14.09.2020 18:26

Loverboys«Meine beste Freundin wurde von ihrem Ex zur Prostitution gezwungen»

Zwei Jahre musste Simone* für ihren «Freund» anschaffen gehen. Ihr bester Freund Louis (26) half ihr, von ihrem Zuhälter loszukommen. Simone ist nicht die Einzige, die von sogenannten Loverboys ausgenutzt wurde.

von
Jacqueline Straub
1 / 5
Nächtelang verbrachte Louis in Zürich auf der Langstrasse, um seine beste Freundin zu suchen. (Symbolbild)

Nächtelang verbrachte Louis in Zürich auf der Langstrasse, um seine beste Freundin zu suchen. (Symbolbild)

RETO OESCHGER/Tamedia
Sie wurde Opfer eines Loverboys, von dem sie zur Prostitution gedrängt wurde. (Symbolbild)

Sie wurde Opfer eines Loverboys, von dem sie zur Prostitution gedrängt wurde. (Symbolbild)

KEYSTONE
Nacht für Nacht bietet Simone auf der Langstrasse in Zürich und in Bars ihren Körper an. «Sie hat manchmal 500 Franken pro Stunde erhalten», so Louis. Was sie dafür genau machen musste, hat sie ihm nicht erzählt.  (Symbolbild)

Nacht für Nacht bietet Simone auf der Langstrasse in Zürich und in Bars ihren Körper an. «Sie hat manchmal 500 Franken pro Stunde erhalten», so Louis. Was sie dafür genau machen musste, hat sie ihm nicht erzählt. (Symbolbild)

Getty Images

Darum gehts

  • Loverboys sind junge Männer, die ihre Freundinnen zur Prostitution drängen.
  • Louis (26) versuchte, seine beste Freundin aus den Fängen ihres Zuhälter-Freundes zu befreien.
  • Doch sie war so abhängig von ihm, dass sie immer wieder zu ihrem Zuhälter zurückkehrte.
  • Anna (23) wurde auch Opfer eines Mannes, der ihr Liebe vorspielte und sie dann zum Anschaffen zwang.

«Nächtelang bin ich die Langstrasse in Zürich abgefahren und habe Kontaktbars abgeklappert, um meine beste Freundin Simone zu suchen. Ich wollte sie aus den Fängen ihres Zuhälter-Freundes befreien», sagt Louis. «Ich hatte oft grosse Angst, dass Simone ins Ausland gebracht wird und ich sie nie wiedersehe.»

Sechs Jahre sind vergangen, seit Simone als damals 18-Jährige im Internet einen 24-jährigen Mann kennen gelernt habe. Sie sei auf der Suche nach einer festen Beziehung gewesen und habe in dem Mann, der sie mit Luxusautos abholte und teure Geschenke machte, die grosse Liebe gesehen. «Plötzlich kam sie mit Gucci-Taschen und Designerkleidern. Sie konnte mir aber nicht sagen, woher ihr Freund all das Geld hatte.» Er habe ihr schöne Augen gemacht und sie so um den Finger gewickelt, erzählt Louis. Mehr und mehr habe der neue Liebhaber Simone von ihren Freunden ferngehalten. «Sie hat sich immer mehr zurückgezogen und ihre weltoffene, lebendige Art verloren. Sie durfte nicht mehr mit mir in den Ausgang, die Telefongespräche wurden weniger, schliesslich brach der Kontakt ab.»

500 Franken pro Stunde

Bereits nach zwei Monaten Beziehung, so erfährt Louis später, habe der Bosnier seiner Freundin offenbart, dass er finanzielle Probleme habe. Er brauche Geld, da seine Grossmutter sich einer teuren Operation unterziehen müsse. Er habe seine Freundin um Unterstützung gebeten: Am schnellsten und einfachsten könne sie ihm helfen, wenn sie gegen Geld mit anderen Männern ins Bett steige.

Nacht für Nacht habe Simone fortan auf der Langstrasse in Zürich und in Bars ihren Körper verkauft. «Sie hat manchmal 500 Franken pro Stunde erhalten», so Louis. Tausende von Franken lieferte Simone ihrem Zuhälter-Freund ab. Keinen Rappen durfte sie behalten. Tagsüber schleppte sich die Detailhandelslernende zur Arbeit oder in die Berufsschule. «Sie war so blind vor Liebe. Und sie war sicher nicht die Einzige», mutmasst Louis.

Sie war ihm hörig

Irgendwann sei Simone am Ende ihrer Kräfte gewesen. Verzweifelt habe sie sich bei ihm gemeldet und ihm alles erzählt. «Was sie mit den Männern genau machen musste, wollte sie mir nicht sagen. Bloss, dass sie als Prostituierte ‹wie eine Ware› behandelt worden sei.» Er habe seine beste Freundin bei sich aufgenommen. Doch der Zuhälter schaffte es immer wieder, die junge Frau mit Liebesversprechen zurückzuholen. «Ich habe mir Vorwürfe gemacht, dass sie nicht geblieben ist. Aber sie war ihm hörig», sagt der Freiburger. Louis durchlebte schlimme Monate, zerbrach innerlich fast.

Doch aufgeben wollte er nicht. Immer wieder habe er versucht, seine Freundin zurückzuholen. Nachts sei er alleine oder mit seinem besten Freund durch Zürich gefahren. Tagsüber sei er völlig übermüdet im Büro gesessen. Seine Gedanken hätten nur noch darum gekreist, wie er Simone retten könne. «Ich habe mir überlegt, zur Polizei zu gehen. Aber hätte ich das gemacht, dann hätte Simone mir nicht mehr vertraut», sagt Louis. Denn sie habe partout keine Anzeige erstatten wollen. Die Angst, dass ihre Eltern davon erfahren könnten, sei zu gross gewesen. «Sie war so sehr von diesem Mann abhängig. Er setzte sie enorm unter Druck und sagte, er habe Bilder und Videos von ihr, die er den Eltern zukommen lassen würde», so Louis.

Zuhälter wartet mit Eisenstange auf Louis

Seine Suchaktionen seien nicht unbemerkt geblieben. Mehrmals habe Simones Zuhälter den 26-Jährigen auf der Strasse abgepasst. «Er drohte mir, dass er mit seinen Kumpels vorbeikommen und mich aufschlitzen würde.» Nach einem Barbesuch habe der Zuhälter mit zwei Eisenstangen auf Louis gewartet. «Ich habe mich gewehrt und ihm die Nase und einen Arm gebrochen.»

Nach zwei Jahren in der Prostitution sei Simone der Ausstieg gelungen. «Ich habe sie in ein Frauenhaus gebracht. Dort wurde sie in ein Schutzprogramm aufgenommen», sagt Louis. Die heute 25-Jährige spreche zweimal pro Woche mit einer Psychologin über das Erlebte. Mit ihren Eltern dagegen rede sie nicht darüber. Auch Anzeige habe sie nicht erstattet – zu gross sei die Angst immer noch. «Um nicht von ihm entdeckt zu werden, zieht sie jedes Jahr in eine andere Stadt.» Auch den Glauben an die Liebe habe Simone verloren. «Ich befürchte, dass sie nie wieder eine normale Beziehung führen kann», so Louis.


*Name geändert.

«Er war so liebevoll»

«Er war so liebevoll und hat mir immer gesagt, wie schön ich sei und dass ich die perfekte Frau für ihn bin», sagt Anna* (23). «Doch dann drängte er mich, für ihn anschaffen zu gehen.»

Mit 19 Jahren habe Anna den zehn Jahre älteren Mann, der ihr den «Himmel auf die Erde holte», im Internet kennen gelernt. Rasch habe sie sich verliebt und viel Zeit mit ihm verbracht. Nach und nach habe ihr Freund Anna aber von ihren Freunden und ihrer Familie isoliert. «Schon nach wenigen Wochen hat er mir gesagt, dass er kein Geld hatte, und mich gebeten, ihm zu helfen.» Da sie neben dem Studium gejobbt habe, hätte sie etwas Geld gespart. 3000 Franken habe sie ihm mit der Abmachung gegeben, dass er das Geld wieder zurückzahlen müsse. «Das tat er nicht», so die Studentin.

Mit Pillen gefügig gemacht

Plötzlich habe ihr Freund davon gesprochen, dass Anna mit anderen Männern schlafen solle. «Er lud Kollegen ein und erwartete, dass ich mit ihnen ins Bett ging. Er wollte Videos davon machen. Ich habe aber nicht mitgemacht.» Um sie gefügig zu machen, habe er ihr Ecstasy gegeben. «Er hat mir immer wieder gesagt, dass ich mich prostituieren muss, um ihm zu helfen. Ich musste ihm alles Geld geben.» Um die Zwangsprostitution zu überstehen, habe Anna begonnen, Cannabis zu rauchen. «Bis heute bin ich nicht davon losgekommen.»

Später habe sie erfahren, dass ihr Freund noch weitere Frauen hatte, die er ebenfalls zur Prostitution gezwungen habe. «Eine hat er sogar geschwängert und sie zur Abtreibung gezwungen», sagt Anna. Jedes Mal, wenn sie versucht habe, auszusteigen und von ihrem Zuhälter-Freund wegzukommen, habe er sie wieder gefunden. Wochenlang sei das so gegangen – bis sie einfach nicht mehr gekonnt habe.

«Ich habe mir psychologische Unterstützung gesucht und mich von meinem Freund getrennt. Mein Glaube und meine Eltern, die alles wissen und voll und ganz hinter mir stehen, haben mir dabei geholfen.» Sie habe ihren Zuhälter angezeigt, die Anzeige allerdings wieder zurückgezogen, nachdem er ihr gedroht habe, allen zu erzählen, dass sie sich prostituiert habe. Heute versuche sie, durch psychologische Betreuung das Erlebte aufzuarbeiten. «Ich bin noch immer ein Wrack, aber ich lebe noch.»

*Name geändert.

Loverboys sind junge Männer, die ihren Freundinnen die grosse Liebe vorgaukeln, ihnen anfangs teure Geschenke und sie systematisch von sich abhängig machen. Sie isolieren die jungen Frauen zunehmend von Freunden und Familie und führen sie Schritt für Schritt in die Prostitution. Das Ziel der Zuhälter ist es, möglichst viel Geld mit den Frauen zu verdienen. Das Beratungs- und Schulungszentrum Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung ACT212 verzeichnet über 30 Meldungen mit Verdacht auf die Loverboy-Masche. Die Schweizerische Kriminalprävention allerdings spricht von Einzelfällen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.