand zulasse, werde er in sein Heimatland gebracht, erklärte das niederländische Aussenministerium.

«Holland, Holland»

Kurz nach dem Absturz des Airbus' beim Landeanflug fanden Helfer den Jungen zwischen den Sitzen des Flugzeuges eingeklemmt. Geschockt habe er nur «Holland, Holland» gerufen, weiss Bild.de zu berichten. Er hatte keinen Ausweis bei sich, konnte auf Fragen nicht antworten. Etwas konnte der schwer Verletzte stammeln, das holländisch tönte. Auf der Passagierliste waren die Namen seiner ganzen Familie aufgelistet.

Wie Bild.de weiss, war Ruben mit seinem Bruder Enzo (11), Mutter Trudy (41) und Vater Patrick (40) zum Hochzeitstag auf einer Safari in Südafrika. Drei Angehörige des Jungen, darunter sein Onkel und seine Tante, reisten umgehend nach Libyen und besuchten das Kind am Tag nach der Katastrophe im Krankenhaus.

Rubens Eltern und sein Bruder kamen bei dem Absturz ums Leben. Das berichtete die niederländische Tageszeitung «Brabants Dagblad» unter Berufung auf die Grossmutter des Kindes.

Suche nach der Unglücksursache

An Bord des verunglückten Airbus A330 waren 93 Passagiere und elf Besatzungsmitglieder. Das niederländische Aussenministerium geht davon aus, dass mindestens 70 Niederländer ums Leben kamen, überwiegend Touristen.

Die Unglücksmaschine kam aus Johannesburg. Die meisten Passagiere wollten nach einem Zwischenstopp in Tripolis weiter nach Europa fliegen. Afrikijah Airways teilte mit, an Bord seien ausser der libyschen Besatzung 58 Niederländer, sechs Südafrikaner, zwei Briten, zwei Österreicher, zwei Libyer, ein Deutscher, ein Franzose und ein Simbabwer gewesen. Die Staatsangehörigkeit der restlichen Passagiere sei noch nicht eindeutig ermittelt.

Der Airbus A330-200 stürzte aus noch ungeklärter Ursache beim Landeanflug auf Tripolis ab. Das Wetter war gut. Die Auswertung von Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder soll nun Aufschluss darüber liefern, warum der Pilot die Landebahn verfehlte. Einen Terroranschlag schlossen die libyschen Behörden aus.

Die Fluggesellschaft Afrikijah wurde im April 2001 gegründet und ist im Besitz der libyschen Regierung. Auf europäischen Flughäfen sei Afrikijah kürzlich zehn Sicherheitsinspektionen unterzogen worden, teilte die Europäische Agentur für Flugsicherung mit. Dabei seien keine gravierenden Mängel festgestellt worden.

Airbus schickte Spezialisten nach Libyen, um die Ermittlungen zur Unglücksursache zu unterstützen. Bei der abgestürzten Maschine handelte es sich um denselben Flugzeugtyp wie bei der Air-France-Maschine, die vor rund einem Jahr vor der brasilianischen Küste in den Atlantik gestürzt war. Damals kamen alle 228 Insassen ums Leben, darunter 28 Deutsche.

Der niederländische TV-Sender «NOS» zeigte erste Bilder des Knaben:

(Quelle: YouTube.com)

(kub/dhr/dapd)

Bundesrat Leuenberger kondoliert Libyen und den Niederlanden

Bundesrat Moritz Leuenberger hat nach dem Absturz einer Passagiermaschine in Tripolis Libyen und den Niederlanden kondoliert. Die meisten der 103 am Mittwoch tödlich verunglückten Insassen waren libysche und niederländische Staatsbürger.

Der Schweizer Verkehrsminister habe in dem Schreiben seine grosse Bestürzung über den Tod zahlreicher Menschen und seine Anteilnahme am Leid der Familien der Opfer ausgedrückt. (sda)

Kinder haben bessere Überlebenschancen

Seit 1970 überlebten gerade mal 13 Menschen einen Flugzeugabsturz. Rund die Hälfte davon waren laut Air­safety.com Kinder. Letztes Jahr etwa überlebte die 14-jährige Französin Bahia Bakari als ­Einzige den Absturz eines Flugzeuges vor den Komoren. 2003 stürzte eine Maschine der ­Sudan Airways ab – einziger Überlebender war der zwei­jährige Mohammed el-Fateh Osman. Laut Kinderchirurg Steffen Berger spricht einiges dafür, dass gerade Kinder solche Unglücke überleben: Wegen ihres leichteren Gewichts richte ein Aufprall weniger Schaden an. Zudem seien die Knochen von Kindern weicher und flexibler, so der Chirurg zu «10 vor 10». Airsafety.com nennt einen weiteren Grund für die besseren Überlebenschancen von Kindern: Ein Flugzeugsessel schützt kleine Körper besser als grosse.

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